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Mutig oder leichtsinnig? Wäis Kiani spricht im Interview über ihr Buch

Von GRAZIA am Montag, 24. September 2012 um 17:43 Uhr

Egal, ob es um Mode oder Politik geht: Wäis Kiani ist eine Meisterin der Provokation. Die Autorin und Fashion-Kolumnistin hat persiche Wurzeln und geht in ihrem neuen Roman nicht gerade zimperlich mit dem Iran um. GRAZIA sprach mit ihr über ihr Buch "Hinter dem Mond"…

Wenn ich das Buch geschrieben hätte, würde man mich als ausländerfeindlich bezeichnen. Sie lassen kaum ein gutes Haar am Iran, den Iranern und dem Islam. Ist das nicht übertrieben? "Warum übertrieben? Das ist die Geschichte des Mädchens Lilly, und sie beschreibt aus ihrer Perspektive die Dinge, die sie im Iran erlebt. Natürlich ist das neu und wirkt vielleicht schockierend, weil man so etwas noch nie so gelesen hat. Aber Lilly ist ein Kind, und Kinder sagen die Wahrheit. Das ist nicht übertrieben, sondern ehrlich."

Wollen Sie mit dem Buch auch provozieren? "Ich möchte die Welt mit der ungeschönten Wahrheit konfrontieren, und das wird leider oft als provozierend empfunden. Meine Absicht ist, mit dem Irrglauben aufzuräumen, dass ein unterdrücktes Volk immer ein unschuldiges und freiheitsliebendes Volk sein muss. Die islamische Regierung wird oft losgelöst von der iranischen Bevölkerung gesehen, so als hätten Volk und Regierung nichts miteinander zu tun. Das Volk sieht sich als Opfer. Dabei wird oft übersehen, dass die Regierung 30 Jahre lang in allen Bereichen vom Volk unterstützt wurde, sonst hätte sie gar nicht diese große Macht erlangt."

Lillys Geschichte Klingt fast, als wollten Sie aufzeigen, dass Integration eine Utopie ist? "Ja, es gibt Kulturen, die so unterschiedlich sind, da kann man nichts integrieren. Die meisten in Deutschland lebenden Ausländer wollen auch gar nicht integriert sein, sonst wären sie es. Zur Integration gehört eine unvoreingenommene Adaption der hiesigen Sitten und das Erlernen der deutschen Sprache. Das deutsche Leben ist jedoch für die meisten Orientalen wegen der Mentalitätsunterschiede nicht lebbar."

Kann man so verallgemeinernd über Iraner und Deutsche sprechen? "Ja, das ist besser, als alles zu relativieren, wie es gerade Mode ist. Nur mit Pauschalisierungen kann man Denkanstöße geben."

Hatten Sie die ganze Zeit Heimweh nach Deutschland? "Ich lebte im Geiste ein zweites, schöneres Leben in Deutschland, ruhig und geordnet. Die laute Opulenz des Lebenstils meiner Eltern nahm mir meine innere Ruhe, machte mich nervös und aggressiv. Man konnte sich im Iran auf die Erwachsenen nicht verlassen, niemand hielt Wort, und ich wusste morgens nie, was abends passieren würde. Ich wünschte mir kleinere, ruhige und überschaubarere Verhältnisse."

So gesehen war die islamische Revolution wohl eine Befreiung für Sie? "Der Einmarsch der Mullahs war, im Nachhinein betrachtet, der befreiendste Moment meines Lebens."

Sie wollten mit ihrer Geschichte auch zeigen, dass die Schah-Zeit vor der islamischen Revolution nicht so vergleichsweise traumhaft war, wie viele heute glauben, oder? "Ja, die Welt soll wissen, wie undemokratisch die Zustände im Iran schon während der angeblich so glorreichen Zeit vor der Revolution waren. Und dass die Bereitschaft zur bedingungslosen Anpassung und Obrigkeitshörigkeit schon vorher existierte."

Warum waren Sie so genervt vom Iran? "Die gesellschaftlichen Konventionen und Moralvorstellungen waren auch zu Schah-Zeiten ein sehr enges Korsett. Es war vollkommen unmöglich, aus diesen Zwängen auszubrechen. Frauen hatten auch damals keine andere Möglichkeit, als zu heiraten, um von der Gesellschaft überhaupt wahrgenommen zu werden."

Haben Sie Angst, dass Sie für ihre Aussagen angegriffen werden? "Wenn ich ein Buch über einen Kulturkreis schreibe und die Menschen zum Nachdenken bringen will, dann muss die Wahrheit drinstehen. Sonst wird sich nie etwas ändern. Es kann gut sein, dass ich bedroht werde. Es kann aber auch sein, dass man mich ignoriert, weil es ja ein Mädchen ist, das das alles erzählt."

Interview: Christine Dohler