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Mittelklasse-Alkoholikerin: Zwei bis drei Flaschen Prosecco – jeden Abend

Von Marie am Mittwoch, 1. März 2017 um 14:42 Uhr

Alkoholismus? Das klingt nach Absturz und Elend – das hat doch nichts mit meinem Leben zu tun. Bei Sandra (Name geändert) waren es aber anfangs auch nur ein paar Gläser jeden Abend, irgendwann mehrere Flaschen. Ein schleichender Prozess. Auf GRAZIA-magazin.de erzählt sie, wie weit sie ging, um ihre Sucht zu verstecken...

Früher habe ich höchstens zum Essen mal ein Glas Wein bestellt. Mehr konnte ich gar nicht vertragen. Doch dann, etwa mit Mitte 20, änderte sich mein Trinkverhalten. Zunächst so schleichend, dass ich es selbst kaum bemerkte. Ich stand als Grafikerin schon voll im Berufsleben, wollte weiterkommen, Karriere machen. Ich war so ehrgeizig, dass ich mir selbst wahnsinnigen Druck machte und im Job einfach alles gab.

Der Alkohol hat mir den Druck genommen

Abends nach der Arbeit habe ich regelmäßig ein oder zwei Gläser Prosecco getrunken, um loslassen zu können. Der Alkohol hat mich beruhigt, mir den Druck genommen. Ich wurde zu einer sogenannten Um-zu-Trinkerin. Eine, die nicht aus Genuss trinkt, sondern um runterzukommen, zu vergessen, um zu entspannen oder um sich zu trösten. Das klappte ganz gut, ich konnte danach wunderbar schlafen. Aber dabei blieb es nicht.

Aus den ein oder zwei Gläsern wurden irgendwann ein oder zwei Flaschen. Ich kann das heute nur schwer rekonstruieren, das Ganze entwickelte sich über Monate. Es wurde irgendwann zur Gewohnheit, dass ich als Erstes die Flasche aufmachte, wenn ich nach Hause kam. Ich habe immer nur abends getrunken, meistens Wein oder Prosecco. Mit der Zeit wurde ich weniger wählerisch, da konnte es auch der billigste Fusel aus dem Supermarkt sein, Hauptsache, die Flasche war groß genug. Bei mir zu Hause herrschte Chaos. Die ganze Wohnung war voller Leergut, ich putzte auch nicht mehr. Meine Energie verwendete ich darauf, nach außen die Fassade aufrechtzuerhalten, auch wenn es immer schwieriger wurde, meine Sucht zu verheimlichen 

Ich sah stets ordentlich und gepflegt aus

Das war auch wichtig, weil ich jeden Tag im Büro sitzen musste. Auch ansonsten habe ich alles dafür getan, dass niemand merkte, wie abhängig ich war. Im Supermarkt kaufte ich zu den Prosecco-Kisten Chips und Salzstangen, damit es aussah, als veranstaltete ich eine Party.

Als ich merkte, dass ich mehr brauche als andere Leute, dass mein Verhalten langsam nicht mehr normal war, habe ich angefangen, mich zurückzuziehen. Mein ganzes Leben war von Angst bestimmt, Angst, dass ich das alles nicht mehr pa- cke, Angst, entdeckt zu werden. Ich habe den Kontakt zu meiner Familie und meinen Freunden eingeschränkt, bin nur noch in meiner Wohnung geblieben. Wenn ich mal ausging, habe ich bewusst gar nichts getrunken, weil es auffallen würde, wie viel ich vertrug. Ich wurde einsamer – doch mein Umfeld muss trotzdem etwas gemerkt haben. Wenn ich betrunken war, griff ich nämlich zum Telefon und rief meine Mutter oder Freunde an.

© Serge Esteve

Mein Tagesablauf sah immer gleich aus: Ich ging auf dem Weg vom Büro nach Hause immer schnell zum Supermarkt, um Alkohol zu besorgen. Ich hatte schon den ganzen Tag daran gedacht, dass ich abends endlich wieder zum Glas greifen konnte. Am Wochenende fing ich sogar schon vormittags an zu trinken. Gleich- zeitig wollte ich aber ein "normales" Leben führen. Eine Zeit lang habe ich sogar noch Sport gemacht – oft, nachdem ich eine ganze Flasche geleert hatte.
Es gab zwischendurch immer wieder Phasen, in denen ich versuchte, weniger oder gar nicht zu trinken. Ich bin in eine andere Stadt umgezogen und habe mich bemüht, ein neues Leben anzufangen. Ich habe mich mal eine Woche in ein Kloster zurückgezogen, Tai-Chi und Meditation gemacht und keine Berührung mit Alkohol gehabt – aber die Abstinenz hielt meist nicht lange an. Auf einmal saß ich wieder zu Hause und habe Prosecco und Wein
in mich hineingeschüttet. Körperlich war ich völlig fertig, man muss sich das so vorstellen wie einen Dauerkater. Ich war ja nie richtig nüchtern, auch wenn ich in der Woche tagsüber nicht getrunken habe. Das war dann einfach nur eine lange Trinkpause. In dieser Zeit war ich furchtbar unglücklich, habe sehr unter meiner Situation gelitten.

Die A-A-Treffen haben mir sehr geholfen

Fast fünf Jahre ging das so. Doch eines Tages sprach mich eine Freundin auf mein Problem an. Sie sagte ganz direkt, dass sie das Gefühl hätte, dass ich zu viel trinke. In dem Moment habe ich angefangen zu weinen, alles brach aus mir heraus. Ich war damals schon so am Ende, dass ich es nicht mal mehr abstreiten wollte. Trotzdem konnte ich nicht sofort aufhören. Es hat noch ein halbes Jahr gedauert, bis ich zum ersten Mal bei den Anonymen Alkoholikern angerufen habe. Kurz darauf bin ich zum ersten Treffen in meiner Nähe gegangen. Ich habe das für mich ganz allein beschlossen, ich war zum ersten Mal seit vielen Jahren ehrlich zu mir. Weil ich meine Sucht noch relativ früh bemerkt habe, hatte ich noch nicht so schlimme körperliche, sondern vor allem seelische Entzugserscheinungen. Die AA-Treffen haben mir sehr geholfen. Ich habe mich sofort befreit gefühlt – und nicht mehr alleine. Dann habe ich angefangen, mein Leben wieder neu zu sortieren. Ich habe meine Wohnung aufgeräumt, mich um meine Schulden gekümmert, die sich angehäuft hatten. Abends bin ich regelmäßig in ein Café gegangen, dort habe ich statt Prosecco dann Latte macchiato bestellt.

Seit sieben Jahren bin ich nun trocken. Bei den Anonymen Alkoholikern habe ich viel über den achtsamen Umgang mit mir und meiner Umwelt gelernt. Heute lebe ich glücklich in einer Beziehung. Unsere Wohnung ist eine alkoholfreie Zone, alle unsere Freunde und Bekannten wis- sen und akzeptieren das. Ich gehe immer noch zweimal die Woche zu den Treffen der Anonymen Alkoholiker und bin auch über ein Online-Meeting mit anderen Betroffenen verbunden. Ich weiß, dass ich nie ganz sicher vor einem Rückfall bin, dass meine Krankheit unheilbar ist. Aber ich bin dankbar für jeden Tag, den ich trocken erleben darf.

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