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"Ich habe meinen Vater auf LinkedIn gefunden"

Von GRAZIA am Freitag, 1. Dezember 2017 um 15:35 Uhr

Ihr Vater verließ ihre Mutter, als Autorin Julie Buntin drei war. 14 Jahre später entdeckte sie den großen Unbekannten ihres Lebens – und das ausgerechnet in einem Karrierenetzwerk.

Der Mann auf dem winzigen Profilfoto hatte meine Augen. Er war der Erste in einer Reihe von Personen, die zuletzt das LinkedIn-Profil meiner Oma angesehen hatten. Ich klickte auf das Bild, und da war er oder was die Pixel von ihm erkennen ließen. Ein Mann in seinen frühen Vierzigern, mit dunklem Haar, das ich nicht von meiner Mutter geerbt habe. Es war etwa das zehnte Bild von ihm, das ich überhaupt gesehen habe – er wirkte absolut normal, heiter sogar. Ein Geschäftsmann, der für eine Personalvermittlungsfirma arbeitete. In der Zusammenfassung seiner Stärken nannte er sich selbst einen Anführer. Zuverlässig und lösungsorientiert. Ein blauer Button fragte, ob ich mit dieser Person Kontakt aufnehmen möchte. Mit dieser Person, meinem Vater, dem Mann, der uns verließ, als ich ein Baby war. Ich klickte drauf.

Ich war 27 und dachte, es sei mir mittlerweile egal, was er über mich dachte oder nicht dachte und ob er überhaupt an mich dachte. Die emotionalen Wunden durch die Abwesenheit meines Vaters hatten mich als Teenager oft genug dazu gebracht, dumme, gefährliche Dinge zu tun; mittlerweile beachtete ich diesen permanenten Schmerz gar nicht mehr. Trotzdem schloss ich meinen Laptop, nachdem ich die Einladung abgeschickt hatte – als hätte ich etwas Falsches gemacht. Es war unvorstellbar, dass er wirklich antworten würde, aber was würde er denken, wenn er die Anfrage sah?

Er ging weg, als ich ein bisschen älter als drei war. Die Ehe meiner Eltern war die überstürzte Entscheidung nach einem positiven Schwangerschaftstest und zerbrach, als ich auf die Welt kam. Meine Mutter sagte mir, er habe sie zu einer Abtreibung drängen wollen. Ich sah ihn ein paar Mal, nachdem er uns verlassen hatte – ich erinnere mich daran, auf seinem Schoß gesessen zu haben, in einem Auto, während die Sonne im Rückspiegel strahlte. Und wie ich mit fünf oder sechs Jahren auf seinem fremden, breiten Bett saß. Als ich zwölf war, hatte ich ihn schon jahrelang nicht mehr gesehen. Es gab keine Anrufe, keine Geburtstagskarten oder Briefe. Es klingt dramatisch, aber als Kind hat es sich nicht so angefühlt.

Aber als ich etwas älter war, begann das Mysterium mich zu verfolgen. Wer war er? Und wie könnte ich meine eigene Identität jemals ganz erfassen, ohne ihn zu kennen? Mit Fragen wie diesen füllte ich ganze Notizbücher. Ich war eine fanatische Leserin mit einer lebhaften Phantasie, und für eine beschämend langen Zeit klammerte ich mich an die Vorstellung, dass er Batman war und mich verlassen musste, weil er damit beschäftigt war, die Welt zu retten. Ich war in der Pubertät, als wir unseren ersten Computer bekamen. Über einen riesigen Apparat konnte man sich ins Internet wählen. Es war das Jahr 1999, und das Erste, was ich in die Suchmaschine eingab, war der Name meines Vaters. Ich fand nicht viel. Über die Jahre wiederholte ich die Suche immer wieder. Ich fand öffentliche Adressenlisten, andere Männer, die den Namen meines Vaters trugen, seitenweise falsche Spuren.

Als Teenager war ich ein Sorgenkind. Ich verlor mit 14 meine Jungfräulichkeit und hangelte mich danach von einem Boyfriend-Desaster zum nächsten. Ich hatte nie den Eindruck, etwas wert zu sein. Ich fragte mich, welche schlimmen Charaktereigenschaften in mir lauerten, als müsste ich als Erwachsene genauso kalt und liebesunfähig werden, wie meine Mutter meinen Vater beschrieb.

Eines Nachts, kurz nachdem ich das Gymnasium beendet hatte, kam ich – vermutlich betrunken – von einer Party nach Hause, fuhr den alten Rechner noch einmal hoch und suchte nach ihm. Weit unten in der Ergebnisliste fand ich das Gruppenbild einer Jugendfreizeit. Mein Vater, dachte ich, war der Betreuer in der Mitte. Groß, mit schlaff herunterhängendem Haar und linkischem Lächeln. Ich erkannte mich selbst in der Weise, wie er in die Kamera linste. Ich muss das Bild wohl tausendmal betrachtet haben. Er war einfach ein Teenager. Es schockierte mich, wie viel und wie wenig wir miteinander zu tun hatten – dieses Foto eines Jungen, nahezu in meinem Alter, ohne den ich nicht auf der Welt wäre.

Viele Jahre später würde dieser Junge, mittlerweile erwachsen und beruflich erfolgreich, die Kontaktanfrage seiner erwachsenen Tochter auf LinkedIn annehmen. Ich bekam die Benachrichtigung ein paar Wochen nachdem ich den Button gedrückt hatte. Entweder hatte er die Anfrage bewusst warten lassen, oder er sah sich seinen Account einfach nicht so häufig an. Dieser Gedanke lässt mich nicht los. Eine Weile überlegte ich, ihm eine Nachricht zu schicken. Ich hätte fragen können, warum er die Kontaktanfrage nicht sofort beantwortet hatte, wo er gewesen war, ob er mich gegoogelt hatte.

Aber das tat ich nicht. Und er schrieb mich auch nicht an. Der Zugang zu dieser neuen Welt voller Details – seiner Jobhistorie, seinen Zielen, seiner Art, sich anzupreisen – machte das Mysterium um ihn zugleich größer und kleiner. Ich hatte fast mein ganzes Lebens damit verbracht, alle Details, die ich über ihn erfahren konnte, wie ein Puzzle zusammenzusetzen. Doch die Teile, die ich nun fand, passten einfach nicht. Oder doch? Vielleicht ist er ja zuverlässig, strukturiert, eine inspirierende Führungskraft – und zugleich ein Mann, der einst für sich die Entscheidung traf, kein Vater sein zu wollen.

Vielleicht ist das okay. Vielleicht ist das alles, was ich jemals bekommen werde. Vielleicht hat seine Abwesenheit mehr damit zu tun, wer ich heute bin, als all die Schnipsel, die ich mir über ihn zusammengoogeln kann. Ich sehe sein Bild auf der Liste der Personen, die mein Profil angesehen haben. Und ich frage mich, ob er es sich auch angeschaut oder nur versehentlich draufgeklickt hat. Wir sind immer noch verbunden. Aber jetzt ist es an ihm, den nächsten Schritt zu tun.

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