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Ich habe Angst, dass mein Freund bisexuell ist

Von GRAZIA am Freitag, 13. Oktober 2017 um 17:31 Uhr

Sandra (33) führt seit vier Jahren eine glückliche Beziehung – bis ihr Liebster auf einer Party vor ihren Augen mit ihrem besten Kumpel knutscht. Seither ist nichts mehr, wie es war.

Ein bisschen bi schadet nie. Aber wie bi ist zu bi, und wäre auch schwul noch cool? Flapsig ausgedrückt sind genau das die Fragen, mit denen ich mich gerade beschäftige. Und ich hoffe, mein Freund tut das auch. Denn es geht um die Frage, ob es eine gemeinsame Zukunft überhaupt noch geben wird. Der Gedanke, dass ich Chris verlieren könnte, macht mir Angst.

Die Befürchtung, dass Chris vielleicht nur bei mir bleibt, weil er nicht den Mut hat, seine wahren Gefühle auszuleben, zermürbt mich. Ich weiß nicht, was von beiden schlimmer wäre. Ich habe Angst davor, einen Teil meines Lebens zu verlieren, weil mein Freund gerade einen Teil seines Lebens entdeckt – und keiner von uns weiß, wie wir damit umgehen sollen. Aber das werden wir lernen müssen, wenn wir uns lieben.

Ich weiß, dass ich Chris Liebe, ich glaube, er liebt mich auch. Ich hoffe es zumindest. Chris und Roman sind die Menschen, die mir am nächsten stehen. Chris ist die Liebe meines Lebens, Roman ist mein schwuler bester Freund. Ich liebe ihn von Herzen. Auch wenn er der Auslöser dafür ist, dass ich an meiner Beziehung zweifle.

Roman und ich sind Chris gemeinsam begegnet: Als ich auf einer Party vor vier Jahren über die Katze des Gastgebers stolperte und diesem Mann mit der Chris-Isaak-Frisur bei der Gelegenheit schwungvoll ein Glas Chianti übers weiße Oberhemd kippte, war es Roman, der in die Küche stürmte, einen feuchten Lappen aus der Spüle zog, mit dem er ihm über die rotbesprenkelte Brust rubbelte – und damit alles schlimmer machte. Also, den Fleck. Verliebt haben wir uns trotzdem. Chris und ich.

Bei Roman und Chris hat’s ein bisschen länger gedauert. Ob Chris verknallt in ihn ist? Oder geht es nur um Sex? Ist Roman ehrlich zu mir? Ist überhaupt jemand ehrlich in dieser verdammten Dreierkonstellation, in der sich wahrscheinlich jeder von uns für den größten Verlierer hält? Die "Sache" – oder wie soll ich es nennen? Affäre? Liebschaft? Also, die "Geschichte" oder was auch immer das zwischen Roman und Chris nun ist, begann auch auf einer Party. Auf meiner Party. Wir feierten meinen Geburtstag, es gab Margaritas, und gegen zwei tanzten wir zu viert Lambada im Wohnzimmer. Die letzten Gäste sind die lustigsten, so ist es ja immer. Roman hüftkreiselte neben Chris, der eindeutig den besten Hüftschwung von uns allen hat, ich wackelte eng umschlungen mit meiner Freundin Janine.

Eng, enger, wir tranken und kicherten, weil wir ständig aus dem Rhythmus kamen, dann küsste sie mich. Ich küsste zurück. Spürte, wie es kribbelte. Ich lachte, weil ich verlegen war. Alles nur ein Scherz, sollte das Lachen sagen. Ich genoss es, auch, weil ich wusste, dass Chris uns sah. Ich kam mir wild und gefährlich vor: "Guck mal, was ich hier anstelle, Baby!" Dann sah ich aus dem Augenwinkel, wie Roman Chris tief in die Augen blickte und ihn küsste. Ihn küsste? Mein Freund küsst meinen besten Kumpel!

Während Janine an meiner Unterlippe knabberte, sah ich, wie Roman den Mann meines Herzens ableckte. Jawohl, ableckte! Das war eindeutig kein zärtliches Gebussel, die beiden schoben sich heftig die Zunge in den Rachen. Von wegen wild und gefährlich, das, was Chris da anstellte, war wilder. Und gefährlicher, das ahnte ich bereits, als ich hüftschwingend zu "meinen" beiden Männern wackelte. Die waren so vertieft ineinander, dass ich ihnen synchron in den Hintern zwicken musste, um sie zu trennen.

Ich war plötzlich gar nicht mehr in Partystimmung. Mein Freund küsst einen Mann? Hat er dabei dasselbe gespürt wie ich eben bei Janine? Chris packte mich und drückte mir einen verrutschten Kuss ins Gesicht. Ich roch das Aftershave von Roman. Das war gleichzeitig vertraut und erschreckend. Die Situation war bizarr. Zu viele Margaritas, zu viele Küsse, zu viel Durcheinander. Roman tanzte mit Janine. Für ihn war’s wohl nur ein Scherz gewesen. Ich war ein bisschen erleichtert, zog Chris Richtung Schlafzimmer. Schluss mit der Party. Die Hoffnung, meine Verwirrung mit Sex zu bekämpfen, wurde von plötzlichem Schnarchen zerstört. Es war alles nur ein Spaß, so beruhigte ich mich.

Beim Frühstück fragte ich Chris: "War Roman der erste Mann, den du geküsst hast?" Das Thema war ihm unangenehm. "Das war er. Es hat sich seltsam angefühlt", sagte er schließlich und blickte mir direkt in die Augen. Dann stand er auf. Thema erledigt. Ein bisschen bi schadet nie. Das gilt für Frauen. Mädchen dürfen knutschen. Aber heterosexuelle Männer? Nein, das ist schwul!

Bin ich nicht sexy genug für ihn? Sehnt er sich nach etwas, das ich ihm nicht geben kann?

Ist mein Freund schwul? Bin ich nicht sexy genug für ihn? Sehnt er sich nach etwas anderem? Kann ich ihm nicht geben, was er eigentlich will? Verdammt viele Fragen. Keine Antwort. Nur die von Roman: "Ich glaube, er fand’s geil. Er küsst gut!" Ach, Roman. Er ist zumindest ehrlich, auch wenn’s wehtut. Und das tat es, als mein Kumpel eine Woche nach der Party vor der Tür stand. "Ich will nicht, dass du denkst, ich würde dich hintergehen. Also schau." Er zeigte mir eine Nachricht. Absender Chris: "Hey, du hast mich verwirrt. Können wir reden? LG C." "Was soll ich machen? Was will er? Hat er dir was gesagt?", fragte Roman. Doch mich beschäftigte nur: Wo bin ich in dieser Geschichte? "Das hat überhaupt nichts mit dir zu tun", beschwor mich mein Freund später. "Mit dir finde ich es genauso geil wie immer."

Sandra, das verwirrt mich! Ich habe noch nie einen Mann geküsst – und ich hätte nie gedacht, dass ich es mag! Wie die Sache nun weitergeht? Roman will sich nicht wieder allein mit Chris treffen. Chris sich auch nicht mit Roman. Ich mich nicht mit beiden zusammen. Alle haben jetzt irgendwie Angst voreinander. Warum macht Liebe eigentlich so viel Angst?

 

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