
Zwei schwere Türen, ein Türsteher aus Holz und Metall. Die erste öffnet sich, doch die zweite lässt sich erst bewegen, wenn die erste wieder geschlossen ist – als müsse man sich Eintritt in eine andere Welt erst verdienen. So beginnt mein Besuch bei Leo Eberlin, mitten auf dem Ku'damm, direkt neben Hermès und den anderen großen Namen des Berliner Luxus. Eine breite Treppe im Altbau führt hinauf in die obere Etage, hinein in ein großes, lichtdurchflutetes, stylisches Büro. Es ist, als würde der Raum selbst erzählen, wer hier arbeitet: klar, hochwertig, mit einem Gespür für Ästhetik, das man nicht lernen, sondern nur haben kann. Genau wie seine Mieterin.
Leo Eberlin – bekannter unter ihrem Markennamen Leo Mathild – kommt mir mit offener, warmer Energie entgegen. Keine Spur von der kühlen Distanz, die man vielleicht erwarten würde von einer Frau, deren Schmuck an den Händen prominenter Trägerinnen glänzt, deren Unternehmen Millionen bewegt, deren Name für viele längst zum Synonym für weibliches Unternehmertum geworden ist. Stattdessen: eine Frau, die aufmerksam zuhört, die lacht, die auch mal eine Pause braucht, um über sich selbst nachzudenken. Eine Frau, die an diesem Tag – frisch operiert, denn Leo leidet an einer Autoimmunkrankheit – trotzdem da ist, weil sie Termine hält, weil sie funktioniert, weil sie es immer irgendwie schafft.
Vom Kölner Kind zur Berliner Selfmade-Frau

Wer Leo Eberlin heute in ihrem Büro am Ku'damm sitzen sieht, ahnt kaum, wo ihre Geschichte begann. Aufgewachsen ist sie in Köln, in einer Kindheit, die früh von Verlust gezeichnet war: Ihr Vater starb an Krebs, ihre Mutter war mit der Situation überfordert. Köln selbst empfand sie als eng, fast beklemmend – die Stadt habe ihr Angst gemacht, sagt sie rückblickend. Mit gerade einmal sechzehn Jahren verließ sie ihr Elternhaus schließlich, ohne Schulabschluss, ohne Job, ohne Geld, und zog allein nach Berlin. Der ursprüngliche Plan, irgendwann zurückzukehren, hat sich nie erfüllt – Berlin wurde zu ihrer Heimat.
Ihr erstes Zuhause in der Hauptstadt war ein winziges Untermietzimmer bei einer fremden Frau, deren eigene Kinder nach Amerika gezogen waren. Kaum mehr als eine Abstellkammer, in die nur eine Matratze und zwei Regalbretter passten. Achtzig Euro Miete im Monat, dazu ein Platz im Kühlschrank und die Mitbenutzung des Badezimmers. Sie war dankbar für das Wenige, das sie hatte.
Finanziert hat sich Leo das mit einem Job im legendären Stammhaus des Café Einstein, wo sie schwere Tabletts durch den Gastraum trug, bevor sie abends die Schulbank einer Abendschule drückte – Ausbildung zur Kauffrau für Marketingkommunikation, der Mutter zuliebe, wie sie sagt, weil ihr bis dahin ja der Schulabschluss fehlte. Wirklich viel mitgenommen habe sie davon nicht, gibt sie zu; sie war schlicht zu selten da, zu sehr mit Arbeiten beschäftigt. Zu groß sei die Angst gewesen, den Faden zu verlieren, die Angst, dass ihr eine Chance durch die Finger gleiten könne, wenn sie nicht ständig in Bewegung blieb.
Während andere in ihrem Alter ausgingen, feierten, durch die Welt reisten und einfach ihre jugendliche Leichtigkeit genossen, jobbte sie also parallel noch bei einem Berliner Juwelier – und begann dort, wie sie erzählt, ebenfalls ganz unten: mit Putzen. Erst nach und nach durfte sie die Vitrinen einräumen, sich langsam vorarbeiten. Genau dort, zwischen Staubtuch und funkelnden Steinen, entdeckte sie eine Faszination, die sie nie wieder losließ. Denn Schmuck, sagt sie, sei das Emotionalste, was ein Mensch besitzen könne – und gleichzeitig etwas, in das man investiert, für die Zukunft. Das Schöne und das Kluge in einem.
Der Sprung ins kalte Wasser
Nach der Ausbildung führte ihr Weg dennoch nicht direkt in Schmuckbusiness, sondern in eine ganz andere Richtung: in die Immobilienbranche, später in den Investmentbereich. Ihre erste Stelle bekam sie bei einer bekannten Maklerin in der Nähe von Potsdam – eher zufällig, wie sie erzählt, denn sie war zu ihrem eigenen Vorstellungsgespräch gegangen, ohne wirklich mit einer Zusage zu rechnen. Es war ein gutgezahlter Job, doch je länger sie in dieser Welt arbeitete, desto klarer wurde ihr, dass es nicht ihre eigene war. Fast jeden Morgen, erzählt sie, sei sie beim Hochgehen der Bürotreppe den Tränen nahe gewesen. Irgendwann saß sie im Auto und wusste: Sie konnte diese Treppe kein einziges Mal mehr hochgehen.
