Fashion

Exklusiv: Das große Karl Lagerfeld Interview

Von Miriam am Donnerstag, 31. März 2016 um 12:58 Uhr

Modezar Karl Lagerfeld redet schneller, als die meisten Menschen denken, kommt dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen – und hat uns an seinem rasanten Bewusstseinsstrom teilhaben lassen...

Alles in Karl Lagerfelds fensterlosem, abgeriegeltem Raum in der via Solari 35 ist in Champagnertönen gehalten: das Sofa, der Teppich, die Wand, die Stühle vor seinem Glastisch. Sieht aus, als gibt es an diesem Donnerstagnachmittag etwas zu feiern, nämlich die Präsentation der nächsten Herbst/ Winter-Kollektion des italienischen Traditionshauses Fendi.

Könnte aber genauso gut sein, dass Champagnertöne einfach gerade Lagerfelds neue Lieblings-Couleur sind. Während er in seinem eleganten Rückzugsraum sitzt, herrscht vor der Tür lautes Chaos: Schwarze Limousinen mit VIPs drängen sich durch die enge Straße, es wird gehupt, denn Moderedakteure, Einkäufer und Schau- lustige verstopfen den Weg und drängen zum Eingang. Drinnen: Lagerfeld, der wie ein Popstar von Sicherheitskräften, drei Assistenten mit Headsets und seiner schönen Muse Sébastien Jondeau bewacht wird, lässt der Trubel kalt. Kaum einer der Showgäste wird ihn an diesem Tag zu Gesicht bekommen. Interviews gibt der legendäre Modeschöpfer kaum noch. Vor ihm liegen ein dicker Stapel mit Illustrationspapier und ein Faber-Castell-Buntstiftset mit 36 farblich sortierten, angespitzten Aquarellstiften, die er rascht zückt, sobald Freundin Anna Wintour, Chefredakteurin der US-„Vogue“, den Raum betritt.

Kurz darauf: Eine Dame im Fendi-Komplett-Look hält ihm ein Baby hin, und es scheint, als würde er es segnen.

 

Szenenwechsel: Um 14.40 Uhr schreiten die Models über den Laufsteg, um die neuen Fendi- Kreationen (waldgrüne Minikleider! Ledertaschen mit Volants! Wolkenkratzerhohe Heels!) vorzuführen. Kaiser Karl repräsentiert in unverkennbarer Uniform: schwarzer, maßgeschneiderter Dior-Homme-Anzug, weiß gepuderte Haare und die perfekt polierte Sonnenbrille, die er während unseres Gesprächs später aber sogar tatsächlich mehrmals absetzt.

Mit seinen Weisheiten und Pointen könnte Lagerfeld in kürzester Zeit ganze Bände füllen. Er ist ja auch viel beschäftigt: Chefdesigner von Fendi und Chanel, außerdem fotografiert er Kampagnen, schreibt Bücher, kuratiert Ausstellungen. Und das alles in einem Tempo, das die meisten Menschen schon allein beim Zuschauen in heftige Atemnot bringt.

 

Herr Lagerfeld, schön, Sie zu sehen.

Hello, nice to meet you! Oh, Sie sprechen ja Deutsch.

Unsere Redaktion sitzt in Hamburg!

Es soll ja nette Menschen in Hamburg geben.

Herr Lagerfeld, Sie haben heute Ihre neue Fendi- Kollektion präsentiert. Die Journalisten stehen Schlange vor Ihrer Tür ...

Ja, ich weiß. Aber die meisten davon werde ich nicht sehen. Das tue ich nicht. Oh, ich sehe, Sie haben das gleiche Handy wie ich.

Das ist das iPhone 6 Plus. Hat eine super Aufnahmefunktion. Perfekt für Interviewpartner wie Sie, die eher zu den Schnellrednern gehören.

Das große iPhone ist wirklich toll. Fast wie ein iPad, finden Sie nicht? Ich nenne es mein Baby- Phone, denn ich bekomme stündlich Fotos von meiner Katze Choupette geschickt.

Die hätten Sie doch mitbringen können!

Nein, auf keinen Fall. Choupette lasse ich lieber in Paris. Sie hat zwei Zofen, die sie rund um die Uhr betreuen. Sagen wir es mal so, es geht ihr sehr gut.

Von dem Kollegen, der vor mir dran war, haben Sie einen in feinstes Seidenpapier eingeschlagenen Prätentkorb überreicht bekommen. Ist es etwa Pflicht, etwas mitzubringen, wenn man sich mit Ihnen treffen will?

Ach was, der Journalist, ihr Vorgänger, ist eigentlich ein guter Freund. Sehr nett von ihm, das mit dem Geschenk.

Zurück zu Ihrer aktuellen Kollektion. Was ist die Idee dahinter?

Idee? Eigentlich ist es keine Idee. Man muss nicht immer alles überintellektualisieren. Voltaire hat schon gesagt, alles, was eine Erklärung braucht, ist die Erklärung nicht wert!

Vor Ihnen liegt ein Zeichenblock, halten Sie sogar hier Ihre Einfälle fest?

Ich muss immer Papier und Stifte in der Nähe haben. Falls es passieren sollte, dass ich mal eine Idee hätte.

Denn wie man weiß, haben Sie ja kaum welche!

