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Joy Denalane im Grazia-Talk: "Frauen können sich zusammentun und eine unglaubliche Kraft entwickeln."

Von Aminata am Freitag, 17. März 2017 um 17:20 Uhr

Lange nichts von der Berliner Soulqueen Joy Denalane gehört, was? Keine Sorge, sie ist wieder da! Mit Wumms in der Stimme – und einer extrastarken Meinung. Etwa zum Thema Gleichberechtigung.

 

Ihre Eltern waren sicherlich optimistisch, als sie ihr Kind vor 43 Jahren Joy, also "Freude" nannten. Schließlich hätte aus Joy Denalane auch ein Griesgram werden können, aber im Nachhinein muss man sagen: Sie hatten mit der Namenswahl sooo recht. Die Sängerin, die 1999 mit der Band Freundeskreis und dem Hit "Mit dir" ihren Durchbruch schaffte, füllt jeden Raum mit positiver Energie und einem mindestens vierstöckigen Lachen. Wir trafen Joy beim Kampagnen-Shooting für Zalando in Berlin, wo sie mit Ehemann und Musiker Max Herre und den gemeinsamen Kindern wohnt. Natürlich ging es um Mode und Musik, ihr neues Album "Gleisdreieck" wurde schließlich gerade veröffentlicht. Aber auch Themen wie Rassismus und Gleichberechtigung liegen Joy am Herzen.

GRAZIA: Sie haben Ihre Fans ja ordentlich warten lassen. Das letzte Album kam vor sechs Jahren raus. Was war los?

Joy Denalane: (lacht) Eigentlich war ich die ganze Zeit mit Musik beschäftigt. Vor meinem aktuellen Album habe ich noch eins aufgenommen.

Und was ist damit passiert?

Es sollte veröffentlicht werden, wurde es aber nie. Im letzten Moment habe ich mich dagegen entschieden. Ich dachte: "Nee, das ist eine Wiederholung dessen, was ich bereits gemacht habe." Also habe ich das komplette Album verworfen und ganz neu angefangen. Dabei ist "Gleisdreieck" entstanden. Vom Material her habe ich Songs für drei Alben.

Es war also ein längerer Prozess …

Ja, es geht einem nicht immer alles so einfach von der Hand. Das sieht man ja in der Mode auch. Manche Kollektionen sind der Hammer, und die danach folgenden misslingen. 

Im Rahmen der Zalando-Kampagne zeigen Sie Ihren persönlichen Look in einem Mix aus Street-Styles und Premium-Labels. Wie war das für Sie?

Ich liebe den Layering-Look und mische auch Dinge, die eigentlich nicht so zusammenpassen. Da habe ich überhaupt keine Angst, und die Remix-Fashion-Kampagne von Zalando zelebriert den Mix verschiedener Stile und Marken. Das war also sehr passend und spannend. Bei Berliner Frauen geht es mehr um den Bruch als um die Perfektion. 

Wieso ausgerechnet bei den Berlinerinnen?

Weil die Stadt auch irgendwie imperfekt ist und ich das Gefühl habe, dass sich diese Imperfektion im Stil der Berliner widerspiegelt. 

Sie sind Tochter eines Südafrikaners und einer Deutschen und waschechte Berlinerin. Auf Ihrem neuen Album fragen Sie sich aber, wo Ihr Zuhause ist.

Die Frage hat sich vor allem in letzter Zeit durch die neue Situation in unserem Land intensiviert. Als jemand, der nicht dem Bild der Mehrheit entspricht, bekomme ich die Flüchtlingskrise und die daraus resultierenden Ängste und Unsicherheiten der Gesellschaft anders mit. Es gibt Menschen, sie sich dazu bewogen fühlen, feindselig zu sein oder ihre Mitmenschen zu diskriminieren. Das habe ich jetzt vor zwei Jahren zum ersten Mal nach langer Zeit wieder gemerkt.

Inwiefern?
In der U-Bahn sind einige Fahrgäste angewidert aufgestanden, als ich mich neben sie setzte. Oder es gibt Menschen, die vor meiner Nase über die "verdammten Flüchtlinge" herziehen, die jetzt herkommen und unsere Arbeit wegnehmen und das Land aus seinen Fugen heben.

Furchtbar!

Ich glaube schon, dass für viele dieser Stimmungsumschwung spürbar ist und man dadurch zu einer Auseinandersetzung mit diesem Thema gezwungen wird. Sicher, es gibt auch die Möglichkeit, in dieser Welt zu leben und es einfach vorbeiziehen zu lassen, wenn man so aussieht wie ich. Es gibt viele, die sagen: "Ich weiß gar nicht, was du meinst." Vielleicht haben die aber auch eine andere Durchlässigkeit. 

Würden Sie sich wünschen, dass noch mehr Leute den Mut hätten, den Mund aufzumachen?

In ungemütlichen Zeiten muss man in der Lage sein, aufzustehen. Auch wenn man alleine ist. Das ist nicht leicht. Aber wenn man etwas im Kopf hat, von dem man denkt, es sei wichtig, dann muss man es in Kauf nehmen, dass man auf dem Weg zum Ziel Leute trifft, die einen nicht ernst nehmen.

Und das betrifft Frauen immer noch stärker als Männer?

Absolut. Aber ich sage immer: Frauen können sich zusammentun und eine unglaubliche Kraft entwickeln. Manchmal vergessen wir das, weil wir auch mit der Vorstellung groß werden, dass es nur wenige gibt, die es schaffen werden. Männern muss es nicht gesagt werden, Männer gehen einfach davon aus, erfolgreich sein zu können. Der Platz für Frauen ist einfach noch sehr begrenzt. Vor allem in Führungspositionen – ganz egal, in welchem Bereich. 

Das sorgt wiederum für Unmut …

Klar, in diesem Gefühl von Limitierung verlieren wir uns oft. Statt uns zu solidarisieren, stechen wir uns damit aus. Ich verstehe das, und ich kenne auch das Gefühl von Konkurrenzdruck und Neid, aber das ist falsch. Wir müssen zusammenhalten. Dann ist es powerful. 

Interview: Aminata Belli