Von Balenciaga bis Tom Ford: Das waren die Einflüsse der Gucci “Aria”-Show

Von Balenciaga bis Tom Ford: Das waren die Einflüsse der Gucci “Aria”-Show

Zum 100. Geburtstag präsentierte Gucci am 15. April seine neue Kollektion via Livestream – und sorgte damit für ziemlich viel Verwirrung. Denn Designer Alessandro Michele präsentierte 94 Looks, darunter Entwürfe von Tom Ford und Balenciagas Kreativchef Demna Gvasalia. Wir erklären, was er uns damit sagen will..

Für Gucci war der 15. April der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Zum einen feierte die italienische Traditionsmarke ihr 100-jähriges Jubiläum. Zum anderen war die Gucci "Aria"(der Name war angelehnt an Micheles Vorliebe für die Oper) eine Show, die es so zuvor noch nicht gegeben hat. Das Außergewöhnliche: Die 94 Looks, die Kreativchef Alessandro Michele entwarf, zeigten die ganze Bandbreite des Gucciversums. Die Looks waren inspiriert von den Entwürfen Guccio Guccis (der Italiener gründete die Marke 1921), Tom Fords (Chefdesigner von 1995 - 2004) und den Balenciaga-Designs Demna Gvasalias.

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Die fünf großen Einflüsse

Inspirationen holte sich der Designer aus den unterschiedlichsten Epochen des Modehauses. 

1. Der Reitsport: Typisch dafür ist die Horsebit-Spange auf Schuhen und Bags sowie Reitstiefel und -helme mit der Aufschrift Savoy Club. Sagt euch nichts? In dem Londoner Grand-Hotel arbeitete Guccio Gucci um das Jahr 1900 als Page. 

2. Guccio Gucci selbst: Auf einigen Mänteln und Capes war das GG-Diamant-Muster, das Gucci entwickelte, zu sehen. Das Savoy spielt aber noch eine weitere wichtige Rolle. 1953 eröffnete Amerikas erster Gucci-Store in der New Yorker Version des Hotels.

3. Tom Ford: Der Amerikaner verhalf der Marke in den 90ern zum ganz großen Erfolg. Seine maskulinen Hosenanzüge sind heute Kult. Unvergessen ist der rote Samtanzug, den Ford 1996 erstmals über den Gucci-Runway schickte. Klar, dass Michele ihn neu interpretierte – unisex versteht sich. Details wie die Seidenpaspelierung des Reverskragens blieben. Neu war der lässige Schnitt, die Horsebit-Accessoires sowie die S&M-Choker.

4. Fetisch: Es bleibt unklar, ob die Peitschen und Gerten als Referenz auf den Reitsport oder auf eine von Michele entworfene Fetisch-Welt zu verstehen waren. An Zweiteres erinnerten Midikleider aus Latex, Harnische, Choker mit Gucci-Schriftzug und Korsettgürtel.

5. Balenciaga: Schon vor der Show gab es Gerüchte um eine Zusammenarbeit der beiden Mega-Brands. Von Kooperation sprach aber keiner der beiden Kreativchefs. Und dennoch: Der Balenciaga-Schriftzug fand sich auf Taschen und Blazern. Look 43 sorgte aber für noch mehr Verwirrung. Insider erkannten die V-Silhouette, die so typisch für Balenciaga-Designer Demna Gvasalia ist, schon von Weitem. Gab es den Look aus scharf tailliertem Blazer, asymmetrischem Pencil-Skirt und Leggings, die in Pumps übergehen, nicht so auch schon mal auf dem Laufsteg des französischen Couturehauses? Yes! Doch wenn ihr jetzt an eine lame Kopie denkt, liegt ihr falsch. Alessandro Michele nennt es ein "Zitat" – und sicherlich ist es die größte Ehre, die Michele Gvasalia erweisen kann. 

Eine Revolution

Dass Alessandro Michele auf bestehende Mode-Regeln pfeift, ist bekannt. Bereits zu Beginn seiner Karriere bei Gucci führte er eine völlig neue Ästhetik ein. Klassische Schönheit? Langweilig! Lieber zeigt er Klamotten, die auf den ersten Blick nicht zusammen passen und paart diese mit einer starken Message. 2019 etwa druckte er den Spruch "My Body my Choice" auf Jacken und Sweatshirts und sprach sich damit auf das Recht auf Abtreibung aus. 

Dass er die Entwürfe anderer Designer – und im Falle Balenciagas sogar eines Konkurrenten – zitiert, zeigt sicher nicht nur dessen große Bewunderung für deren Arbeit, sondern auch, dass es jetzt auf Solidarität ankommt. Wer braucht in ätzenden Zeiten wie diesen schon Hate, Neid und Rivalität? Viel schöner ist doch, sich gegenseitig zu supporten. Alte Regeln? Who cares! Corona hat uns ohnehin eine neue Zeitrechnung beschert – V(or). C. und N(ach). C. – und der Mode damit einen Neuanfang. Wahre Größe bedeutet heute, das Werk eines anderen anzuerkennen. 

Ein Seitenhieb auf die Fast Fashion?

Somit kann die Kollektion auch als Seitenhieb auf die Fast Fashion gesehen werden. Die kopiert die Entwürfe der großen Modehäuser schließlich gerne mal, während die Urheber, also die Designer und Brands, schnell in Vergessenheit geraten. 

Wie genial Alessandro Michele ist, hat er mit dieser Kollektion erneut bewiesen. Gerade weil er dafür das Rad nicht neu erfunden hat. Schließlich gibt es wenig, dass man in der Mode noch nicht gesehen hat. Einzigartig ist allerdings Micheles untrübgarer Instinkt für Zeitgeist, der ihn nicht nur zu einem Jahrhundert-Designer, sondern auch zu einem Visionär macht. Und das ist es doch, was wir aktuell brauchen. 

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