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Einer anderen den Mann abzujagen ist ein heißes Gefühl

Von GRAZIA am Freitag, 27. Oktober 2017 um 16:52 Uhr

Von einem Kerl, der liiert ist, lässt man gefälligst die Finger? So dachte Daniela auch lange. "Zu lange!", sagt sie heute - und nimmt sich, wen sie will. Schlechtes Gewissen? Hat die 38-Jährige nicht, aber Spaß…

Ich weiß, dass sie mich hassen werden. All die Frauen, die abends kuschelig und warm mit ihrem Schatz auf dem Sofa sitzen und einen Plan fürs Wochenende oder den nächsten gemeinsamen Sommerurlaub schmieden. Sie werden mich verachten, weil ich die Person bin, vor der sie sich insgeheim am meisten fürchten: die miese Schlampe, die vielleicht irgendwann in den sicheren Hafen der Zweisamkeit eindringen und mit Schatzi davonsegeln könnte ...

Ja, bei meiner Suche nach einem Mann ist es mir gleichgültig, ob er bereits liiert ist oder nicht. Nein, ich habe nicht immer so gedacht. Natürlich nicht. Auch ich kenne das neunte Gebot: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht und so weiter. Bis vor einiger Zeit habe ich ebenfalls gerne im Chor der moralisch Empörten mitgesungen, wenn im Bekanntenkreis mal wieder eine Beziehung in die Binsen ging, weil er urplötzlich eine Neue am Start hatte.

"Wie kann man sich so dreist an einen Typen ranwanzen, der eine Freundin hat", echauffierte sich erst neulich auf einer Party eine Kollegin von mir über eine Blondine, die ungehemmt mit einem Typen flirtete, während seine bessere Hälfte nur ein paar Meter weiter an der Bar saß. Gemein nur, dass diese Blondine auch ich hätte sein können.

Mein Sinneswandel kam nicht urplötzlich, er ist langsam angewachsen. Wahrscheinlich exponentiell zu den Jahren meines Singledaseins. Studium, Job – ich hatte lange gar keine Zeit, um regelmäßig auszugehen. Mittlerweile bin ich 38 und seit fast fünf Jahren ohne Partner. Ganz ehrlich, wenn ich irgendwann (mein Gynäkologe sagt: bald!) selbst noch Kinder und Familie haben möchte, kann ich mir einfach kein schlechtes Gewissen mehr leisten. Dabei ist es ja mitnichten so, dass ich auf gebundene Männer fokussiert bin. Es wäre mir eigentlich sogar lieber, wenn ich das Objekt meiner Begierde nicht erst mühsam aus seiner trauten Zweierkonstellation herauseisen müsste.

Aber das Problem ist so bekannt wie offensichtlich: Die allermeisten annehmbaren Typen zwischen 35 und 45 sind nun mal schon vergeben. Und wenn sie es angeblich nicht sind – Stichwort Tinder & Co. –, dann sind sie es in Wirklichkeit doch, wie man frühestens nach dem ersten Sex erfährt. Also habe ich mich irgendwann entschieden, ab jetzt keine Rücksicht mehr zu nehmen, wenn mir ein Mann gefällt. Auf wen auch, auf ihn vielleicht, weil ich ihm zu Hause Probleme bereiten könnte? Niemand ist seinen Hormonen so hilflos ausgeliefert, dass er nicht einfach Nein sagen könnte, bevor er nackt im Hotelbett liegt. Oder Rücksicht auf seine bessere Hälfte? Sicher nicht, schließlich ist jeder seines eigenen Glückes Schmied und ich schmiede jetzt meins. Ich bin ihr nichts schuldig. Und in eine wirklich glückliche Beziehung kann angeblich ohnehin niemand einbrechen.

Flirtanreiz Ehering

Singlefrauen bevorzugen gebundene Männer, zeigte eine US-Studie. Neben Charaktereigen- schaften und Hobbys war der Beziehungsstatus eines Mannes für die Teilnehmerinnen entscheidend: Wurde ihnen ein alleinstehender Mann präsentiert, zeigten sich 59 Prozent von ihnen interessiert. War der Mann gebunden, stieg der Anteil der Interessentinnen auf 90 Prozent. Die Tatsache, dass ein Mann in einer Beziehung lebt, könnte ihm eine Art "Gütesiegel" verleihen, vermuten die Wissenschaftler.

Oder doch? Fakt ist, ich zwinge niemanden zu irgendwas. Meine letzte Affäre begann, als ich in einer Kneipe zufällig einen alten Schulfreund wiedertraf. Wir quatschten, er zeigte mir Fotos von Frau und Kindern – am Ende des Abends landeten wir in meiner Wohnung. Ich ging kurz ins Bad, und als ich zurückkam, zeigte er plötzlich Spuren von schlechtem Gewissen. Als ich ihm sagte, dass wir nichts machen müssten, fing er an, mich auszuziehen ... Unsere Geschichte dauerte leider nicht sehr lang, nur ein paar Monate. Mit Tobias, so heißt er, hätte ich mir tatsächlich etwas Solides vorstellen können. Ich glaube, dass er schon lange nicht mehr glücklich in seiner Beziehung war – ich hätte ihnen also eigentlich sogar einen Gefallen getan. Und als Vater wäre er wahrscheinlich ein echter Volltreffer gewesen, das sah man schon auf den Fotos.

Wildern bei anderen

Das gezielte Eindringen in fremde Beziehungsreviere ist weiter verbreitet, als man denkt – und es gibt sogar einen Fachbegriff dafür: "Poaching", abgeleitet vom englischen Wort für "Wilderei". In einer Befragung der Universität Kassel von 800 Personen berichteten 87 Prozent der Männer, schon mal von einer Frau ins Visier genommen worden zu sein, als sie in einer Beziehung steckten. 81,8 Prozent der Frauen gaben an, Ziel eines männlichen Beutezugs gewesen zu sein.

Bei einem unserer heimlichen Treffen habe ich ihn schließlich mit meinen Gefühlen konfrontiert und ihn vor die Wahl gestellt: sie oder ich. Danach habe ich nie wieder etwas von ihm gehört.

Klar, am Anfang war ich traurig. Wieder ein zerplatzter Traum. Und ich gebe zu: Einer Rivalin den Mann abzujagen ist auch irgendwie ziemlich heiß. Es ist eine intensive Zeit, die man zusammen verbringt – und man fühlt sich als Frau nun mal begehrt, wenn im Hinterkopf das Wissen da ist, dass es eine zweite Frau gibt. Andererseits war ich dann aber auch irgendwie erleichtert: Ich hätte schließlich niemals wirklich Vertrauen zu Tobias aufbauen können. Menschen, die einmal betrügen, betrügen auch ein zweites Mal. An diesen Spruch glaube ich. Und die Wissenschaft übrigens auch: Fremdgänger haben ein um das Vierfache erhöhtes Risiko, in der nächsten Beziehung wieder untreu zu werden, habe ich gelesen.

Meinen Freunden habe ich erzählt, dass ich von Tobias Familie bis zum Schluss nichts gewusst habe. Die Wahrheit – dass es mir egal war – hätten sie wohl nicht verstanden, schließlich sind sie fast alle selbst verheiratet und haben Kinder. Und natürlich möchte ich auch vermeiden, dass meine Freundinnen mir plötzlich mit Misstrauen begegnen.

Wer könnte schon garantieren, dass nicht ich irgendwann mit ihrem Schatzi abends auf dem Sofa sitze und den Sommerurlaub und das nächste Wochenende plane? Ich kann es jedenfalls nicht.

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