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Leben nach dem Terror

Von GRAZIA am Mittwoch, 1. November 2017 um 10:34 Uhr

Nach Manchester fragt man sich wieder: Was passiert mit Menschen, die so einen Anschlag überlebt haben? Wir sprachen mit einem Opfer und einem Trauma-Experten

Manchmal sind es Sekunden, die über das weitere Schicksal entscheiden. In Manchester sind vergangenen Mai 22 Menschen durch einen islamistischen Terrorakt ums Leben gekommen. Sie hatten ein Konzert der Sängerin Ariana Grande besucht und wollten gerade nach Hause gehen, als sich ein Attentäter im Foyer der Konzerthalle in die Luft sprengte. Einen kurzen Moment früher oder später – vermutlich wären dann ganz andere Besucher unter den Todesopfern gewesen. Und jeder Jugendliche oder junge Erwachsene, der unbeschadet das Konzert verlassen konnte, wird später von Glück sprechen, dass es nicht ihn getroffen hat.

Doch solche Extremsituationen hinterlassen meist tiefe Narben auf der Seele. Josefine (26) hat’s im Winter vergangenen Jahres erlebt. Die junge Frau aus Berlin war nämlich am 19. Dezember auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz, um nach der Arbeit noch gemütlich mit Freunden einen Glühwein zu trinken, die kalten Hände am Becher zu wärmen, sich auf Weihnachten einzustimmen.

Dann fiel Josefine ein, dass sie noch Kontaktlinsenflüssigkeit brauchte. Sie ging los, weg von den Hütten mit den Weihnachtsartikeln. In dem Moment rauschte ein Lkw mit ohrenbetäubendem Lärm durch die Gassen des Weihnachtsmarktes, genau dort, wo sie eben noch gesellig Glühwein getrunken hatte.

"Ich verstand erst nicht, was los war. Eine Frau rief aufgeregt: Er ist einfach weitergefahren, er hat nicht angehalten! Die Leute waren panisch." Die Journalistin realisierte erst so richtig, dass etwas Schlimmes passiert sein müsse, als Polizisten den Markt absicherten, immer mehr Reporter zum Ort des Geschehens kamen und ihre Familie bei Whatsapp schrieb, dass sie sich in Sicherheit bringen solle. "Erst dann kam die Angst hoch, und ich verließ den Platz."

Auch wenn Josefine körperlich unversehrt ist, denkt sie noch oft an den Anschlag vor fast einem Jahr. Manche Bilder gehen ihr bis heute nicht aus dem Kopf: "Das Schlimmste war ein Mann, der weinte und verzweifelt irgendetwas rief, nach irgendjemandem. Da kamen dann Jugendliche auf ihn zu, äfften ihn nach und machten sich über ihn lustig. Sie hatten den Anschlag offenbar nicht mitbekommen. Da stiegen Wut und Mitgefühl in mir hoch. Aber vor allem Wut. Und ich sehe noch immer die vielen Leichensäcke vor mir."

Olaf Schulte-Herbrüggen leitet die Trauma-Ambulanz in Berlin und hat Menschen betreut, die den Berliner Anschlag miterlebt haben. Die Reaktion von Josefine passt auch zu seinen Beobachtungen: "Manche Menschen haben starke Angst, bei anderen herrscht Trauer oder Wut. Es gibt auch körperliche Symptome wie Taubheitsgefühle oder das Gefühl, neben sich zu stehen. Das sind normale Reaktionen auf ein extremes Erlebnis."

Manche Menschen, so der Experte, kommen auch erst viel später ins Grübeln oder entwickeln Panik, die sich auf genau die erlebte Situation bezieht, – etwa Angst vor Menschenansammlungen. Als Therapie kommen dann vor allem Gespräche mit denjenigen Menschen infrage, die sich auf die Bewältigung von solchen Traumata spezialisiert haben.

Josefine hat sich nach dem Berliner Terror nicht behandeln lassen, sie gibt offen zu, dass sie das Thema, wenn möglich, sogar verdränge. "Aber ich habe noch immer starkes Mitgefühl für die direkt Betroffenen und für die Angehörigen der Menschen, die völlig unschuldig ermordet wurden." Vielleicht hat in ihrem Fall geholfen, den Alltag aufrechtzuerhalten und Normalität herzustellen, denn der Trauma-Experte erklärt: "Die Erfahrung, dass das Leben weitergeht, wirkt sich meistens positiv aus."