Overdressed! Sollte ich meinen Kleidungsstil meinen Freunden anpassen?

Jeder Look ist ein bisschen too much? Es kommt darauf an, wen man fragt. Aber deshalb den Kleidungsstil seinem Umfeld anpassen? Unsere "Head of Fashion" Jenny stellt sich nach einem kleinen Zwischenfall diese Frage und hat eine klare Antwort parat.

Frau von hinten in elegantem Outfit© Getty Images
Immer zu schick und zu stylisch – was steckt hinter der Problematik overdressed zu sein und besteht sie überhaupt?

Es ist Freitagabend und ich zupfte noch ein letztes Mal vor dem Spiegel an meinem engen Off Shoulder-Kleid herum und mustere meine spitzen Snake-Boots, bevor es an meiner Tür klingelt. Ich werde jetzt abgeholt, um als "plus 1" einen 35. Geburtstag zu feiern. Pünktlich kommt meine Begleitung durch den Türrahmen spaziert und betrachtet mich nach einer schnellen Begrüßung mit prüfendem Blick: "Bist du nicht zu schick für die Veranstaltung? Alle anderen kommen in Jeans und T-Shirt", lautet das Urteil.

Ich blicke an mir herunter und sehe ein schwarzes schulterfreies Minikleid mit romantischen Ballonärmeln, kniehohe Stiefel mit Animal-Print und eine kleine Handtasche mit zarten Fransen, die an meinem Arm baumelt. “Was daran ist bitte verkehrt für einen 35. Geburtstag?”, schießt es mir durch den Kopf. Schnell umziehen, überlege ich und steuere auf mein Schlafzimmer zu. Vor dem Spiegel der erneute Check: Also ich fühle mich wohl. Das Outfit bleibt, denn so schnell lasse ich mich sicher nicht verunsichern!

Warum ist overdressen verpönt?

Nichtsdestotrotz beschäftigt mich der Gedanke "overdressed zu sein" noch nachhaltig. Ich bin nämlich ehrlich: Mein Kleiderschrank ist voll mit den unterschiedlichsten Looks, die andere übertrieben finden und ich habe bereits das eine oder andere Mal den Kommentar im Alltag gehört, ob ich heute noch etwas ganz Besonders vorhabe. Es ist jedoch so: Die Frage, zu schick gekleidet zu sein, stellt sich mir in den meisten Fällen gar nicht. Denn impliziert sie nicht eigentlich nur die Befürchtung, aus der Reihe zu tanzen?

Wenn alle anderen in zerrissener Jeans und einem alten T-Shirt – ich überspitze stark – den Geburtstag zelebrieren und ich im kleinen Schwarzen mit hohen, gemusterten Stiefeln hereinspaziere, dann falle ich definitiv auf. Jemand könnte denken: "Wie eingebildet, die will nur im Mittelpunkt stehen." Oder: "Ihr Aussehen ist echt alles, was für sie zählt." Ja, das könnte durchaus passieren und wurde hinter verschlossener Tür sicher schon geurteilt. Aber könnte es nicht auch sein, dass mir diese Meinungen vollkommen egal sind und mich einfach die Lust packt, mich herauszuputzen, wann und wie ich will? Volltreffer!

Outfitwechsel wegen Unbehagen?

Als Modejournalistin habe ich ein Faible für neue Trends und ausgefallene Outfits. Ob ich aufgestylt eine ruhige Silvesternacht mit einer einzigen Freundin verbringe, einen gediegenen 35. Geburtstag im Minikleid mit hohen Absätzen stürme oder beim Besuch auf dem Spielplatz meines kleinen Neffen mit einer Fendi-Tasche aufkreuze. Wenn der Look mir doch gefällt und ich mich wohlfühle, dann kann er nicht falsch sein. Ich habe deshalb keine Sorge vor Unbehagen oder davor, dass mein Kleidungsstil die soziale Interaktion mit anderen beeinflusst.

Im Gegenteil: Mode ist für mich nämlich mehr als nur ein Look. Sie gibt mir die Möglichkeit, mein Innerstes nach Außen zu tragen und ermutigt mich dazu, keine Angst zu haben, anders zu sein. Wenn überhaupt, kommt mir bei meiner Kleidungswahl der Gedanke, ob Dreck auf der Designertasche landet. Aber mit dieser Problematik beschäftige ich mich im Fall der Fälle ...

Ich trage, was ich will, wann ich will, mit wem ich will

Mein Fazit ist deshalb Folgendes: Wer möchte, der passt sich seinem Freundeskreis und den Erwartungen anderer an. Verstellen muss sich aber garantiert niemand, um sich wohlzufühlen oder einer Gruppe anzugehören – und das nicht nur style-technisch. Zweifelsohne gibt es Momente, in denen wir aufgrund des Anlasses – sei es im Office oder als geladener Hochzeitsgast – nicht viel Spielraum haben.

Ist der Dresscode aber nicht klar definiert, dann gilt für mich: Ganz gleich, ob ich zum Adidas-Tracksuit oder dem kleinen Schwarzen greife – mein Kleidungsstil wird gewiss nicht den Personen meines Umfeldes angepasst. Mir ist es nämlich lieber in der Menge herauszustechen, als in der Menge unterzugehen.