Lifestyle

Digital Overload: Sind wir eigentlich alle Internet-süchtig?

Von Christina am Montag, 15. August 2016 um 16:10 Uhr

Katrin Bermbach, Mitgründerin von Selfapy, Deutschlands erstem psychologisch geleiteten Online Selbsthilfeportal für Menschen mit Depressionen, Angststörungen und Burnout, erklärt was hinter unserer Abhängigkeit vom Smartphone und Internet steckt und warum das Dauersurfen und Netzwerken unsere Psyche belasten kann.

Ob wir unser Essen so häufig fotografieren würden, wenn wir nur eine analoge Kamera zur Verfügung hätten? Heute blättern wir zwar nostalgisch durch liebevoll zusammengestellte Fotoalben, aber ein neues anlegen? Das machen die wenigsten.

Stattdessen geht der Griff lieber zum Smartphone, auf dem tausende Bilder sofort abrufbar sind und neue in Sekundenschnelle hinzu kommen können. Die Verlockung ist groß, schöne Erinnerung mit anderen zu teilen und warum nicht, schließlich bietet das Internet mit Instagram, Facebook und CO. genügend Platz dafür.

Aber die virtuelle Welt hat auch ihre Schattenseiten

„Zu Zeiten meines Psychologie-Studiums ertappte ich mich häufig, wie ich zwischen den Sachbüchern immer wieder zum Handy griff und meine Freunde auf Facebook verfolgte. Alle anderen schienen das perfekte Leben zu haben, ich dagegen arbeitete. Der ständige Vergleich löste ein ziemlich mieses Gefühl in mir aus“, gibt die junge Psychologin offen zu. Inzwischen wissen wir, dass der soziale Vergleich zur Normalität geworden ist und Einzug in den Alltag gehalten hat. Während der Wettkampf um das schönste Reiseziel oder die neuste Handtasche oder die längste Joggingstrecke Menschen mit einem starken Selbstbewusstsein anspornt als „Sieger“ aus dem Tagesvergleich hervorzutreten, hat es für emotional labile und unsichere Menschen negative Auswirkungen: Anstatt sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren, sehen sie nur ihre vermeintlichen Schwächen und Mängel und haben das Gefühl, nicht zu genügen.

 

 

Ein von King Kylie (@kyliejenner) gepostetes Foto am

 

„Diese Gedanken können zur psychischen Belastung werden. Ein realistischer Blick, der einzuordnen weiß, dass es sich bei all den #happylife und #wokeuplikethis Schnappschüssen lediglich um Momentaufnahmen handelt, die nicht das Leben selbst abbilden, fehlt dann häufig“, so die Co-Founderin von Selfapy, dem Online-Portal, das Menschen mit depressiven Verstimmungen begleitet. Die Teilnehmer von Selfapy werden von persönlichen Psychologen via Online-Kurs und Chat- oder Telefongespräch unterstützt. Im Zuge des 9-wöchigen Kurses geht es unter anderem auch darum, das eigene Selbstbewusstsein zu stärken und sich nicht von sozialen Vergleichen einschüchtern zu lassen. „Betroffenen wird dabei geholfen, sich in Erinnerung zu rufen, dass der Schein trügen kann und nicht jeder pausenlos glücklich, stark und hübsch ist, so wie es meist auf dem Instagram-Account suggeriert wird“, erklärt Katrin Bermbach weiter.

Katrin Bermbach, Psychologin, CPO und Gründerin Selfapy, Nora Blum, Psychologin, CEO und Gründerin von Selfapy

 

Ziel ist es, negative Gedanken auszubremsen und sie durch Positivität und einen realistischen Blick zu ersetzen. Teilnehmer des Selfapy Kurses können eine Liste ihrer persönlichen Stärken erarbeiten, die den Fokus auf die Persönlichkeit lenkt. Mit Blick auf die individuellen Stärken und einem Bewusstsein für das eigene Ich fällt es dann leichter, bei sozialen Vergleichen einen kühlen Kopf zu bewahren und das große Ganze zu betrachten.

