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Er könnte mein Sohn sein… Na und?

Von Lorena am Sonntag, 5. November 2017 um 11:03 Uhr

Ältere Frau, jüngerer Mann: Das sollte doch kein Tabu mehr sein. Johanna ist 38, Nils 21, als sie sich verlieben. Und zwar so heftig, dass ihnen der Altersunterschied bald völlig egal ist, doch andere stört es gewaltig.

"Der ist attraktiv, aber viel zu jung für mich", war mein erster Gedanke, als mir Nils auf einer Party vorgestellt wurde. Dabei wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht mal, wie alt er wirklich ist. Ich schätzte ihn auf 26, 27 Jahre.

Wir feierten den 38. Geburtstag einer Freundin. Sie war so alt wie ich und hatte ein paar Kollegen eingeladen. Da sie den Studenten mochte, der bei ihr in der Firma arbeitete, hatte sie ihm gesagt, er könne auch kommen. Es dauerte nicht lange, bis ich merkte, dass Nils mich immer wieder anschaute. Irgendwann stand er neben mir, und wir kamen ins Gespräch. Ich war seit drei Monaten Single, meine letzte Beziehung war unter anderem daran gescheitert, dass er im Gegensatz zu mir keine Familie wollte.

Und das Letzte, was ich gebrauchen konnte, war ein junger Typ. Trotzdem gefiel mir Nils. Sehr sogar. Er war extrem charmant und klug, er wusste genau, was er wollte, an diesem Abend war das offensichtlich ich. Er flirtete ungeniert mit mir, es schien ihm völlig egal zu sein, dass ich älter war. Als es spät wurde und ich mich verabschiedete, schloss er sich an. "Darf ich dich nach Hause bringen?" fragte er. "Ich nehme mir ein Taxi. Danke für das Angebot", sagte ich schroff. Er war genau mein Typ mit seinen dunklen Haaren und den großen braunen Augen. Wenn ich zehn Jahre jünger gewesen wäre ... Aber das war ich nun mal nicht.

Drei Tage später fragte mich dann die Freundin, die die Party gegeben hatte, ob sie Nils meine Nummer geben dürfe. Er habe sie darum gebeten. "Der ist doch viel zu jung für mich", sagte ich nur. "Jetzt sei nicht so spießig. Du musst ihn ja nicht gleich heiraten", antwortete sie lachend.

Als er mich am nächsten Tag anrief, um zu fragen, ob ich Lust hätte, ihn wiederzusehen, dachte ich an die Worte meiner Freundin und sagte zu. Bei diesem Date landeten wir gleich miteinander im Bett. Danach war ich verknallt, und ihm schien es ähnlich zu gehen.

Von da an trafen wir uns regelmäßig, wir sprachen über unsere Familien, unsere Zukunftspläne, unsere Gefühle. Aber es dauerte bis zum dritten Treffen, bis wir über unser Alter sprachen. Tatsächlich waren wir beide kurz sprachlos, als wir erfuhren, wie alt wir wirklich waren. Er hatte gedacht, ich wäre höchstens 33, ich hatte gehofft, er wäre zumindest Mitte zwanzig. Natürlich hatte ich mit Absicht nicht gefragt. Ehrlich gesagt, war ich schon etwas schockiert. 21 Jahre! Nils könnte mein Sohn sein.

Dann sprach ich mit meiner besten Freundin Laura darüber, dass ich das Ganze leider beenden müsse, weil Nils zwar toll, aber viel zu jung sei. "Jetzt lernst du endlich mal jemanden kennen, der dich glücklich macht, und da stört dich so eine Kleinigkeit wie das Alter", sagte sie. Als ich Nils zum Krisengespräch traf, reagierte er ähnlich verständnislos. "Mir ist egal, wie alt du bist. Ich habe mich in dich verliebt", sagte er nur. "Ich bin 38, ich möchte Kinder. Das willst du doch gar nicht", protestierte ich. "Was ich will, kann ich schon selbst entscheiden", entgegnete er nur. "Außerdem möchte ich Kinder. Lass es uns wenigstens miteinander versuchen!" Ich brauchte drei Tage Bedenkzeit, dann siegte mein Bauchgefühl gegen den Verstand. Ich beschloss, dass es einen Versuch wert sei.

