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"Dass mein Mann fast starb, war letztlich ein Glücksfall"

Von GRAZIA am Freitag, 17. November 2017 um 17:21 Uhr

Emilia wusste zwar, dass Robert sich im Job viel zu viel zumutete – wie sehr er dabei seine Gesundheit riskierte, merkte die 33-Jährige jedoch erst, als es für den Workaholic um Leben und Tod ging. Hier erzählt sie von ihrem Drama.

Mein Mann und ich sitzen zusammen auf unserer Terrasse. Unser dreijähriger Sohn spielt gedankenverloren mit "Superhelden-Lego", und wir lächeln uns über unsere Feierabendbiere hinweg an. Plötzlich wird Robert ganz still. "Wie war ich eigentlich früher?", fragt er plötzlich.

Früher. Ich weiß ganz genau, was er meint. Er meint die Zeit, bevor er sich selbst wegen eines Burn-outs in Therapie begab, bevor er Psychopharmaka bekam, bevor er bei einem Unfall in der Psychiatrie beinahe gestorben wäre. Früher, als er glaubte, er hätte überhaupt kein Problem. Na ja, außer diesen chronischen Rückenschmerzen und den Migräneattacken vielleicht. Früher gehörten Schmerzen selbstverständlich zum Alltag.

Wenn Menschen nicht an ihre Grenzen gehen, kann auch nichts Gutes entstehen – davon war er überzeugt. Das galt besonders für seine Arbeit in einer Leitungsposition in einem großen Verlag. Dort war er der Erste, der kam, und der Letzte, der ging. Dass er auf diese Weise beinahe die ersten Monate seines Säuglings verpasste, war ihm vielleicht gar nicht bewusst. Aber klar, nach fünf Tassen Kaffee und einer Flasche Cola (das war sein Standard-Doping) kann man nicht mehr so easy auf das träge Tempo eines Babys herunterfahren. Statt mit mir Abendbrot zu essen, berichtete er mit nervös wippenden Beinen von seinem Tag, fluchte über all das, was nicht geklappt hatte, oder jubelte, weil etwas überraschend gut gelaufen war. Jeder Erfolg war ein Grund, ein neues Projekt zu starten, jeder Misserfolg eine Erinnerung, dass er sich noch mehr anstrengen musste. Klar, dass Robert oft einfach nur noch überfordert war.

Manchmal brach er zu Hause weinend zusammen und sagte, er schaffe das alles nicht. "Dann mach halt weniger", war mein ewiger, leider wenig hilfreicher Rat. Dass seine körperlichen Beschwerden immer schlimmer wurden, ignorierte er. Rückenschmerzen? Dann gab es eben eine Spritze vom Orthopäden und ein paar Sitzungen Physiotherapie. Migräneattacken? Ach, wenn er rechtzeitig einen halben Blister Paracetamol nahm, waren die schnell vergessen. Vielleicht hätte ich ihn vehementer auffordern sollen, auf seinen Körper zu hören. Stattdessen konzentrierte ich mich auf mein Baby – anstrengend genug.

Nachdem ich in den Job zurückgekehrt war, verbesserte sich die Situation ein bisschen. Er musste sein Kind von der Kita abholen, er musste sich mit ihm auseinandersetzen, und es klappte. Ich dachte: Wir kriegen das hin. Jede Spielplatzmama, jeder Paarexperte erzählt einem, dass das erste Jahr mit Baby das schwerste ist. Es konnte also nur besser werden.

Ich war keine sechs Monate wieder im Beruf, als ich aus einer Konferenz kam und zehn Anrufe auf meinem Handy sah. Robert hatte verzweifelt versucht, mich zu erreichen. Am Ende hatte er eine Freundin gebeten, unseren Sohn abzuholen. Er hatte eine Panikattacke gehabt und lag schluchzend im Bett, als ich kam. Ich überzeugte ihn davon, sich krankschreiben zu lassen. Erst eine Woche. Dann noch eine. Sein Arzt diagnostizierte Burn-out. Er bekam Beruhigungstabletten und ließ sich auf die Warteliste einer Therapeutin setzen.

Die Tage zu Hause verbrachte er mit Chips, Süßigkeiten und TV-Serien auf dem Bett. Und er weinte wie ein kleines Kind. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Und eigentlich wollte ich das auch nicht. Wenn aus dem selbstbewussten, schlagfertigen Typen, in den man sich verliebt hat, so ein Bündel Elend wird, steckt man das nicht so leicht weg. Nach drei Wochen verkündete er mir, er wolle nicht auf den Therapieplatz warten, sondern sofort in die Psychiatrie eingewiesen werden.