Also kündigte sie. Ohne Sicherheitsnetz, ohne Plan B. Sie verkaufte, was sie besaß, gab ihren Leasingvertrag fürs Auto auf, zog in eine kleine Hinterhauswohnung in Wedding, für rund 320 Euro Miete und wagte damit einen radikalen Bruch mit dem Leben, das sie sich gerade erst aufgebaut hatte. Am Kommodentisch dieser Wohnung zeichnete sie schließlich ihre ersten eigenen Schmuckentwürfe. Um das nötige Startkapital zusammenzubekommen, arbeitete sie zusätzlich als Model. Für die Produktion reiste sie schließlich für mehrere Wochen auf den Großen Basar nach Istanbul, wohnte dort in einem heruntergekommenen Hotel und rief, wie sie offen erzählt, fast täglich weinend ihre Mutter an, die sie beschwor, doch einfach nach Hause zu kommen. Sie hörte nicht darauf.
Es gibt so viele Frauen, die in einem Universum sind ohne Sterne. Aber was soll schon passieren?
Wochen vergingen mit Rückschlägen, mit Geld, das in nichts zu funktionieren schien – bis zu jenem Moment, an den sie sich bis heute lebhaft erinnert: Sie saß auf einer Bank, die Sonne fiel auf einen in Papier gewickelten Ring, den sie gerade abgeholt hatte. Er war perfekt. In diesem Augenblick wusste sie: Das bin ich. Ich bin Schmuckdesignerin. Über einen Goldhändler, den sie dort kennenlernte, fand sie schließlich den passenden Produzenten. 2013, mit 24 Jahren, gründete sie offiziell ihr eigenes Unternehmen: Leo Mathild. Am Anfang standen genau vier Ringe im Online-Shop.
“Ich hatte immer so ein Grundvertrauen, dass ich dachte, ich falle wie eine Katze auf meine Pfoten”, erzählt sie und lacht. Dieses Grundvertrauen, sagt sie, komme nicht aus Naivität, sondern aus einer nüchternen Rechnung: Sie lebte in Deutschland, einem Land, in dem selbst ein Scheitern selten existenzbedrohend ist. Was sollte schon passieren? Im Zweifel, sagt sie, hätte sie eben wieder von vorne angefangen. Selbstständigkeit sei am Ende keine Frage des Glücks, sondern des Willens – eine Frage, ob man durchzieht oder nicht.
Die schwierigen Jahre
Mit wachsendem Erfolg konnte sie sich schließlich ihr erstes eigenes Büro leisten. Ebenfalls am Ku'damm, allerdings nur einen kleinen Raum für 720 Euro im Monat. Aber immerhin! Ihr Business zieht immer weiter an und auch ihre Reichweißte auf Instagram geht durch die Decke. Doch das täuscht über das hinweg, was danach kam. Das zweite und dritte Jahr, sagt Leo Eberlin, seien die eigentlich harten gewesen. Die Zeit, in der man lernen muss, mit Finanzamt, Investitionen und echten unternehmerischen Entscheidungen umzugehen, während gleichzeitig alles auf einmal auf einen einprasselt.
In diese Phase fiel auch ihre erste Schwangerschaft – begleitet von Hyperemesis gravidarum, einer Erkrankung, die mit anhaltender, extremer Übelkeit und Erbrechen einhergeht. Sie habe sich, erzählt sie fast beiläufig, bis kurz vor der Geburt übergeben müssen. Zu diesem Zeitpunkt stand ihr Unternehmen noch nicht dort, wo es sich finanziell hätte tragen können – also musste sie zurück an die Arbeit, nur zwölf Tage nach der Entbindung, das Baby quasi im Schlepptau, weil sie als Selbstständige niemanden hatte, der die Aufgaben für sie übernahm. Es sei, sagt sie rückblickend, eine ihrer schwersten Phasen gewesen. Ein paar Jahre später kam Tochter Nummer zwei zur Welt.
Unternehmerin, Mutter, Ehefrau – und die ewige Suche nach Balance

Heute führt Leo Eberlin nicht nur Leo Mathild, sondern mit LM Studio auch ein zweites Unternehmen – spezialisiert auf im Labor gezüchtete Diamanten – sowie, mehr nebenbei entstanden als geplant, ihre eigene Personality Brand. Insgesamt spricht sie von drei Businesses, die sie gleichzeitig am Laufen hält, während sie zwei Töchter großzieht. Auf die Frage, was die größte Herausforderung sei – Unternehmerin, Mutter oder Ehefrau zu sein – antwortet sie ohne zu zögern: die Kombination aus allem. Jede Rolle allein, sagt sie, würde ihr gut gelingen. Zusammen aber bleibe immer irgendetwas auf der Strecke.
