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Ich habe gekündigt, weil mein Kollege besser bezahlt wird als ich!

Von Lorena am Mittwoch, 6. Dezember 2017 um 16:01 Uhr

Kim führte ein erfolgreiches, rein weibliches Unternehmen. Als sie einen Mann engagierte, wurde ihr klar, wie schamlos ihr Arbeitgeber sie und ihre Kolleginnen unterbezahlt hatte.

Es ist zwei Wochen her, dass ich den Job gekündigt habe, da ich herausfand, dass einer meiner Mitarbeiter genauso viel verdient hat wie ich. Ja, ich, seine Chefin; die Frau, die viermal so lange in der Firma war und doppelt so viel Branchenerfahrung hatte, bekam fast die gleiche Summe wie ein Typ, der erst ein paar Monate für das Unternehmen arbeitete. Als ich mich beschwerte, wurde ich ruhiggestellt und erniedrigt. Also kündigte ich. Auf diese Weise habe ich etwas gelernt, was ich sonst niemals herausgefunden hätte: Du kannst durchaus genau das Gehalt bekommen, das du verdienst. Du musst bloß einfach aufhören, Kompromisse zu machen.

Meinen Job aufzugeben war nicht leicht. Ich arbeite im Marketing. In der Branche ist der Berufseinstieg schwierig, und die meisten fangen erst mal bei Unternehmen an, die sie nicht unbedingt mögen. Deshalb war ich auch so begeistert, als ich vor vier Jahren bei dieser Firma landete. Es war ein cooler Arbeitgeber, der kreative Produkte anbot. Ich arbeite gerne hart und gehörte bald zu den erfolgreichsten Kollegen in meinem Bereich. Anfangs bekam ich nur ein Einstiegsgehalt, aber nach vier Jahren, zahllosen Überstunden und Tausenden Powerpoint-Präsentationen hatte ich mich endlich hochgearbeitet und konnte mein eigenes Team managen – ein rein weibliches Powerhouse, das die Konkurrenz immer wieder in die Enge trieb. Ich hatte bescheidene Gehaltserhöhungen bekommen, während ich langsam aufstieg, aber mir nie wirklich Gedanken darüber machte, ob ich fair bezahlt wurde. Ich nahm einfach an, dass die Firma sich um ihre Angestellten kümmert. Heute weiß ich, dass das äußerst naiv war.

Da mein Team so erfolgreich durchstartete, durfte ich mehr Talente an Bord holen. Eines Nachmittags nahm ich mir einen fleißigen jungen Mann aus einer anderen Abteilung zur Seite – nennen wir ihn Ryan – und fragte ihn, ob er sich einen Quereinstieg in mein Team vorstellen könnte. Er nahm das Angebot gerne an. Als ich seine Mitarbeiterakte öffnete und sein Gehalt sah, drehte sich mir der Magen um. Er verdiente so viel wie ich – und 25 Prozent mehr als die Mädels in meinem Team, obwohl er dieselbe Jobbezeichnung und dieselben Zuständigkeiten hatte. Ich dachte: Das muss ein Fehler sein! Es war ein riesiges Unternehmen mit großer Personalabteilung und einer Geschäftsführerin. Sie müsste es doch besser wissen, oder? Ein Unternehmen dieser Größe würde diesen unverhohlenen Sexismus doch nicht zulassen, oder? Ich entschied mich, das Thema am nächsten Tag anzusprechen.

In der Nacht begann ich zu recherchieren und fand heraus, dass jemand mit meiner Ausbildung, meiner Erfahrung und meinem Titel mindestens 28 Prozent mehr verdienen müsste, als ich aktuell bekam. Ich notierte die Eckpunkte einiger Statistiken, kritzelte ein paar Notizen auf bunte Karteikarten und bat um ein Treffen mit der zuständigen Abteilungsleiterin.

