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Fashion Krimi der Woche - Adieu Dior

Von Judith am Donnerstag, 29. Oktober 2015 um 08:30 Uhr
Damit hatte nun wirklich niemand in der Fashion-Welt gerechnet: Chef-Designer Raf Simons verlässt Dior. Dabei lief doch alles wie am Schnürchen. Verkaufszahlen steigend, Modekritiker begeistert. Warum der belgische Modeschöpfer trotzdem eigene Wege geht – und wer bereits als Nachfolger gehandelt wird...

Am Schluss der letzten Dior-Show kam Raf Simons, Chefdesigner der Frauenkollektion, auf den Laufsteg und formte mit den Fingern ein Herz. Eine ungewöhnliche Geste für den sonst so zurückhaltenden Modeschöpfer. Im Rückblick ergibt sie Sinn: als ein heimlicher Abschiedsgruß, vor einem Berg von Rittersporn.

Raf Simons hat Dior verlassen, die Kollektion, die er an jenem 2. Oktober zeigte, war seine letzte. Die Modebranche ist fassungslos. Nicht nur, weil eines der größten französischen Modehäuser wieder ohne Chefdesigner dasteht. Mit dem Abschied von Simons geht auch eine Ära zu Ende. Über ein Jahr hatte Dior nach einem passenden Nachfolger für John Galliano gesucht, der 2011 wegen antisemitischer Äußerungen gefeuert wurde. Im April 2012 fiel die Wahl schließlich auf Raf Simons, der vorher Chefdesigner bei Jil Sander war. Passte das überhaupt zusammen, der Minimalist und das für seinen glamourösen New Look bekannte Luxuslabel? Es passte sogar ausgezeichnet. Simons Debütkollektion im Juli 2012 löste bei der Presse Begeisterungsstürme aus. Er zeigte eine neue, moderne Vision der klassischen Barjacke, der berühmten taillierten Jacke, durch die der Modeschöpfer Christian Dior 1947 berühmt geworden war.

In nur dreieinhalb Jahren Amtszeit schaffte Simons die Gratwanderung, das Label zu seinen Ursprüngen zurückzuführen und es gleichzeitig ins 21. Jahrhundert zu transportieren. Mit seinen ebenso futuristischen wie tragbaren Entwürfen verpasste der Belgier dem Label ein neues, zeitgenössisches Gesicht. Und hatte damit sogar Popstar Rihanna auf seiner Seite. Sie ist das neue Werbegesicht der Marke. Dank Simons ist Dior auf der Überholspur. Sidney Toledano, CEO der Marke, schätzte die Verkaufssteigerung kürzlich auf 60 Prozent seit 2011.

Doch nun ist der Zauber auf einmal vorbei. Raf Simons ist weg. Alle fragen sich: Warum gibt er trotz der Erfolge seinen Posten auf? Noch dazu freiwillig. Der Designer sei frustriert darüber gewesen, nicht genügend Zeit für kreative Arbeit zu haben, so Cathy Horyn vom „New York Magazine“. Bei sechs Shows pro Jahr gebe es nicht genug Freiraum für den eigentlichen Schaffensprozess, erzählte er der Modekritikerin in einem Interview. Es fehle an Inkubationszeit. Er vermisse den schöpferischen Zwischenstopp, „wenn du eine Idee ausprobierst, sie anschaust und denkst, hmmm, lass uns das noch mal eine Woche weglegen und später darüber nachdenken“. Der Designer verlasse das Haus aus persönlichen Gründen, heißt es in der Pressemitteilung von Dior. Er habe es sich lange überlegt, schreibt er selbst in dem Statement. Die Entscheidung beruhe auf dem Wunsch, „mich auf andere Interessen in meinem Leben zu konzentrieren“. Das schließe sein eigenes Label mit ein und die Privatinteressen, die ihn jenseits der Arbeit beschäftigen. Mit warmen Worten dankt er LVMH- Chef Bernard Arnault und Dior-Geschäftsführer Sidney Toledano für die Zusammenarbeit. Eine Trennung im Guten. Auch Spekulationen über seine Nachfolger sind längst im Gange. Die Namen Riccardo Tisci, Jonathan Anderson und Proenza Schouler sind gefallen. Doch Simons überraschender Abschied wirft die immer wiederkehrende, alte Frage auf: Ist der Druck auf die Designer zu groß geworden? Der ständige Marathon zwischen Prêt-à-porter, Haute Couture, Cruise- und Resort-Kollektionen, Werbekampagnen, Boutiqueeröffnungen, Interviews etc. Welche Belastung eine einzige Kollektion sein kann, hat der Dokumentarfilm „Dior and I“ anschaulich gezeigt. Am Ende seiner ersten vollbrachten Couture-Show kullern bei Simons die Tränen. Suzy Menkes bezeichnet das Modekarussell als die „Höhle des Löwen“. So düster wird Raf Simons seinen Job bei Dior sicher nicht gesehen haben.

Dass aber dem 47-Jährigen die Anforderungen des Pariser Hochleistungsbetriebs zu viel geworden sein könnten, scheint durchaus möglich. Und vielleicht hat der große Visionär Raf Simons damit sogar mal wieder einen neuen Trend gesetzt: einen Gang zurückschalten zur Essenz der Dinge.

TEXT: ESTELLE MARANDON

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