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"Bei Dates stelle ich mich lieber doof"

Von GRAZIA am Mittwoch, 27. Dezember 2017 um 16:27 Uhr

Wie bitte? Isabelle (35) ist Ingenieurin, hat einen Spitzenjob und eine toughe Ausstrahlung – doch immer, wenn sie sich mit Männern trifft, verschweigt sie das alles lieber erst mal.

"Warum findet eine Frau wie du eigentlich keinen Mann?", fragt die Eine. Sagt die Andere: "Ich bin überqualifiziert!" Den Gag hat mir letztens eine Freundin geschickt. Mittelwitzig, aber womöglich wahr: Man muss keine Atomphysikerin mit Modelmaßen sein, um Männer einzuschüchtern, stelle ich in letzter Zeit fest. Ich will mich verlieben – aber ich fürchte allmählich, ein Doktortitel in Physik wäre einfacher zu bekommen als ein Mann.

Ich erinnere mich noch genau, wie mitleidig ich vor zehn Jahren auf alleinstehende, beruflich erfolgreiche Ü-30-Frauen blickte, die Singlekreuzfahrten zu den Lofoten unternahmen, um endlich Sonne ins Herz zu kriegen. So was tut man doch nur aus Verzweiflung! Kann mir nicht passieren, glaubte ich. Von wegen. Mittlerweile bin ich 35, seit drei Jahren solo – und nach gefühlten 341 Tinder-Dates kurz davor, einen Cluburlaub auf Fuerteventura zu buchen. So weit, dass ich Männer anlüge, bin ich bereits. Und zwar aus purer (ja, da ist es, das böse Wort) Verzweiflung.

Dabei brauche ich keinen Kerl mit Geld, das verdiene ich selber. Ich brauche kein Adonis-Double – innere Werte zählen, das ist keine Floskel. Ich will noch nicht einmal einen Mann, der mich auf Händen trägt und um zehn Zentimeter überragt. Was ich suche, ist ein Partner auf Augenhöhe. Aber mit der Augenhöhe ist das so eine Sache. Männer schummeln sich im Voraus gerne ein paar Zentimeter größer. Doch wenn man sich dann wirklich gegenübersteht, fühlen sie sich schnell kleiner, als sie sind – das ist mein Eindruck. Ich habe Biotechnik studiert, arbeite aber seit ein paar Jahren als Global Marketing Manager bei einem Autokonzern. Dass ich ausgebildete Ingenieurin bin, erzähle ich keinem Kerl mehr beim Date – es scheint furchteinflössend zu klingen. Biotechnik! Und ein Autokonzern! Damit dringe ich in männlich besetzte Regionen ein. Kommt nicht gut. Mittlerweile sage ich, dass ich Marketing-Assistentin bin. Und erzähle nichts weiter, obwohl ich meinen Job sehr liebe. Bitter, oder? Stefan war der Letzte, bei dem ich in die Bredouille kam. Mit ihm schien alles so easy: Wir lernten uns in einer Bar kennen. Stefan, der charmante Handwerker, ein großer, humorvoller Kerl. Wir lachten, tranken Bier, hatten zwei Dates und dann richtig guten Sex. Stefan blieb die ganze Nacht. Ist ja auch nicht selbstverständlich. Als ich fragte, ob wir uns wiedersehen, sagte er: "So ganz unverbindlich, klar. Aber mal ehrlich: Du würdest einen Typen wie mich doch eh nie deinen Eltern vorstellen. Ich bin doch gar nicht dein Niveau." Ich hielt das für einen Witz. Mein Vater ist Lehrer, meine Mutter Hausfrau. Beide wären froh, wenn ich überhaupt mal wieder einen Mann zum Kaffee mitbringen würde.

Von Stefan hörte ich nie wieder. Muttis Butterkuchen verdrückte ich weiter tapfer allein. Seit der Sache mit Lukas meide ich mit Männern auch meinen Lieblingsportugiesen. Denn die überschwängliche Begrüßung von Filipe, dem Chef, und von Almeiro, dem Kellner, scheint auf die sensible Spezies "potenzieller Verehrer" rätselhafterweise auch verstörende Wirkung zu haben. "Wow, du kennst ja echt viele Leute. Bist wohl ständig hier", murmelte Lukas, als er nach dem Essen die Rechnung durchdividierte. Das klang irgendwie wie ein Vorwurf. Den ich ignorierte. Ich war schon genug damit beschäftigt, darüber hinwegzusehen, dass er sogar die 32 Euro für den Vinho Verde durch zwei teilte.

Mathelehrer halt, redete ich mir ein. Und lächelte. Bis er mir mitteilte, dass ich ihm "zu viel" sei. "Du bist eine total tolle Powerfrau", fing er an. Schon das klang vorwurfsvoll. Überhaupt: Das P-Wort! Fast so schlimm wie getrennte Rechnungen. Ich wollte gar nicht mehr weiterhören. "Dein Job nimmt ja sicher auch viel Zeit in Anspruch. Karriere ist dir wichtig, schon okay. Aber dann abends auch noch ständig auf Achse! Sorry, da komme ich nicht mit." Ich kam dann auch nicht mehr mit. Und ging nach Hause.

Stefan und Lukas sind nur zwei von vielen Beispielen. Aber ich weigere mich, zu glauben, dass Typen nur glücklich sind, wenn sie sich überlegen fühlen. Trotz dieser Studie, die ich neulich las. "Männer bevorzugen dumme Frauen", so das niederschmetternde Ergebnis. Die Uni Warschau bat 400 Singles zum Speeddating. Danach sollten sie Attraktivität und Intelligenz ihres Gegenübers bewerten und entscheiden, ob sie ein zweites Treffen wollten. Fazit: Je schlauer eine Frau auf einen Mann wirkte, desto geringer war sein Interesse. Auch wenn er sie als hübsch bewertet hatte, war zu viel Grips abschreckend. Natürlich würden die meisten das bestreiten: Mehr als 80 Prozent behaupten, dass sie eine Partnerin auf Augenhöhe suchen.

Vergangene Woche traf ich mich mit Marvin. Tinder, ich kann es halt (noch) nicht lassen. Wir waren in seiner Lieblingsbar, er kannte dort fast jeden. Und, klar, ich habe ihn über seine Arbeit als Anwalt ausgefragt – weil ich das spannend fand. "Viel spannender als meinen langweiligen Bürojob", habe ich gesagt und gelächelt. "Ich bin ja nur Marketing-Assistentin!" Wir hatten einen tollen Abend – und demnächst ein zweites Date. Trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich das Gefühl nicht loswerde, mit mir selbst gerade nicht mehr auf Augenhöhe zu sein.

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