Fashion

Interview Stella McCartney: „Viele Designer waren sauer auf mich"

Von Kristin am Samstag, 18. Oktober 2014 um 18:00 Uhr

Über Geschmack lässt sich nicht streiten? Doch, findet Stella McCartney – zumindest, wenn es um vegane Mode geht. Hier zieht die Designerin richtig vom, äh, Leder. Und verrät, warum sie sich nie eine Jacke von ihrer Freundin Kate Moss leihen würde.  

Oh nein! Da haben wir endlich die Chance, Designerin Stella McCartney (42) zu treffen – sie führt an diesem Tag nur ein einziges Magazininterview in Deutschland und hat sich dafür die GRAZIA ausgesucht (yes!!!) –, und dann dieser Fauxpas: Wir betreten die Suite des Mandarin Oriental Hotels in München mit einer Ledertasche in der Hand. Ob uns die Designerin, die konsequent auf Leder und Pelz in ihren Kollektionen verzichtet und selbst natürlich vegane High Heels für den Termin gewählt hat, das verzeihen kann? Kurzes Abwägen und dann die Entscheidung, die Flucht nach vorne anzutreten:

 

Ich habe das Gefühl, ich muss mich für meine Ledertasche entschuldigen.

 

Ah! Na ja, ist schon okay. Wenn wir uns das nächste Mal treffen und Sie dann meine „Falabella“-Bag tragen, sehe ich darüber hinweg. (lacht)

 

Wann haben Sie sich eigentlich dazu entschlossen, bei Ihren Kollektionen auf Leder und Pelz zu verzichten?

 

Von Anfang an. Ich wuchs auf einer Öko-Farm auf, und ich bin Vegetarierin. Für mich ist das eine ethische Entscheidung. Ich bin dagegen, dass Tiere – und zwar Millionen Tiere – für Fashion getötet werden. Es gibt überhaupt keinen Grund, diese Materialien zu verwenden, man braucht sie nicht, um ein großartiges Paar Schuhe zu machen oder eine modische Handtasche.

 

Wir sollten also alle mehr drüber nach- denken, aus welchen Materialien unsere Kleidung ist?

 

Wenn Leute verantwortungslos Mode konsumieren, dann schaden sie damit vor allem sich selbst. Ich finde es altmodisch, Leder zu verwenden. Und Mode sollte modern sein und Materialien infrage stellen. Ich benutze zum Beispiel auch kein PVC.  

 

Diskutieren Sie manchmal mit anderen Designern über dieses Thema?

 

Manchmal. Aber es ist ja auch nicht so, dass ich ständig mit anderen Designern abhänge. Ich habe vier Kinder – sehr viel Arbeit. Aber einmal habe ich ein Anti-Pelz-Video für Peta gedreht und es an alle Designer geschickt. Manche reagierten sehr aggressiv und waren sauer, (lacht) andere haben es sich einfach angeschaut. Aber traurigerweise ist Stella McCartney das einzige Luxus-Fashion-Label auf der Welt, das konsequent weder Leder noch Pelz verwendet.

 

Was ist mit engeren Freunden, ich denke da beispielsweise an Kate Moss, die oft eine Lederjacke trägt.

 

Meine Freunde kennen meine Meinung. Man muss kein Genie sein, um zu verstehen, dass es keine so gute Idee ist, eine Handtasche aus Leder zu kaufen. In der Regel gibt es eine genauso hübsche Alternative, für die man sich entscheiden kann.

 

Sie informieren also nur ...

 

Ja, aber ich verurteile nicht. Dafür ist das Leben zu kurz. Und ich möchte ja auch nicht verurteilt werden. Aber für mich ist Leder kein Luxusprodukt. Es ist ein billiges Material.

 

Wir können also festhalten: Kates Lederjacke würden Sie sich nie leihen.

 

Nein. Das muss ich nicht. Ich habe andere Jacken. (lächelt)

 

Lassen Sie uns über Ihr Parfum „Stella“ reden. War es für Sie als Fashion-Designer eine große Herausforderung, einen Duft zu kreieren?

 

Erst war der Unterschied gar nicht so groß. Als ich anfing, mich damit zu beschäftigen, habe ich mich einfach gefragt, was finde ich selbst an einem Duft gut und was weniger. Es war mir wichtig, dass er einen nicht erdrückt. Es soll am Ende immer noch um den Träger des Parfums gehen. Und klar, als Designerin war mir auch der Flakon wichtig. Ich wollte einen zeitlosen, den man am allerliebsten nie mehr weggeben will.

 

Lara Stone ist das Gesicht zum Duft.

 

Ich finde sie unglaublich sinnlich. Ich schaue sie an und denke: Uaaah, ich möchte wie sie aussehen und ihren Sex-Appeal haben, dieser Körper, diese Zähne. Sie ist nicht perfekt, und das ist toll. Auf der anderen Seite ist sie sehr natürlich.

 

Gibt es einen Geruch, von Ihrem Parfum mal abgesehen, den Sie lieben?

 

Den Geruch meines Pferdes. Ja, das ist was komplett anderes. Aber es ist so. Und den Geruch des Atems meiner Kinder am Morgen. Ich weiß, das klingt ziemlich eigenartig.

 

Apropos, erinnern Sie sich daran, was Sie als Mädchen gerne getragen haben?