Ich saß ihr in einem kahlen, kalten Konferenzraum gegenüber, und ich fing an zu sprechen. Als ich fertig war, lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück und seufzte. "Was die Frauen in deinem Team betrifft, das solltest du erst mal vertagen", sagte sie. "Da wird sich nichts verändern. Für dich könnte ich vielleicht etwas tun ... Aber du müsstest eine Präsentation über deine Bedeutung für die Firma und deine nächsten Schritte erarbeiten. Damit es leichter ist, dich zu verkaufen, du verstehst schon." Eine Präsentation? War das ihr Ernst? Ich war empört. Hatte ich meine Bedeutung für die Firma nicht in den letzten vier Jahren bewiesen? Hatte ich sie nicht dadurch bewiesen, dass ich das erfolgreichste Team leitete? Ich hörte ihr überhaupt nicht mehr zu. Sie hatte mich herabgewürdigt und die Beschwerde im Bezug auf die Gehälter meiner Mitarbeiterinnen komplett abgewiesen. Bitte nicht falsch verstehen: Ich bin absolut dafür, dass Ryan so viel Geld abgreift, wie er kriegen kann; ich wünsche ihm nur das Beste. Ich wünsche all meinen Angestellten nur das Beste. Und ich glaube, jeder sollte die Möglichkeit haben, voranzukommen – aber Ryan musste nicht eigens eine Präsentation über seine Wichtigkeit vorlegen, um 25 Prozent mehr Gehalt zu bekommen als seine Kolleginnen; er musste einfach nur da sein. Und ich bin mir sicher: Wenn er wüsste, was da abgeht, wäre er beschämt. Aber letztendlich geht es hier nicht um Ryan, sondern um das, wofür er steht. Es geht darum, dass unsere Geschäftsleitung einen Mann grundsätzlich mehr wertschätzt als eine Frau, auch wenn deren Referenzen sehr viel besser sind. Ich hatte keineswegs erwartet, dass meine Chefin einen Zauberstab schwingt und dann alles plötzlich besser ist. Mir ist klar, dass es Budgets gibt und Bürokratie und Erwartungsmanagement, aber ich dachte, wir könnten uns zumindest mit diesen Dingen auseinandersetzen. Nach dem Prinzip: Frauensolidarität, um gleiche Bezahlung durchzusetzen. Aber das war offenbar nur ein schöner Traum.

Ich verließ den Konferenzraum mit Wut im Bauch. Ich hatte im Job schon schlechte Tage gehabt – arbeitsintensive Projekte, die in letzter Minute gecancelt wurden, heftige Meinungsverschiedenheiten mit anderen Teams. Aber das hier war anders. Ich wusste, dass ich darüber nicht hinwegkommen würde. Ich konnte nicht einfach so weiterarbeiten, als sei nichts passiert. Es war etwas passiert. Am Abend updatete ich meinen Lebenslauf im Netz, und bereits am nächsten Nachmittag kamen die ersten Angebote. Ich war freudig erregt, als ich sah, dass mein Posteingang überquoll vor lauter freundlichen Worten und vollmundigen Gehaltsversprechungen. Aber ich war auch ein bisschen traurig, weil die Offerten mich so überraschten. Hatte ich wirklich so lange gearbeitet, ohne meinen eigenen Wert zu kennen?

Ein paar Wochen nach dem Treffen mit meiner Chefin nahm ich das überaus attraktive Angebot eines Branchenriesen an. Ich war bestens auf die Verhandlungen vorbereitet (jetzt, da ich genau wusste, was ich verlangen konnte). Doch zu meiner Verblüffung überstieg das Angebot selbst meine höchsten Gehaltsvorstellungen. Und mir wurde endgültig klar, wie naiv ich gewesen war. Ich schwor mir, mich nie wieder über den Tisch ziehen zu lassen.

Ich teile meine Geschichte in verschiedenen Medien, weil ich möchte, dass andere Frauen daraus lernen. Wir müssen uns nicht mit weniger abspeisen lassen, als wir verdienen. Außerdem finde ich, dass Frauen untereinander mehr über Gehälter sprechen sollten. Denn die einzigen, die von geheimen Verhandlungen profitieren, sind die Arbeitgeber!

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