Teilnehmer lernen, überzogene Selbstkritik umzuformulieren und dabei ihre Stärken hervorzuheben, erklärt die Unternehmerin. Sätze wie „Ja, sie sieht wirklich super aus und da kann ich nicht mithalten, aber dafür habe ich ganz andere Stärken, die mich ausmachen!“ sind Teil des Trainings. Wir alle haben schon erlebt, dass wir durch soziale Netzwerke virtuellen „Freunden“ schnell mehr Zeit widmen, als den „echten“ Menschen um uns herum. Soziale Netzwerke gaukeln uns vor, wir hätten einen riesigen Freundeskreis - Wow! Schon 583 Follower! - und lassen uns mit unglaublich vielen Menschen im Austausch stehen. Die Kehrseite ist der soziale Rückzug aus der “realen” Welt, erklärt Bermbach. „Statt sich mit dem Gegenüber zu unterhalten, starren wir auf den Handybildschirm.“

 

 

Ein von Ly (@ly_evoli_) gepostetes Foto am

 

“Smombie” wurde 2015 zum Jugendwort des Jahres gewählt

Es vereint die Begriffe Smartphone und Zombie und bezeichnet jemanden, der so stark auf sein Handy fixiert ist, dass er die Umwelt kaum noch wahrnimmt – das neueste Phänomen Pokémon GO lässt grüßen.

Ein weiterer Punkt, der Einfluss auf die Psyche nehmen kann, ist der sogenannte ‘Digital Overload’, sprich die digitale Überlastung. Damit ist der ständige Fluss an Informationen, die permanente Erreichbarkeit auf allen Kanälen und die damit einhergehende, pausenlose Reizung aller Sinne gemeint. Wer mag, lässt sich vom Smartphone wecken, pflegt darüber den Kontakt mit Familie und Freunden, lässt sich das Wetter vorhersagen, checkt den Kontostand oder lässt sich mit Musik beschallen. So wird beinahe der komplette Alltag und die Soziale Kommunikation über’s Handy organisiert und auch am späten Abend im Bett werden noch Mails gecheckt.

Stellt sich die Frage: Praktisch oder stressig?

Aber warum fällt es uns so schwer, das Handy einfach mal auszuschalten oder zu Hause zu lassen? „Einer der Gründe liegt darin, dass das menschliche Gehirn dazu da ist, neue Informationen aufzunehmen. Und ist die Info noch so klein - wie ein neues “Like” unter unserem Profilbild - schüttet unser Gehirn dennoch vermehrt Dopamin aus. Dieser Neurotransmitter ist unter anderem zuständig für Antrieb, Motivation, Konzentration und die Regulierung des Appetits. Außerdem trägt Dopamin zu unserem Glücksempfinden bei und wird daher im Volksmund auch als Glückshormon bezeichnet“, erklärt die Psychologin, die das Selfapy-Programm und die Kursinhalte an der Charité entwickelte.

 

 

Ein von sxxual (@sxxual_dep) gepostetes Foto am

 

Eine Studie der Humboldt-Universität Berlin ergab, dass Smartphone-Nutzer täglich 63 Mal ihr Handy checken und es dann jedes Mal im Schnitt fast 3 Minuten nutzen. Hinzu kommen die zahlreichen Stunden vor dem PC, Laptop oder Tablet. Kein Wunder, dass immer mehr Leute die Notbremse ziehen und sich einer “Digital Detox”-Kur verschreiben, um mal von der ganzen Technologie zu entgiften. Das “Ganz oder Gar Nicht”-Prinzip ist jedoch keine Dauerlösung. Früher oder später treibt es uns zurück ins Netz. Hilfreicher kann es sein, einfach mal auf dem Smartphone auszumisten und zum Beispiel die Apps zu löschen, die uns besonders viel Zeit rauben oder ablenken, oder mal wieder local Shopping zu betreiben! „Es sollte immer wieder Momente im Alltag geben, in denen man (sein Handy und seinen Kopf) abschaltet und ganz bewusst mit sich selbst und mit seiner Umwelt beschäftigt.“

#goodlife, findet eure Balance, Ladies! Die GRAZIA gibt es ja online und als Magazin, wir erlauben zu wechseln ;)

Themen
digital detox