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Exklusivinterview: Jean-Paul Gaultier über Teddybären, Crêpes und Abi-Albträume

Von GRAZIA am Freitag, 12. Februar 2016 um 16:30 Uhr

GRAZIA traf Modelegende Jean Paul Gaultier in der Kunsthalle München zum Exklusivinterview.

Doch bevor es so weit war, sah sich der Franzose (63) noch einmal in seiner eigenen Ausstellung um, die unter dem Titel „Jean Paul Gaultier: From the Sidewalk to the Catwalk“ einen faszinierenden Querschnitt durch sein jahrzehntelanges Schaffen präsentiert. Außerdem überreichte der Designer einen Scheck des M·A·C AIDS Funds in Höhe von 100.000 Dollar an die Münchner Aids-Hilfe. Bis heute konnte der M·A·C AIDS Fund durch die Spendeninitiative VIVA GLAM, die Jahr für Jahr von berühmten Gesichtern aus der Unterhaltungsindustrie oder Modebranche repräsentiert wird, über 400 Millionen Dollar für wohltätige Zwecke sammeln. Jeder Cent des Erlöses vom Verkauf der M·A·C VIVA GLAM Lippenstifte und Lipglosse geht an Frauen, Männer und Kinder, die von HIV und AIDS betroffen sind. Auch Jean Paul Gaultier setzt sich seit Jahrzehnten intensiv für die Aids-Aufklärung und -Forschung ein. Ihm war es daher ein besonderes Anliegen, im Rahmen seiner aktuellen Ausstellung ein weiteres Zeichen seiner Solidarität zu setzen.

Monsieur Gaultier, was passiert mit Ihrem Teddybären Nana, der ein Teil der Ausstellung ist, wenn diese schließt? Kommt er in Paris in eine Kiste?

Nein, er geht auf Reisen. Und zwar nach Seoul. Dort wird die Ausstellung als Nächstes zu sehen sein. Wahnsinn, wo Nana schon alles war: Montreal, Dallas, Madrid, Rotterdam, jetzt München, demnächst Südkorea. Bald hat mein Teddy den Erdball umrundet!

 

Er hätte Ihnen ein paar Ansichtskarten schreiben können.

Stimmt, wie der weltreisende Gartenzwerg aus „Die fabelhafte Welt der Amelie“! (lacht) Dabei hab ich ihn als Kind nie in die Ferien mitgenommen.

 

Der Teddy ist in der Ausstellung zu sehen, weil er Ihr erstes Model war.

Ja, Nana ist die Königin, unverzichtbar! Meine Eltern wollten mir keine Puppe schenken, denn Jungs bekamen in den 1950er-Jahren keine Puppen, basta! Weil ich mich aber total für Mode interessierte, hab ich meinen Teddybären zum Mannequin umfunktioniert und ihm Röcke und andere Sachen auf den Leib geschneidert. Ich vermute mal, dass Nana der erste transsexuelle Teddy der Welt ist. (lacht)

 

Er hat sogar Madonna etwas voraus.

Ja, er trug als Erster meine konischen Büstenhalter. Den Prototyp hab ich damals aus Papier für ihn gemacht.

 

Sie wirken immer so fröhlich und gut gelaunt. Sind Sie ein ernsthafter Mensch, der für andere den Clown spielt, oder sind Sie im Herzen ein Clown, der sich manchmal einen seriösen Anstrich geben muss?

Puh, fällt mir schwer, das zu beantworten. Da müssen Sie meine Agentin fragen. (die sitzt mit im Raum, wehrt mit den Händen ab und ruft schließlich lachend: „Er ist sehr ernsthaft, aber kein bisschen distanziert!“) Bin ich das? Vermutlich. Ich finde ja, man sollte alles im Leben mit viel Spaß und guter Laune angehen.

 

Gab Ihre Familie eigentlich viel Geld für Kleidung aus?

Überhaupt keins!

 

Wurde zu Hause genäht?

Nein, auch nicht. Meine Großmutter hat mir viele Anziehsachen geschenkt, nichts Besonderes. Geschämt habe ich mich in der Schule nicht, bloß weil meine Sachen nicht aus teuren Geschäften stammten. Nur einmal, da musste ich so ’ne Schlupfmütze wie beim Wintersport tragen, die mochte ich überhaupt nicht.

 

Wer war Ihr Stilvorbild?

Meine Oma – Mémé Marie.

 

Eine elegante Frau?

Nicht unbedingt, aber sie hatte die erstaunlichsten Teile im Kleiderschrank. Federn. Ein Korsett. Hüte mit Schleiern – eigentlich handelte es sich ja um Trauerschleier. Aber das wusste ich als Kind nicht, ich fand sie einfach nur schön. Sie war auch meine größte Unterstützerin. Meine Eltern wollten, dass was Anständiges aus mir wird. Ich sollte Abitur machen und dann studieren. Am besten, um Spanischlehrer zu werden.

 

Doch dann fingen Sie eine Lehre bei Designlegende Pierre Cardin an.