 

Ich habe wild gemixt. Ich mochte es total, mich im Kleiderschrank meiner Eltern zu verkriechen und dort Klamotten anzuprobieren. Ich wollte alles durcheinander tragen. Aber ein Lieblingsteil hatte ich nicht. Ich mochte Jeans mit einer hübschen Bluse oder mit, öhm, Moonboots. Ich hatte eher einen Tomboy-Style, keine süßen Rüschenkleider.

 

Was war denn das erste Teil, für das Sie richtig viel hingeblättert haben?

 

Das war ein Maßanzug. Ich habe britische Schneiderskunst am Central Saint Martins College studiert und bin heute noch richtig besessen von maskulinen Schnitten.

 

Haben Sie denn den Anzug noch?

 

(überlegt angestrengt) Das ist eine gute Frage. Ja, ich müsste ihn noch haben.

 

Aber Sie tragen ihn nicht mehr.

 

Nein. Denn ich frage mich gerade, wo er ist. Ich muss ihn echt mal suchen. Guter Hinweis. Aber auf jeden Fall ist er zeitlos. Das ist mir beim Designen sehr wichtig. So gesehen, würde ich ihn definitiv noch tragen, wenn ich ihn entdecken sollte.

 

Naomi Campbell und Kate Moss haben damals am Ende Ihres Studiums Ihre Abschlusskollektion vorgeführt. Wie haben Sie die beiden dazu gebracht?

 

Ich kannte sie schon sehr lange. Und ich dachte mir, ich wäre total blöd, wenn ich sie nicht fragen würde. Die beiden sind britische Mädchen, und ich war an einer britischen Modeschule. Und sie sagten: Ja klar, warum nicht.

 

Was war das Wichtigste, das Sie während Ihrer Ausbildung gelernt haben?

 

Dass man immer ehrlich zu sich selbst sein muss. Und natürlich lernte ich auch, wie man extreme Designs macht. Ich erinnere mich an Projekte mit Kleidern aus Blättern oder recycelten Flaschen. Nichts war kommerziell. Man musste nicht mal was Tragbares entwerfen, wenn man nicht wollte. Es war wie die letzte Gelegenheit, völlig abgedrehte Dinge zu kreieren, bevor man einen echten Job annimmt. Uns wurde beigebracht, niemals in Schubladen zu denken. Aber gleichzeitig habe ich erkannt, dass ich kein verrückter, abgedrifteter Designer sein will und lieber Klamotten entwerfe, die Frauen wirklich tragen können.

 

Zwei Shows im Jahr, dazu viele andere Projekte. Der Druck muss enorm sein. Wie gehen Sie damit um?

 

Ich erinnere mich immer wieder daran, wie glücklich ich mich schätzen kann, dass ich so einen Job habe. Klar, manchmal ist der Stress groß. Aber ich versuche, nicht alles todernst zu nehmen. Ich fühle mich nicht zutiefst verletzt, wenn ich eine schlechte Kritik bekomme. Mein größter Druck ist eher, dass ich mit meiner Kollektion wirklich die Frauen erreiche.

 

Die Meinung welcher Person ist Ihnen am wichtigsten?

 

Natürlich ist mir wichtig, was Menschen, die mir viel bedeuten, von meinen Designs halten, und ich höre mir an, was sie zu sagen haben. Aber es ist immer noch ihre Meinung. Glücklicherweise mögen meine engen Freunde wirklich alles, was ich designe. (lacht)

 

Inzwischen hat man das Gefühl, die Show um die Fashion-Show herum wird immer wichtiger. Welche Promis sitzen in der ersten Reihe, wer hat die ausgefallenste Inszenierung. Wie sehen Sie das?  

 

Ich glaube, das war schon immer so. Wenn ich an die 40er-Jahre denke, fallen mir sofort die Fashion-Ikonen Lauren Bacall ein oder Audrey Hepburn und Givenchy. Coco Chanel hatte auch immer viele Promis bei sich in der ersten Reihe sitzen. Fashion-Industrie und Stars waren immer schon miteinander verbunden. Das hat eine lange Tradition. Und beide Seiten „ernähren“ sich ja auch gegenseitig. Ich bin überzeugt, das wird immer so sein. Wir haben heutzutage nur so unglaublich viele Arten von Medien und Plattformen, darum ist alles noch viel präsenter.

 

Ganz konkret, welches Kleidungsstück braucht jede Frau?

 

Oh nein, ich kann nicht nur eine Sache nennen! Als Frau, die für Frauen designt, weiß ich, dass wir nicht nur mit einem Teil auskommen. Wir brauchen: ein Paar High Heels, ein Paar flachen Schuhe, eine großartige Jeans, ein Kleid, ein T-Shirt, tolle Unterwäsche, einen maskulinen Bla- zer, eine Tasche. Da würde ich natürlich zur „Falabella“-Bag raten, weil man sie sowohl tagsüber als auch abends wunderbar tragen kann. Sie ist edgy, aber gleichzeitig klassisch.

 

Also verabschieden wir uns besser von dem Gedanken, mit nur einem Teil auszukommen.

 

Ich denke, das ist nicht sehr realistisch. Mit nur einem Teil bist du noch lange nicht angezogen. Okay, ich designe auch ständig One-Pieces, Overalls und so, aber selbst dann ist man immer noch barfuß.

 

Stimmt, das geht höchstens in Goa.

 

Na gut, in diesem Fall würde ich sagen: Man braucht einen Bikini. (lacht)  

 

Interview: Kristin Suhr