Wir packten zusammen. Ich gab mir die größte Mühe, stark und verständnisvoll zu sein, dabei wollte ich eigentlich selber nur heulen. Ich blieb bei unserem Sohn, als ein Freund Robert in die Klinik fuhr. Das Kind verstand noch gar nichts, aber unsere Verwirrung hatte sich längst auf den Kleinen übertragen. Ich konzentrierte mich ganz auf ihn. Sicherheit geben, Alltag machen, das war einfacher, als mir einzugestehen, wie wenig ich über das Befinden meines Mannes wusste. Nichts eigentlich. Ich hatte keine Ahnung, wie schlecht es ihm ging. Wie schlecht es ihm eigentlich schon seit Jahren ging.

Wir telefonierten dann sehr viel miteinander. Ich besuchte ihn in seinem kleinen Doppelzimmer in der Psychiatrie. Wir spazierten durch den Park und aßen "Flutschfinger"-Eis im Klinikcafé. Aber so richtig nahe kam ich ihm nicht.

"Ich glaube, ich kann in zwei Wochen nach Hause gehen", sagte er nach ein paar Tagen. Er bekam weiterhin starke Beruhigungstabletten und ein Antidepressivum.

"Aber es geht wirklich schon viel besser. Ich verspreche dir, dass ich schnell gesund werde." Er wollte um jeden Preis zurück in den Job. Er telefonierte alle paar Tage mit seinem Chef. Und er begann exzessiv Sport zu treiben: Joggen, Sit-ups, Badminton. "Wie willst du das Pensum beibehalten, wenn du wieder zurück bist?", fragte ich ihn. Er zuckte mit den Schultern. Es täte ihm eben gut, drei Stunden zu laufen.

Ein paar Tage später erhielt ich den Anruf eines Krankenhauses in der Nähe der Psychiatrie. Mein Mann sei mit Kopfverletzungen und Schädelbrüchen eingeliefert worden und schwebe in Lebensgefahr. Offenbar hätte er mit seinem Medikamentencocktail überhaupt keinen Sport treiben dürfen.

Als ich zu ihm auf die Intensivstation durfte, lag er im künstlichen Koma. Ich nahm seine Hand und sprach mit ihm, wie ich es aus Krankenhausserien kannte. Auch in den nächsten Tagen schlief er. Ich saß an seinem Bett und stellte mir vor, wie wir unsere Wohnung im vierten Stock aufgeben müssten, weil er in Zukunft im Rollstuhl sitzen musste. Ich stellte mir vor, wie ich ihn füttern und auf die Toilette setzen müsste.

Als er aufwachte, erinnerte er sich an nichts. "Was ist los mit mir? Wieso sind hier so viele Schläuche?" Das fragte er immer wieder, wenn er aufwachte. Ich dachte schon, er hätte sein Gedächtnis verloren. Aber mit der Zeit wurde er wieder aufnahmefähiger. Einige Wochen blieb er noch im Krankenhaus. Eine Physiotherapeutin musste ihm helfen, wieder gerade zu stehen, zu laufen. Darauf folgten vier Wochen Reha. Sein Gleichgewichtssinn war getrübt, ihm war permanent übel, seine Sehfähigkeit war gemindert. Er brauchte sechzehn Stunden Schlaf. Er hasste seinen Zustand. Aber es blieb ihm nichts anderes übrig, als zu warten. Ein vollkommen neues Gefühl für jemanden, dessen Lieblingsbegriff bis dahin "wegarbeiten" gewesen war.

Trotzdem war der Unfall das Beste, was Robert, was uns passieren konnte. Denn während der anderthalb Jahre, die er krankgeschrieben war, änderte er sein gesamtes Leben. Er machte eine Therapie, lernte seinen eigenen Ehrgeiz zu hinterfragen und den Moment zu genießen. Ich habe einen anderen Mann. Einen, der weicher und verletzlicher ist. Einen, der nur noch drei Tage arbeitet und weniger Geld verdient. Aber eben auch einen, mit dem man auf der Terrasse Bier trinken kann, ohne dass er nervös auf sein Handy schielt und überlegt, was im Job wohl als Nächstes ansteht.