Ja, ich hatte mich heimlich mit Modeskizzen beworben. Und bekam die Zusage just an meinem 18. Geburtstag. Spätestens da begriffen meine Eltern, dass Modeschöpfer vielleicht doch ein passender Beruf für mich ist und nicht blo§ Spinnerei. Erst war ich nur halbtags bei Cardin, weil ich noch zur Schule ging. Aber dann hab ich das Abitur hingeworfen. Und wissen Sie was? 15, 20 Jahre lang hat mir das schlimme Minderwertigkeitskomplexe bereitet. Ich hatte regelrecht Albträume, in denen ich das Abi nachmachte und alle lachten, weil ich so viel Älter war als die anderen. (lacht)

 

Hat Ihre Großmutter Ihre Erfolge noch miterlebt?

Nein, leider nicht. Immerhin bekam sie mit, dass sie mich bei Cardin genommen hatten. Und wie ich mich in meinen Freund Francis verliebte.

 

Haben Sie berufsbedingte Macken?

Sie meinen, ob ich mir genau ansehe, was jemand trägt, wie Schnitt und Stoff beschaffen sind? Leider ja, und zwar ständig! Aber ich schließe aus der Kleidung nicht auf den Menschen. Ich kann jemanden sympathisch finden, auch wenn ich seine Klamotten nicht mag. Wobei: Ich habe schon so manche Moderedakteurin getroffen, die weder schick noch einfallsreich gekleidet war, und da konnte ich mir den Gedanken nicht verkneifen: Die schreibt über Mode? Vielleicht sollte sie sich besser einen anderen Job suchen! (kichert)

 

Viele Haute-Couture-Kundinnen stammen aus dem Nahen Osten und den Emiraten. Stimmt es Sie nicht traurig, dass Ihre wunderschönen Unikate für immer unter Ganzkörperschleiern verschwinden?

Ach, jede kann damit machen, was sie will. Außerdem hat die Welt die Kleider ja auf meiner Haute-Couture-Schau gesehen. Ich war zwar noch nie dabei, aber wie ich höre, organisieren die Frauen im Orient Partys nur für Frauen, wo sie sich die Teile gegenseitig vorführen. Einen Tschador hab ich übrigens noch nicht entworfen, fällt mir gerade ein.

 

Dafür viele Sachen, die von der Bretagne inspiriert sind.

Als Jugendlicher hab ich oft die Ferien dort verbracht und wie ein Irrer auf den fest-noz, den Volksfesten, getanzt! Austern, Crêpes – einfach köstlich. Und dann diese starke keltische Kultur mit ihrer traditionellen Kleidung. Die Kostüme mit ihren prächtigen Farben und Stickereien haben mich seit jeher inspiriert, vor einem Jahr ist sogar eine komplette Haute-Couture-Kollektion daraus entstanden.

 

Und Ihr berühmtes Bretonenshirt?

Daran ist Fassbinders „Querelle“ mit schuld – die Matrosen in dem Film fand ich verdammt sexy!

 

Wie nennt man ein Enfant terrible, das am 24. April 64 Jahre alt wird?

Grand-père terrible? Nein, das geht nicht, ich hab ja keine Enkel. (lacht)

 

Mögen Sie das Etikett Enfant terrible überhaupt?

Eigentlich schon. Immer noch besser, als wenn man mich als Langweiler bezeichnen würde. Doch zurück zum Alter: Ich habe festgestellt, dass ich in letzter Zeit ungeduldiger bin als früher. Ich hab zwar schon immer viel verlangt – von mir und von den anderen. Aber jetzt regt es mich schneller auf, wenn die Sachen nicht so laufen, wie sie sollten. Was ich bedauerlich finde. Ansonsten erlebe ich immer noch so viele Abenteuer, dass ich mich echt nicht beschweren kann.

 

Ihre Devise lautet also nach wie vor „Es lebe der Unterschied“?

Es bedeutet ja nichts anderes, als dass man mit offenen Augen und unvoreingenommen durch die Welt geht. Und dass man laufend seine Meinung ändern kann! (lacht) Ich bin kein nostalgischer Mensch, obwohl ich mich gern an frühere Ereignisse, hauptsächlich positive, erinnere. Aber natürlich bleibt mir auch der Aids-Tod meines Partners Francis unvergessen. Damals hab ich viel geweint. Doch ich erinnere mich vor allem an die schönen Dinge, die wir erlebt haben. Wenn ich alte Songs oder Filmmusiken höre, mit denen viele tolle Erinnerungen verbunden sind, kommen mir manchmal fast die Tränen. Freudentränen. Der Mensch setzt sich aus Vergangenheit, Gegenwart und seinen Plänen für die Zukunft zusammen. Auf ein gutes Mischverhältnis kommt es an.

 

Sie galten als Partylöwe, der mit Madonna die Nächte durchmachte. Feiern Sie noch so wild wie früher?

Habe ich mich beruhigt? Eher nicht. Was mir gerade wirklich total auf die Nerven geht, ist, dass in Frankreich ständig irgendwelche Totengedenktage begangen werden. Hier gefallene Soldaten, da verstorbene Politiker. Immer nur Tote. Das ist so deprimierend. Dabei sollten wir das Leben hochleben lassen. Ich jedenfalls feiere das Leben. Immer noch. (lacht und gestikuliert theatralisch) Vive la vie!

 

Jeder Cent des Erlöses vom Verkauf der VIVA GLAM Produkte geht an Frauen, Männer und Kinder die von HIV/AIDS betroffen sind. „VIVA GLAM Ariana Grande“ Lipglass (ca. 18 €) und Lipstick (ca. 21 €) von M.A.C gibt's hier zu kaufen.

 

 

 

Interview: Kalle Schäfer

 

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