Ruth Moschner: Grün ist das neue Schwarz!

Gut, eigentlich müsste es in Berlin heißen: Grün ist das neue Rot – schließlich ist Renate Künast seit Jahren erstmals eine ernsthafte Konkurrentin für den amtierenden Wowi. Sie ist zwar nicht sexy, dafür aber reich an Erfahrung, was die Umsetzung ökologisch wertvoller Möglichkeiten für eine bessere Zukunft angeht. Und das ist gut so. Oder etwa nicht?

Ruth Moschner schreibt in ihrer Kolumne über Umweltbewusstsein

In Zeiten von Finanzkrise und täglichen Terrormeldungen braucht man als Normalsterblicher doch manchmal auch seine "Rundum-Sorglos-Oase" und das bedeutet für mich eben auch, mal NICHT ständig darüber nachdenken zu müssen, ob mein Salat nun eine Waldorfschule besucht hat oder ob Kichererbsen auch noch lachen, wenn sie schon im Topf liegen. Verstehen Sie mich nicht falsch.

Ich bin eine Ökotussi durch und durch. Ich fahre jede innerstädtische Strecke mit dem Fahrrad, beruflich wird die Bahn bevorzugt, ich habe Energiespar-Kochtöpfe und eine Wasserspar-Dusche und meine neue Waschmaschine ist natürlich auch voll konkret korrekt. Mein Strom ist schon seit Jahren grün und ich nehme Tetra Pak-Getränkekartons, denn die sind nicht nur irgendwie clever, sondern werden aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt und tragen oft sogar das FSC-Siegel.

Passt, denn schließlich möchte man sich mit Mitte 30 auch gerne das ein oder andere erneuern. Nicht, dass ich unzufrieden bin. Bio formte diesen Körper, für den ich in letzter Zeit – dank Schoko-Diät - doch schon das ein oder andere Kompliment geerntet habe. Aber selbst gut gemeinte Kommentare sind nicht unbedingt schadstofffrei. Zum einen denkt man als Frau doch sofort, "wenn die mich jetzt hübsch finden, fanden die mich doch früher einfach nur fett!" oder man fragt sich, ob man mich wegen meiner nun ansehnlicheren Kehrseite nun doch am liebsten von hinten betrachtet.

Das Modelabel Amant Maitresse hat mich immerhin nun bereits zum zweiten Mal als Model gebucht. Die Kleider sind der Hammer. Und irgendwie auch ein bisschen öko, denn sie werden in Deutschland hergestellt und nicht von armen indischen Kindern während einer brutalen Nachtschicht zusammengeklöppelt.

Mittlerweile bietet der weltweite Aufhübschungsmarkt allerlei modische Schmankerl: Kleidung aus Hanf, Milch oder Algen. Wahnsinn. Das erinnert ein bißchen an die erste essbare Unterwäsche aus dem Erotikshop. Die war aus Zucker und saß überhaupt nicht. Aber auch bei Milch oder Algentextilien möchte man doch eigentlich nicht wissen, wie die sich verändern, wenn man sie längere Zeit der Luft und der Wärme aussetzt. Apropos Wärme - Ja, ich stand auch schon mal im Hochsommer eine Minute länger vor dem geöffneten Kühlschrank, um mir den Bauch zu kühlen. Und in meinem Badezimmer stehen La Mer, Kiehls und Chanel. Nicht besonders p.c., ich weiß. Aber wenigstens lasse ich mir kein Botox in die Sorgenfalten spritzen – obwohl die Fanschaft behauptet, es sei vollständig biologisch abbaubar. Man muss nicht alles glauben, was einem die Öffentlichkeit in punkto "grüner Lebensweise" so vorgaukeln will.

Grade in Sachen Schönheit und Mode versetzt der Glaube größere Berge als der Klimawandel die Polkappen zum Schmelzen bringt. Der Verfall läßt sich zwar durch nichts völlig stoppen, aber verlangsamen. Vergänglichkeit hat ja auch ihr Gutes. Sonst würde man heute noch beim Shoppen von Brontosauriern zertrampelt werden. Und glauben Sie mir, dem Dino wäre es völlig wurscht, ob es sich hierbei um einen Bioladen oder einen Discounter handelt. Man kann schließlich auch nicht aus jedem Feind eine Handtasche machen lassen.

Trotzdem: hätte der liebe Gott gewollt, dass wir nicht nachdenken, hätte er uns kein Gehirn geschenkt und wir würden nachwievor die Beine dummbräsig vom Feigenbaum baumeln lassen. Ich will mehr und das mit Geist und Spaß an der Materie. Eine nachhaltige Lebensweise macht auf Dauer nämlich glücklicher und zufriedener als ein faltiges übergewichtiges Reptil, welches alles tottrampelt, was sich ihm in den Weg stellt. Alleine wer damit anfängt immer brav das Licht auszuschalten, wenn er den Raum verlässt, hat mehr vom Leben. Wichtig ist nur, es beim Betreten des Raumes wieder anzuschalten, sonst rennt man womöglich noch irgendwo gegen.

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