Warum sind Modegrößen keine Aussage über den eigenen Körperwert?

38 fühlt sich gut an, 40 gerade noch okay und bei 42 kommt plötzlich dieses unangenehme Gefühl auf? Obwohl es eigentlich nur um eine Zahl auf einem kleinen Etikett geht, verbinden viele Menschen erstaunlich viel mit ihrer Kleidergröße. Dabei sagt sie weder etwas darüber aus, wie attraktiv jemand ist, noch darüber, wie gesund, diszipliniert oder wertvoll ein Mensch ist. Höchste Zeit also, der Zahl im Hosenbund weniger Macht zu geben.

Eine curvy Frau trägt einen gelben Rock, einen Trenchcoat und einen grünen Pullover© Getty Images/Christian Vierig

Seit wann entscheidet eine Zahl darüber, ob wir uns gut fühlen?

Die Jeans sitzt an der Taille unangenehm eng, trotzdem landet lieber die kleinere Größe in der Umkleidekabine. Schließlich hat die 38 doch früher auch gepasst. Vielleicht geht der Knopf irgendwie zu. Vielleicht gibt der Stoff noch etwas nach. Vielleicht müssen vor dem nächsten Shoppingtrip einfach zwei Kilo runter.

Solche Gedanken kennen viele. Das eigentliche Problem ist dabei selten die Hose. Es ist die Bedeutung, die wir ihrer Größe geben. Eine kleinere Zahl fühlt sich schnell wie ein persönlicher Erfolg an, eine größere dagegen wie ein Rückschritt. Dabei wäre die deutlich sinnvollere Frage: Sitzt dieses Kleidungsstück bequem und fühle ich mich darin gut?

Dass uns diese Umstellung schwerfällt, kommt nicht von ungefähr. Jahrzehntelang haben Filme, Serien, Magazine und Werbung sehr genaue Vorstellungen davon vermittelt, welcher Körper als begehrenswert gelten soll.

Bridget Jones zeigte perfekt, wie absurd alte Körperideale waren

Ein besonders eindrückliches Beispiel liefert ausgerechnet eine der beliebtesten Romcom-Heldinnen der 2000er: Bridget Jones. Ihr Gewicht zieht sich in „Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück“ wie ein Running Gag durch die Handlung. Bridget zählt Kalorien, notiert regelmäßig ihr Gewicht und betrachtet Abnehmen als Teil ihrer persönlichen Selbstoptimierung.

Dabei lag das für die Filmfigur thematisierte Gewicht bei rund 136 Pfund, also knapp 62 Kilogramm. Hauptdarstellerin Renée Zellweger ist etwa 1,60 Meter groß. Trotzdem wurde Bridgets Körper damals regelmäßig als vermeintlich zu dick inszeniert. Aus heutiger Perspektive wirkt das beinahe surreal.

Genau darin liegt das Problem. Eine ganze Generation ist mit Filmen, Magazinen und Celebrity-Berichterstattung groß geworden, in denen völlig gewöhnliche Körper als etwas dargestellt wurden, das dringend optimiert werden müsse. Auch Stars wie Jessica Simpson oder Britney Spears mussten in den 2000er-Jahren erleben, dass minimale körperliche Veränderungen plötzlich Schlagzeilen produzierten. Solche Bilder verschwinden nicht automatisch aus dem Kopf, nur weil Body Positivity inzwischen viel präsenter ist.

Größe 38 ist keine magische Norm

Hinzu kommt, dass unsere Vorstellung einer vermeintlichen „Normalgröße“ mit der Realität wenig zu tun hat. Eine aktuelle Marktanalyse zur Vielfalt in der Damenmode zeigt beispielsweise, dass die durchschnittliche Konfektionsgröße in Deutschland eher im Bereich 42 bis 44 liegt. Größe 38 ist also keineswegs die selbstverständliche Norm, als die sie lange behandelt wurde.

Spannend ist außerdem, was passiert, sobald die Größen steigen: In der untersuchten Auswahl von 36 Anbietern nimmt das Angebot deutlich ab, insbesondere ab Größe 48. Bei Kleidern zeigte der betrachtete Marktplatz-Snapshot sogar, dass nur noch ein Bruchteil der Modelle verfügbar war, die in Größe 38 angeboten wurden.

