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Fashion-Report: Hinter den Kulissen bei Dior

Von GRAZIA am Samstag, 26. April 2014 um 14:00 Uhr

Genie! Größtes Fashion-Talent! Kreative Bombe! Raf Simons wird derzeit gehypt wie kein anderer Modeschöpfer. Aber was macht ihn so besonders? Wir haben dem Dior-Chedesigner bei der Arbeit über die Schulter geschaut.

Als Raf Simons am Montagmorgen um 9.35 Uhr sein Atelier in der Avenue Montaigne 30, mitten im Stadtzentrum von Paris, betritt, laufen die Vorbereitungen für die bevorstehende Dior-Show auf Hochtouren. In den Designstudios im 5. Stock – zwei sonnendurchflutete Räume mit hohen Fenstern und atemberaubendem Blick über Paris – geht es schon seit Stunden heiß her: Über einhundert Näherinnen und Näher sitzen in schneeweißen Kitteln an ihren Maschinen. Die Luft ist durch unzählige Bügeleisen mit Wasserdampf geschwängert, es duftet nach Baumwoll-, Leinen und Seidenstoffen. Jeder Handgriff sitzt. Fehler dürfen zu diesem Zeitpunkt nicht mehr passieren.

Die 76 Looks starke Spring-Summer-Kollektion, die Simons der Fachpresse in den Tuilerien präsentieren will, muss rechtzeitig fertig werden. Denn alles andere käme einer Katastrophe gleich. Mehrere Hundert Journalisten und Blogger rissen sich um die Front-Row-Plätze und um die Backstage-Interviews mit dem Designgenie. „Diese Hysterie gab es bis jetzt nur bei Megastars wie Madonna“, beschreibt die Fachzeitschrift „WWD“ das Tamtam um Simons und seine Kreationen. Kein Wunder, der Belgier (46), der seit fünf Saisons die kreative Leitung des Traditionshauses Christian Dior führt (für die Couture-Linie ist er auch verantwortlich), wird für seine Entwürfe bejubelt wie ein Popstar. „Es ist ein Triumph des Modernismus des 21. Jahrhunderts“, schwärmt Modekritikerin Suzy Menkes (die bekannt dafür ist, dass sie mit Lob durchaus sparsam umgeht). Sie feiert den Designer als „eines der größten Talente“. Obendrein gab es gerade auf dem Tribeca Film Festival eine neue Dior-Doku („Dior & Moi“) über – na? richtig! – Raf.

Ehrensache, dass der Designer seinem Ruf auch jetzt wieder gerecht werden will. Er verarbeitet nur edelste Stoffe: viele Hundert Meter Seide, Jacquard und Organza liegen bereit, um zu Traumkleidern verarbeitet zu werden. Zum Beispiel zu Roben für seine Muse Jennifer Lawrence. „Ich habe mir eine ganz bestimmte Frau vorgestellt. Der neue Typ ist zur gleichen Zeit anspruchsvoll und wild“, kommentiert Raf seine Entwürfe, während er zwischen den Stoffballen und Musterteilen steht. „Die Aussage der Farben war mir besonders wichtig. Sie sollen so intensiv rüberkommen, dass sie die Natur selbst verändern.“ Simons redet bedacht und wirkt nachdenklich, während seine stahlblauen Augen über die opulenten Cocktailkleider aus Metallic-Jacquard huschen. Er wirkt schüchtern. Lange Zeit hat Raf verhindert, dass auch nur ein einziges Foto von ihm abgedruckt wird.

Glamour? Ruhm? Ist dem Designer nicht wichtig. Er trägt oft einen schlichten schwarzen Kaschmirpullover, auf eine Uhr verzichtet er. Er hat seine eigene Zeitrechnung: 300 Stunden kann’s schon dauern, bis ein Dior-Dress seinen Ansprüchen genügt. Fünf Näherinnen (darunter eine Chefnäherin, die „première d’atelier“) arbeiten an einem einzigen Kleid. Raf vertraut seinen fleißigen Schneiderlein – genau wie die Hollywoodstars ihm vertrauen. Denn sie wissen genau, wenn sie ein Dior-Dress tragen, kann überhaupt nichts schiefgehen. Man darf sogar stolpern (stimmt’s, Jennifer Lawrence?) und sieht immer noch hinreißend aus.

Text: Miriam Amro
Foto: 
Imaxtree

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