Lifestyle

Die Superfood-Lüge

Von Jana am Donnerstag, 21. September 2017 um 18:12 Uhr

Gut möglich, dass Ihnen gleich die Goji-Beere im Hals stecken bleibt. Aktuelle Untersuchungen zeigen: Der Ruf der gehypten Lebensmittelexoten ist weitaus besser als ihre Wirkung. Und manche Snacks sind sogar schädlich…

 

Es ist immer sehr verlockend, wenn für komplizierte zusammenhänge einfache Lösungen winken. Und fast immer tückisch! Das gilt für die Politik, aber auch für die Beziehung, den Job und unsere Ernährung. Superfoods sind so etwas wie die Superhelden im Kühlschrank (oder in der Tablettenbox). Exotische Açaí-Beeren, Amaranth, Alge & Co. enthalten zwar tatsächlich meist große Mengen Antioxidantien, sind sehr vitaminreich und spenden langfristig Energie. Der Hype um die bis vor wenigen Jahren hierzulande unbekannten Action-Snacks steht aber in keinem Verhältnis zu ihrer tatsächlichen Wirkung (die übrigens in kaum einem Fall wissenschaftlich belegt ist)!

 

Ihren Wundermittelruf verdanken sie vor allem geschicktem Marketing

Hey, hier kommen die Avengers unter den Lebensmitteln, die zur Rettung eilen, wenn alles andere versagt (oder, seien wir mal ehrlich: uns zu kompliziert ist). Egal, was für Fast Food man sich vorgestern zwischen Tür und Angel reingepfiffen und wie viel Prosecco man gestern mit den Mädels vernichtet hat: Ein Löffel Spirulina-Pulver im Smoothie plus eine Handvoll getrocknete Goji-Beeren im Müsli bügeln unsere Sünden einfach weg, bringen den Teint zum Strahlen, lassen die Pfunde purzeln und die Falten schwinden – so die Hoffnung und das Versprechen. Tja, nur finden Experten gerade nach und nach heraus, wie supernaiv es ist, die Lobhudeleien über Superfoods nicht zu hinterfragen. Kokosöl? Nicht gesünder als Butter! Spirulina, die Blaualge, die entgiftend wirken soll?

Erschreckende Ergebnisse

Voll mit Schadstoffen! GRAZIA hat die neuesten Erkenntnisse zusammengetragen und bereits das ein oder andere Hipsterkorn aus der Redaktionsküche verbannt. Gut, wir wollen mal nicht so sein und müssen zugeben: Superfoods zaubern durchaus ein Lächeln aufs Gesicht – auf das des Einzelhandels! Der aktuelle Umsatz mit Chiasamen beispielsweise hat sich 2016 im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt, und zwar auf etwas über 23 Millionen Euro. Wenigstens hier ein, öhm, gesundes Ergebnis…

ACAI-BEEREN
Kein Mensch weiß, wie man ihren Namen ausspricht! Im freundlichen Saftladen um die Ecke hörten wir schon die Varianten „Akai“, „Assei“ und „Aka-Ih“ (richtig ist „Assa-i“). Das Hauptproblem ist aber, dass Açaí zwar entgiftende Stoffe enthält, davon aber einen hohen Anteil einbüßt, wenn sie für den Gebrauch getrocknet und zu Pulver gemahlen wird. Heimische und frisch genießbare Lieferanten wie Rotkohl, Heidelbeeren oder Holunder nehmen es bei der Antioxidantiendosis locker mit dem umständlich verarbeiteten Wundermittel auf. Weizengras Über Weizengras heißt es in Ernährungsblogs: Senkt den Cholesterinspiegel! Beruhigt Magen und Verdauung! Hilft gegen Allergien! Beugt Krebs vor! Die Inhaltsstoffe, auf die das zurückgeführt wird, findet man allerdings auch beispielsweise in Lauch. Nur ist der eben nicht so sexy, und Victoria Beckham hat davon noch nie im Interview geschwärmt… Lauch braucht also bessere PR, so einfach ist das. Goji-Beeren
Abgesehen davon, dass sich auch dieses Superfood in den hochgepriesenen Antioxidantienmengen kaum von weniger hippen Vitaminspendern wie Johannis oder Erdbeeren unterscheidet, gehören Goji-Beeren zu den Obstsorten mit der höchsten Pestizidbelastung! Finden wir gar nicht super.

ROHKAKAO
Dass Bitterschokolade Polyphenole enthält, die den Blutdruck senken, stimmt. Doch in Rohkakao steckt, entgegen der Superfood-Mär, nicht mehr davon, denn alle Bohnen werden fermentiert, damit sie genießbar werden. Und das zerstört mehr Polyphenole als die Röstung. Genauso wenig appetitlich wie eine ungeröstete Kakaobohne (kein Schokogeschmack!) ist übrigens eine Entdeckung der Zeitschrift „Öko-Test“. Die fand in Rohkakao mit Biosiegel Mückenschutzmittel.

CHIASAMEN
Reich an Eiweiß und gesunden Fetten, lange sättigend – und sauteuer. Ernährungsexperten sind sich einig: Wer einfach Leinsamen auf sein Müsli streut, erreicht zum halben Preis den gleichen Effekt und
schont außerdem die Umwelt, denn im Gegensatz zu Chia hat Leinsaat keine lange Reise aus Südamerika hinter sich.

KOKOSÖL
Hört sich nach Urlaub an, macht die Haut weich, und von „guten“ Fetten haben wir ja alle schon gehört. Das Dumme ist nur: Kokosöl ist, trotz des Hypes, gar kein „gutes“ Öl! Es besteht zu 92 Prozent aus gesättigten Fettsäuren und gilt daher unter Ernährungsexperten als genauso schädlich wie tierische Alternativen.
Spirulina Vor allem hier schütteln Experten den Kopf, denn der Klassiker unter den Superfoods enthält, wie Stichproben ergaben, oft so viel Mineralöl, dass man sich mit Recht Sorgen machen kann. Zwar gibt es noch keine anerkannte Obergrenze für den Tageskonsum von Mineralöl (dessen Spuren in vielen Lebensmitteln zu finden sind), aber 10 g Spirulina-Pulver decken schon mal ein Viertel von dem ab, was wir durchschnittlich pro Tag mit NichtsuperSnacks zu uns nehmen. Na, toll…