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Ich konnte kein Baby bekommen, aber fand dennoch Glück

Von GRAZIA am Freitag, 10. November 2017 um 16:32 Uhr

Jahrelang überschattete ein unerfüllter Babywunsch ihre Liebe. Heute sind Franziska Felber (38) und ihr Mann auch ohne Nachwuchs happy. Doch der Weg war schmerzhaft.

Vor kurzem haben mein Mann und ich Urlaub im Piemont gemacht. Eine kleine Ferienwohnung, liebevoll hergerichtet in einem früheren Kuhstall, leckeres Essen, traumhafte Abende am Pool und lauter fröhliche Familien um uns herum. Und ich genoss es, den Kleinen beim Spielen zuzusehen und später, wenn die Eltern sie ins Bett brachten, bei einem Glas Wein auf der Terrasse zu bleiben – und einfach glücklich zu sein. Dabei hätten die vielen Kinder noch vor ein paar Jahren dafür gesorgt, dass ich sofort wieder die Koffer gepackt hätte. Denn ich wünschte mir nichts so sehnlich wie ein eigenes Baby. Und dieser Wunsch bestimmte mein gesamtes Leben.

Bei uns ging alles ganz schnell – vom Kennenlernen bis zur kirchlichen Trauung waren es knapp anderthalb Jahre. Und bereits nach wenigen Monaten Beziehung hatten mein Mann und ich beschlossen, dass wir ein Kind wollten, und es von da an auch versucht, allerdings vergeblich. Selbst nach den wunderbaren Flitterwochen, die wir über Silvester in der Karibik verbrachten, wurde ich nicht schwanger. Und auch in den Monaten danach tat sich nichts – es sah nicht so aus, als ob sich unser Babywunsch schnell erfüllen würde. Ich weiß nicht, ob es Fluch oder Segen ist – aber zum Glück wusste ich damals nicht, was ich in den kommenden Jahren alles erleben und ertragen müsste.

Denn kaum ist man, wie ich damals, knapp über dreißig, (frisch) verheiratet und kinderlos, wird man sowohl im beruflichen als auch privaten Umfeld ständig mit Vorurteilen konfrontiert. Die einen (be)fördern einen nicht mehr weiter, weil sie annehmen, dass die Frau ratzfatz in die Babypause gehen wird und es sich nicht lohnt. Die anderen unterstellen einem, man sei beruflich derartig ambitioniert und egoistisch, dass man bewusst keinen Nachwuchs wolle.

Ein unerfüllter Kinderwunsch kann das gesamte Leben beeinflussen. Der Babybauch der Freundin oder Kollegin wird plötzlich so unerträglich, dass man Verabredungen mit fadenscheinigen Ausreden absagt. Lapidar dahergesagte Sätze à la "Kinder machen das Leben erst lebenswert" oder "Deine Mutter würde sich doch sicher über ein Enkelkind freuen" treffen einen mitten ins Herz.

Nach einem Jahr des "Übens" entschieden wir uns, eine Kinderwunschklinik aufzusuchen. Heutzutage kann man sich ja nur schwer vorstellen, dass es Probleme gibt, die nicht irgendein Experte beheben kann. So wie man einen Klempner bestellt, wenn der Wasserhahn tropft. Daher ging ich die künstliche Befruchtung zunächst optimistisch an – auch wenn die Nebenwirkungen der vorbereitenden Medikamente teilweise extrem waren. Die Hormonspritzen ließen meinen Bauch aufgehen, als wäre ich bereits im vierten Monat schwanger. Ich litt unter Durchfall, der mich derartig auslaugte, dass ich in meiner Wohnung stürzte und mir den Kiefer brach. Ich lag sieben Wochen lang im Krankenhaus.

In dieser Zeit wurde mir klar, dass es auch Probleme gibt, die man nicht mit dem nötigen Kleingeld und einem fähigen Fachmann aus der Welt schaffen kann. Vielleicht gab es doch so etwas wie Schicksal. Und vielleicht war es unseres, kinderlos zu bleiben. Ich war unendlich dankbar, als mein Mann bei einem seiner Krankenbesuche sagte: "Ich wünsche mir wirklich Kinder mit dir. Aber wenn der Preis dafür ist, dass es dir so schlecht geht, dann verzichte ich darauf."

Nachdem auch der nächste Versuch, mit dem ICSI-Verfahren schwanger zu werden, scheitert, fiel ich in ein richtig tiefes Loch. Ich zog mich zurück, hielt die Fassade im Berufsleben aufrecht und war dadurch so angestrengt, dass ich zu Hause nur noch matt auf dem Sofa liegen konnte. Mir war bewusst, dass ich meinem Mann eine Bürde war. Wie schön wäre es gewesen, wenn ich über diese Gefühle mit jemandem hätte sprechen können, der sie selbst durchlebt hat. Aber so jemanden gab es nicht, weil das Ganze ein Tabuthema ist.

Ich googelte nach Hilfsangeboten für meine spezielle Situation. Aber nirgendwo fühlte ich mich wirklich aufgehoben.

Schließlich fiel mir ein, dass ich im beruflichen Kontext gute Erfahrung mit systemischem Coaching gemacht habe. Ich mag die pragmatische Art, die Dinge zu sehen, das Augenmerk nicht auf die Vergangenheit zu richten, sondern auf die Zukunft. Ich suchte nach einem Kinderwunschcoach, der mit diesem Verfahren arbeitet, und fand: niemanden.

Dann stieß ich im Internet auf ein berufsbegleitendes Seminar zum systemischen Coaching und kam ins Grübeln. Ich entschied: Ich möchte mich mehr auf das konzentrieren, was in meinem Leben gut ist, statt auf das, was mir fehlt. Um das zu lernen, wollte ich diese Ausbildung machen. Und wenn sie mir dann auch noch beibringen, wie ich anderen auf einem ähnlichen Weg begleiten kann, ist das bestimmt auch kein Schaden.

Einen letzten ICSI-Zyklus sollte es noch geben. Danach wäre Schluss. Wir hätten getan, was wir konnten. Und sollte dieses Kind sich dennoch nicht zu uns gesellen, dann wollten wir ab jetzt dafür sorgen, dass wir nicht weiter einem Traum hinterherliefen, sondern endlich anfingen, unser Leben zu leben. Auch der dritte Versuch scheiterte, und wir kämpften uns noch einmal durch Phasen der Trauer und Enttäuschung. Doch nach und nach lernten wir, unsere Kinderlosigkeit umzuwerten.

Wir sagen uns heute, dass wir nicht kinderlos sind, sondern kinderfrei. Spontane Reisen, romantische Dinner, mitten am Tag miteinander kuscheln können – wir genießen die positiven Aspekte unserer Zweisamkeit, statt über das nachzudenken, was uns fehlt. So banal es klingen mag: Ich schenke den kleinen Glücksmomenten mehr Aufmerksamkeit. Den ersten Sonnenstrahlen im Frühling, einem guten Essen, dem Lächeln eines Fremden. Und ich habe mein Leben selbst in die Hand genommen, anstatt es von einer vagen Hoffnung bestimmen zu lassen. Ich kündigte meinen Job und machte mich als Kinderwunschcoach selbstständig. Ich wollte das Angebot schaffen, das ich damals selbst nicht gefunden habe.

Heute kann ich wieder die Freude teilen, wenn Freunde mir von ihrer Schwangerschaft erzählen – ganz ohne bitteren Nachgeschmack. Einfach, weil ich mein Glück gefunden habe. Mit meinem wunderbaren, klugen, zauberhaften Mann. Und ohne Baby.