Es war merkwürdig, als wir zum ersten Mal Freunde von Nils trafen. Glücklicherweise hatte einer seiner Freunde, er war "schon" 25, eine etwas ältere Freundin. Alice war 29 und sehr nett. Bei unserem ersten Treffen versuchte sie schnell, mir die Anspannung zu nehmen. "Du siehst aus wie 30, höchstens", schmeichelte sie mir. Ich hatte vor allem ein ungutes Gefühl dabei, Nils’ Eltern zu treffen. Sie würden unsere Beziehung sicher nicht gut finden. Genau wie meine. Denen hatte ich bisher nur etwas von einem "jüngeren Freund" erzählt. Details hatte ich bewusst gemieden, weil ich überhaupt keine Lust auf Diskussionen hatte. Nils war ganz anders, offener. Er erzählte jedem stolz von seiner Freundin. Mein Alter schien für ihn keine Rolle zu spielen. "Es ist doch nur eine Zahl", tönte er.

Nach etwa einem halben Jahr konnte ich einem Treffen mit Nils’ Eltern nicht mehr aus dem Weg gehen. Er bestand darauf. Seine Mutter war, wie ich mir schon gedacht hatte, betont kühl. Man musste nicht sehr sensibel sein, um zu merken, dass sie hoffte, die Sache mit mir wäre schnell wieder vorbei. Ich konnte es ihr nicht mal verübeln: Sie war nur zehn Jahre älter als ich. Sein Vater hielt das Ganze offensichtlich für eine Laune seines Sohnes, nahm es überhaupt nicht ernst. Nils war davon ausgegangen, dass seine Mutter mich akzeptieren würde, sobald sie mich persönlich kannte. Das war nicht so. Sie sagte ihm direkt nach dem Treffen, dass ich zu alt sei, das Ganze keine Zukunft habe. Nils interessierte das alles gar nicht. Überhaupt blieb er meistens cool. Nur einmal, als ein Studienkollege in meinem Beisein einen Witz über "Nils’ Alte" machte und mich meinte, wurde er laut.

Kurz darauf fragte er mich, ob wir zusammenziehen wollten. Ich wollte, denn ich hatte mich ernsthaft verliebt. Der Altersunterschied war mir mittlerweile egal. Nils war der richtige Mann für mich. Er liebte mich so, wie ich war, und ich ihn. Als ich meinen Eltern von unseren Plänen erzählte, war vor allem meine Mutter entsetzt. Sie sagte: "Du wolltest doch immer Kinder. Bist du bereit, für einen Mann darauf zu verzichten?" Ihre Worte trafen mich. Es machte mich wütend, dass alle nur Probleme sahen. Als ich am Abend mit Nils darüber sprach, reagierte er ruhig. "Ich wäre gerne erst mit dem Studium fertig", sagte er nur.

Tatsachlich beendete Nils sein Studium in Rekordzeit und fand einen tollen Job. Kurz darauf machte er mir einen Antrag, wir heirateten vier Wochen später. Allein. Unseren Familien sagten wir erst danach Bescheid. Das Verhältnis vor allem zu Nils’ Mutter war zu diesem Zeitpunkt immer noch frostig. Für sie war ich nur die "ältere Frau". Wenn wir uns mal sahen, sprach sie kaum mit mir.

Kurz nach unserer Hochzeit wurde ich schwanger. Die Geburt unserer Tochter veränderte alles. Von nun waren wir nämlich eine richtige Familie. Meine Mutter brauchte sich nun keine Sorgen mehr zu machen, dass ich kinderlos bleiben müsste, und Nils’ Mutter war so verliebt in ihre Enkelin, dass sie zumindest etwas freundlicher zu mir wurde.

Heute bin ich 48, und Nils ist 31. Ich denke nur noch selten über den Altersunterschied nach. Wenn uns jemand komisch auf der Straße anguckt, denke ich höchsten: "Ja, er könnte mein Sohn sein. Na und?"