Die private Leo ist auch manchmal ganz schön grunderschöpft.
Ihr größter Rückhalt ist dabei ihr Mann, den sie als “very hands on” beschreibt – jemand, der sich ebenso intensiv um die Kinder kümmert wie sie selbst. Jemand, der ihr Gegenteil ist in Sachen Geselligkeit: extrovertiert, offen, überall sofort mit allen befreundet, während sie selbst sich als introvertiert bezeichnet und nach gesellschaftlichen Anlässen oft erschöpft nach Hause geht. Sie brauche Rückzug, Ruhe, ein Buch. Zeit für sich allein sei etwas, das sie sich bewusst zurückerobern müsse – etwa bei einsamen Waldspaziergängen, bei denen sie sich zwingt, das Handy nicht anzurühren.
Ihren Töchtern möchte sie vor allem eines mitgeben: Unabhängigkeit. Als Frau zu arbeiten, sich nicht emotional oder finanziell von jemand anderem abhängig zu machen. “Eine Frau muss Herrin ihrer selbst bleiben”, sagt sie – ein Satz, den man sich merkt, weil er nicht wie eine Floskel klingt, sondern wie eine Lebenserfahrung, für die sie selbst teuer bezahlt hat.
“Jetzt erst recht”
Und trotzdem gibt es einen Bereich in ihrem Leben, der sie ganz besonders an ihre Grenzen bringt: Sie leidet an einer Autoimmunkrankheit. Diese könne sie weder verstehen noch kontrollieren – und das treffe sie hart, weil Kontrolle sonst zu ihrem Naturell gehöre. Doch anstatt sich in eine Opferrolle zu begeben, hat sie sich für ihr Lieblingsprinzip entschieden: “Jetzt erst recht.” Ein einfacher Satz, den man schon tausendmal gehört hat, wie sie selbst zugibt. Und doch einer, den die wenigsten wirklich leben.
Gerade weil sie so viel zu bewältigen hat – zwei Kinder, drei Unternehmen, eine chronische Erkrankung –, zieht sie erst recht durch, geht stets die Extrameile und nutzt jede freie Minute. Der morgendliche Gang ins Fitnessstudio gehöre für sie deswegen genauso zur festen Routine wie Zähneputzen oder Mittagessen. Der Sport, sagt sie, habe ihr Leben verändert, sie aus dem Krankheitsdenken herausgeholt und ihr eine Art Grundgefühl von Stärke gegeben, das sie mit in ihren ganzen Alltag trägt.
Für mich ist, ist immer noch day one. Ich habe noch so unglaublich viel vor. Es kommt mir immer noch vor, als wäre ich jetzt am Anfang.
Und es funktioniert! Heute arbeiten mindestens fünfzehn Menschen für sie, produziert wird in Berlin, Belgien, Italien und Asien. Und dennoch ist sie geblieben, wo alles begann: in Berlin, nicht in Dubai oder einer anderen vermeintlichen Erfolgsmetropole. Hier, sagt sie, habe sie ihr Glück gefunden – und von hier aus sei internationaler Erfolg genauso möglich.
Bemerkenswert ist dabei, dass sie ihren Weg nie infrage gestellt hat, auch wenn sie selbst betont, keine klassische Unternehmerin mit ausgeklügeltem Fünf-Jahres-Plan zu sein. Sie folge ihrem Bauchgefühl, mache das, worauf sie gerade Lust habe, und vertraue darauf, dass sich der Rest ergibt. Selbstbewusstsein, sagt sie, bedeute wortwörtlich, sich seiner selbst bewusst zu sein: zu wissen, was man kann – und woran man noch arbeiten muss.
Leo Eberlin – was bleibt

Am Ende unseres Gesprächs frage ich sie, was die wichtigste Botschaft sein soll, die Leserinnen aus ihrer Geschichte mitnehmen. Sie überlegt kurz, dann sagt sie: Man solle die Liebe und die Magie im Alltag finden. Sich von nichts davon abhalten lassen – egal, wie ungewöhnlich oder speziell der eigene Weg erscheint. Denn genau das sei am Ende der größte Reichtum: wirklich Lust auf das zu haben, was man tut, jeden einzelnen Tag.
Leo Eberlin hat ihren Erfolg nicht geschenkt bekommen. Sie hat ihn sich erarbeitet – mit einem halben Zimmer zur Untermiete, mit Nächten voller Zweifel, mit Schwangerschaften, die sie fast an ihre Grenzen brachte, und mit einer Beharrlichkeit, die selten geworden ist. Wer sie in ihrem lichtdurchfluteten Büro am Ku'damm sitzen sieht, zwischen Moodboards und Diamantskizzen, sieht eine erfolgreiche Unternehmerin. Wer ihr zuhört, versteht: Dahinter steckt vor allem eine Frau, die gelernt hat, sich selbst treu zu bleiben – und die genau deshalb zur Inspiration für so viele andere geworden ist.






