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Interview mit Mario Testino: „Selfies? Oh mein Gott!“

Von GRAZIA am Sonntag, 27. Juli 2014 um 16:00 Uhr

Er hatte sie wirklich alle vorm Objektiv: Cara, Kate, Claudia, Gisele. Doch niemals würde der Godfather der Glam-Fotografie die Handykamera auf sich selbst richten. Mario Testino über seine Spiegelphobie und total ausgeflippte Models. 

Wo bleibt er bloss? Alle sind versammelt an diesem Donnerstagmorgen im Berliner Bridge-Studio: die Models, die Make-Up-Artists, Schwarzkopf-Haar-Experte Armin Morbach (der spielt den Kellner und bietet Cappuccino an) und sein Team. Nur der Star fehlt: Mario Testino. Als der Fotograf (hellblaues Hemd, Gucci-Loafer) endlich am Set für das Schwarzkopf-Shooting auftaucht, humpelt er etwas...

Was ist denn mit Ihnen passiert?

Ich habe mir ein kleines bisschen den Rücken verrissen.

Aber warum sind Sie dann nicht im Bett geblieben?

Ich kann doch nicht fehlen! Als Fotograf bin ich wie der Gastgeber auf einer Dinnerparty. Ich muss das Eis brechen und dafür sorgen, dass alle Spaß haben. Heute fotografiere ich die "Schwarzkopf Looks 2015". Aufregend, weil ich Fotos mache, die mich an meine Porträts aus den 1980er-Jahren erinnern, mit denen ich bekannt wurde. Als wäre ich in einen Club gegangen, hätte die neun coolsten Girls mitgenommen und vor die Kamera gestellt.

Das haben Sie aber nicht wirklich gemacht, oder?

Früher schon. Da bin ich durch die Londoner Clubs gezogen und habe dort meine Castings gemacht. Ich kam frisch aus Peru, wo alle gleich aussahen, und traf auf die edgy Engländer, von denen sich keiner an irgendetwas anpassen wollte. Jeder wollte er selbst sein. Ich beschloss, dass das mein Stil sein sollte: Individualität. Also gab es nur eine Möglichkeit: in die Clubs gehen, die Leute finden und sie ins Studio schleppen.

Sind manche von ihnen berühmt geworden?

Nein, die hat es gar nicht interessiert, Model zu werden. Sie kamen für ein Porträt – und das war’s. Erst später, in den Neunzigern, habe ich Mädchen entdeckt. Das beste Beispiel ist Gisele Bündchen. Ich habe sie in New York durch einen Agenten kennengelernt. Und ich wurde besessen von ihr, weil ich merkte: Dieses Mädchen hat mehr Leben als alle anderen. Mit der will ich sein.

Wirklich? Ist das schon der ganze Trick?

Das Geheimnis einer langen Modelkarriere ist Persönlichkeit. Warum sind Gisele Bündchen oder Kate Moss wohl, wo sie sind? Weil die Leute mit ihnen Zeit verbringen wollen. Unabhängig von ihrer Schönheit. Schönheit findet man überall. Es gibt so viele gut aussehende Mädchen. Wenn man sich mit denen langweilt, will man sie nicht noch einmal buchen.

Sind deswegen gerade alle so verrückt nach Cara Delevingne?

Als ich Cara das erste Mal fotografierte, war sie ein kleines Mädchen. Heute ist sie überall. Für mich ist sie die neue Kate. Die zwei sind sich sehr ähnlich. Klein, lustig, sprudelnd. Nonstop Energie. Ich habe die beiden zusammen für das neue Burberry-Parfum fotografiert. Sie sind Wahnsinn – double trouble. Ich dachte irgendwann wirklich: Haltet doch mal die Klappe! (lacht)

Ist Quatsch machen vor der Kamera jetzt cool?

Sie meinen die Generation funny face? Miley Cyrus zieht ja auch immer solche Grimassen wie Cara. Aber ist es nicht das, was Helden oder Ikonen ausmacht? Dass es ihnen egal ist, was anderen eben nicht egal ist? Dass sie sich trauen, was sich sonst keiner traut? Es ist so schön, sich keine Gedanken zu machen, oder? Und es ist schwierig. Gehen Sie mal auf eine Party und sagen Sie sich, ja, ich sehe großartig aus – obwohl da ein Pickel ist und die Haare schrecklich sind.

Wie finden Sie sich denn selbst auf Fotos? Machen Sie Selfies?

Selfies? Oh mein Gott. Haben Sie schon einmal am Telefon gefacetimet? Man sieht so hässlich aus. Der Moment, in dem ich die Kamera auf mich selbst richte, ist... Aaah! Weg mit dir, schau jemand anderen an. Ich denke fast, ich sollte nicht einmal Spiegel um mich herum haben.

Wie sieht man denn gut aus auf Fotos?

Wissen Sie, ich werde dieses Jahr 60. Und je älter ich werde, desto mehr merke ich, ein Lächeln sieht immer besser aus. Wenn man jung ist, kann man Grimassen ziehen aus Angst, man könnte nicht gut aussehen. Da ist es besser, lustig auszusehen statt schlecht. Aber ein Lächeln radiert tatsächlich ein paar Jahre weg.

Haben Sie in all den Jahren schon das perfekte Bild gemacht?

Nein, nie. Perfektion ist langweilig. In der Modefotografie ist das so: Man perfektioniert einen bestimmten Style, und dann muss man ihn zerstören, damit es so aussieht, als wäre man da gerade zufällig vorbeispaziert und – oh wie hübsch! Niemand möchte den Aufwand spüren, der da wirklich drinsteckt. Man will nur den Moment sehen.

Haben Sie ein Beispiel?

So wie bei dem Bild, das ich von Prince William und der heutigen Duchess Catherine gemacht habe. Es entstand am Ende eines langen Fototages, alle waren schon am Gehen. Da standen sie in einer Ecke und haben sich umarmt. Und ich habe abgedrückt. Es war ungeplant, ohne Aufwand, ohne ein bestimmtes Outfit oder eine bestimmte Frisur. Aber dieses Bild berührt Millionen von Menschen.

 

Bilder: Getty Images, picture alliance; Text: Stephanie Neumann

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