(schmunzelt) Nein, mal im Ernst. Gott sei Dank fällt mir immer etwas ein. Wissen Sie, das ist eine ganz eigentümliche Sache mit den Ideen. Die besten habe ich immer dann, wenn ich nicht dran denke.

Wo haben Sie denn diese besten Einfälle?

Das kann überall sein. Bei mir zu Hause, im Bett, in der Badewanne. Total komisch und zack! Dann sehe ich es vor mir, als würde es wirklich existieren. Deswegen schlafe ich auch immer mit einem Zeichenblock neben mir, um alles festzuhalten. Sehr eigentümlich, wie ein Geräusch, das sich anschleicht.

Sie träumen also erst von der Mode, bevor Sie sie entwerfen...

Nein, noch nicht mal von Mode. Davon träume ich gar nicht so viel. Ich träume von Details. Aber ohne das ganze Drumherum mit Menschen und Häusern. Fast beängstigend, finden Sie nicht?

Sie haben gerade Ihre aktuelle Fendi-Kollektion gezeigt, und eben ist uns Supermodel Kendall Jenner begegnet. Wo ist Ihre Muse Cara?

Bitte, wer?

Cara Delevingne! Sie eröffnete Ihre letzte Herbst/ Winter-Show ...

(spricht auf französisch weiter) Sie dreht gerade einen Film mit Luc Besson. Und außerdem hat sie keine Lust mehr auf Modeschauen, sie möchte Schauspielerin werden.

Sie haben grade ins Französische gewechselt. Welche Sprache ist Ihnen am liebsten?

Da denke ich gar nicht dran. Englisch! Französisch! Deutsch! Mir ist jede Sprache recht...

Zurück zur Show. Waren das die besten Fendi-Looks aller Zeiten?

Das weiß ich nicht. Ich stelle keine Vergleiche mit der Vergangenheit an. Ich zeige meine Entwürfe, und dann frage ich mich sofort: „Was kommt als Nächstes?“

Weil man nie etwas vergleichen darf?

Nein, wissen Sie, die anderen Kollektionen gehörten in andere Zeiten, in eine andere Welt, da gab es andere Techniken, heute gibt es Dinge, die konnte man früher nicht machen. Man soll nichts vergleichen. Auch nicht in der Liebe, obwohl, das gehört hier gar nicht hin. Ich sage mir immer: „Never compare, never compete!“

Wie schaffen Sie es eigentlich, so viele Kollektionen gleichzeitig zu produzieren?

Weil ich nichts anderes mache! Das ist wie mit dem Atmen, das mache ich mein Leben lang.

Viele Designer klagen über zu viel Arbeit, schmeißen hin, weil der Druck so groß ist. Aber Ihnen gehen die Ideen offenbar nie aus.

Ich weiß, die anderen Designer sind ja fast böse mit mir, weil ich so viele Kollektionen mache. All diese Kollektionen, die ich designe. Da können sich andere kaum ausruhen. Sie sagen mir, sie hätten kaum noch Inspirationen.

Dabei arbeiten Sie neben Ihrem Job als Designer auch noch als Fotograf, und Sie schreiben Bücher.

Ja, genau. Und ich will Ihnen mal was sagen: Es gibt das Sprichwort „Der Appetit kommt beim Essen!“, und so ist es auch bei der Arbeit. Die Ideen kommen beim Arbeiten. Für mich ist das ein normaler Prozess, ich denke auch nicht dran. Aber ich verliere viel Zeit damit, weil ich alles illustriere und nicht am Computer zeichne. Ich mache alles selbst, mit allen Details. Wenn ich meine Skizzen hinlege, wissen die Leute sofort, was ich meine. Die brauchen keine Fragen mehr zu stellen. Obwohl ich natürlich Berge an Anmerkungen neben meinen Skizzen festhalte. Aber ich wollte ja früher mal Illustrator werden...

Würden Sie für uns etwas zeichnen?

Oh, ich habe eigentlich nicht alles da zum Zeichnen ... (nimmt einen Stift und zeichnet den Umriss von Choupette) Die haben mir den Stiftekasten hier hingestellt, aber ich kenne die Farben weiter gar nicht. Der gute Herr Graf von Faber-Castell ist kürzlich gestorben. Er war sehr nett. Und sehr gut aussehend! Ich kannte ihn seit über 30 Jahren. Ich habe für seine Frau Mary Elizabeth Hogan sogar das Hochzeitskleid gemacht. Sie hat früher bei Chanel in New York gearbeitet.

Dieser Raum ist komplett in einem Cremeton gehalten. Haben Sie eine Lieblingsfarbe?

Nein, obwohl doch. Ich mag Schwarz, Weiß und Grau und Rosa.

Ich kann mir vorstellen, dass Illustrieren für Sie angenehmer ist, als Interviews zu geben, oder?

Ja, das ist schon ganz witzig. (sucht eine Farbe in dem Stiftekasten) Hier sind leider nicht sehr viele Farben drin ...

Welche brauchen Sie denn?

Ich suche einen Hautton, sehe aber keinen. Wissen Sie, Choupette hat helle Ohren.

Schauen Sie mal, hier ist ein Hautton ...

(nimmt seine Brille hoch) Das ist doch kein Hautton, meine Liebe. Das ist Beige!