Das verändert die Perspektive. Passt ein bestimmtes Kleidungsstück nicht, liegt das eben nicht automatisch am Körper. Manchmal liegt es schlicht daran, dass Mode noch immer für einen relativ engen Ausschnitt realer Körperformen entworfen, produziert und verkauft wird.

Und selbst dieselbe Zahl bedeutet längst nicht überall dasselbe. Eine 42 bei einer Marke kann ähnlich ausfallen wie eine 40 oder 44 bei einer anderen. Schnitte, Stoffe und Proportionen unterscheiden sich zusätzlich. Das Etikett ist damit vor allem eine Orientierungshilfe für die Anprobe und kein objektives Urteil über den eigenen Körper.

Auch Gesundheit lässt sich nicht am Hosenbund ablesen

Besonders problematisch wird es, wenn Körperform und Gesundheit automatisch gleichgesetzt werden. Ein flacher Bauch ist kein medizinischer Befund und kräftigere Oberschenkel sind keine Diagnose.

Natürlich können Körpergewicht und Fettverteilung mit bestimmten gesundheitlichen Risiken zusammenhängen. Trotzdem lässt sich der individuelle Gesundheitszustand nicht allein anhand von Gewicht, Kleidergröße oder Aussehen beurteilen. Selbst der BMI gilt medizinisch lediglich als ein Baustein, der zusammen mit Faktoren wie Blutdruck, Blutzucker, Cholesterin, Bewegung, Ernährung, Schlaf, Muskelmasse und Krankengeschichte betrachtet werden sollte.

Eine kräftigere Person kann regelmäßig Sport treiben, ausgewogen essen, gute Blutwerte haben und körperlich belastbar sein. Gleichzeitig kann ein schlanker Mensch wenig Bewegung haben, sich unausgewogen ernähren oder ungünstige Blutwerte aufweisen. Genetik, Stoffwechsel, Muskelmasse, Hormone, Alter und zahlreiche weitere Faktoren beeinflussen, wie ein Körper aussieht und wie sich Gewicht entwickelt.

Deshalb funktioniert die Gleichung „schlank gleich gesund“ genauso wenig wie „kräftig gleich ungesund“.

Dein Körper muss keine bestimmte Form verdienen

Vielleicht ist genau das der wichtigste Perspektivwechsel: Ein Körper muss sich sein Recht auf schöne Kleidung, Genuss, Nähe oder Selbstbewusstsein nicht erst verdienen.

Ein größerer Bauch macht einen Menschen nicht weniger interessant. Breitere Hüften ändern nichts daran, wie humorvoll, loyal, kreativ oder klug jemand ist. Dickere Oberschenkel entscheiden nicht darüber, wie attraktiv ein Lachen wirkt oder wie gut sich andere Menschen in der eigenen Nähe fühlen.

Und Selbstbewusstsein beginnt nicht automatisch an dem Tag, an dem eine bestimmte Zahl auf der Waage oder im Etikett erscheint. Oft funktioniert es sogar andersherum. Sobald Kleidung nach dem eigenen Körper ausgewählt wird, statt den Körper in eine bestimmte Kleidung zwingen zu wollen, entsteht plötzlich viel mehr Freiheit.

Dann darf die Hose eben eine 42 sein, wenn sie besser sitzt als die 40. Das Kleid darf eine 48 tragen, ohne dass diese Zahl irgendeine emotionale Bedeutung bekommt. Vielleicht passt beim nächsten Label wieder eine andere Größe.

Mode sollte schließlich dabei helfen, dass wir uns ausdrücken und wohlfühlen können. Sie ist kein Persönlichkeitstest und schon gar keine Bewertungsskala. Entscheidend ist nicht, welche Zahl im Etikett steht, sondern wie selbstverständlich jemand den eigenen Stil trägt, wie wohl er sich bewegt und was er ausstrahlt.

Eine Kleidergröße kann beschreiben, welches Kleidungsstück gerade passt. Mehr Macht muss sie nicht bekommen.