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Reportage: "Ich habe undercover als Model gearbeitet"

Von Marie am Donnerstag, 2. März 2017 um 13:35 Uhr

Ist der Model-Job wirklich so ein Traum? Soziologin Ashley Mears hat aufgedeckt, was Laufstegmodels oft durchmachen: wenig Geld, viel Stress, miese Behandlung und ständig großen Hunger...

Ich saß gerade in einem Café und lernte fürs Studium, als mich ein Modelscout ansprach. Er meinte, ich müsse unbedingt Model werden und dass er meinen Look möge. Zugegeben, die Branche hat mich schon immer fasziniert. Noch heute besitze ich ein Exemplar der "Vogue" von 1993 mit Cindy Crawford auf dem Cover. Und mit 16 machte ich mal bei einem lokalen Modelcasting mit – und bekam sogar einen Vertrag bei einer Agentur. Aber außer kleinen Katalogjobs und einem Auftritt in einem regionalen TV-Spot sprang nicht viel dabei raus. Damals verdiente ich 5000 Dollar im Jahr durchs Modeln. Mit dem glamourösen Leben einer Kendall Jenner oder Gigi Hadid hatte das Ganze aber überhaupt nichts zu tun. Und deshalb beschloss ich mit 21, mich lieber auf mein Studium zu konzentrieren. Doch als dann dieser Modelscout vor mir stand, hatte ich eine Idee: ich könnte ja auf sein Angebot eingehen und eine soziologische Forschungsarbeit daraus machen. Schließlich wusste ich ja bereits, dass das alles gar nicht so großartig ist, wie die meisten Menschen denken.

Der Markt ist noch härter geworden

Mein Professor fand die Idee gut, und meinen Agenturen musste ich lediglich versprechen, dass ich alle Informationen anonym behandle und ihnen 20 Prozent meiner Einnahmen abtrete. Ich ging also wieder zu Castings und stellte fest, dass der Markt in den vergangenen Jahren noch härter geworden war. Die wenigen Topmodels, die es auf der Welt gibt, werden vielleicht super behandelt und bezahlt, aber der Großteil der Mädchen verdient kaum etwas und muss sich oft demütigen lassen. So kam es mir zumindest vor. Für viele Kunden sind sie nur eine Art Ware, um ihr Produkt zu verkaufen. Wenn sie sich vorstellen, werden sie nur nach ihrem Äußeren beurteilt, und die Urteile sind oft sehr hart und respektlos.

Mit 23 war ich eigentlich zu alt, um als Model zu arbeiten

Ich musste mein Leben total ändern, um überhaupt Jobs zu bekommen. Sprich: Ich musste dünn sein. Sehr dünn. Latte macchiato war ab sofort gestrichen. Man riet mir, Sachen zu tragen, die mich noch dürrer und größer aussehen ließen, weil Hungerhaken gerade total in seien. Viele meiner Kolleginnen lebten deshalb nur von Gemüsesäften und aßen kaum etwas, sie passten in Size 0. Ich war zwar echt schlank, aber trotzdem zu dick. Manchmal mussten Klamotten an einigen Stellen aufgeschnitten werden, damit ich reinpasste. Außerdem legte man mir nahe, bei meinem Alter zu lügen, denn mit 23 war ich bereits ein relativ altes Model. Meine Agentur fragte: "Welche Milch würdest du im Supermarkt wählen? Die, die bald abläuft, oder die frische?“ Also machte ich mich fünf Jahre jünger. Was nicht hieß, dass es jetzt leichter war, an Jobs zu kommen. Bei den Castings kam ich mir sehr oft gedemütigt vor. Einmal musste ich im Bikini erotisch vortanzen – mir ist schon klar, dass es bei diesem Job nur um mein Aussehen und die Bewegungen ging, aber trotzdem fühlte ich mich dauernd zu einem Sexobjekt degradiert.

Nach drei Monaten, in denen ich permanent für Shows gebucht war, bekam ich meinen ersten Scheck. 182 Dollar! Dabei hatte ich hin und wieder bis spät in die Nacht und auch an Wochenenden gearbeitet. Der Buchhalter meiner Agentur sagte mir, das sei kein schlechter Verdienst für die ersten Wochen – manche Models würden gar nichts bekommen. Denn viele Runwayjobs werden im Gegensatz zu Fashion-Shootings kaum oder gar nicht bezahlt, weil sie nur für die Sed-Karte interessant sind und um die Mädchen in der Branche bekannter zu machen. Und im schlimmsten Fall bezahlt der Kunde nicht mal die Fahrtkosten.

Trotzdem ist die Modebranche eine der wenigen, in der Frauen besser verdienen als Männer

Das ist sonst nur in der Pornoindustrie und bei Prostituierten so. Ich habe zwei Jahre für meine Forschungsarbeit in der Branche recherchiert. In meinem ersten Jahr habe ich 18 000 Dollar kassiert – allerdings vor Abzug der Steuern. Und obwohl ich sogar für Designer wie Marc Jacobs und Diane von Furstenberg auf Fashion-Shows lief, ist nie viel Geld dabei herausgekommen. Ich habe trotzdem immer gehofft, dass der nächste große Job noch kommt – das geht wohl allen Models so. Aber in den meisten Fällen passiert das nicht. Das Ganze ist wie eine Lotterie, bei der man keine besonders großen Gewinnchancen hat. Es gehört viel Glück dazu, und oft geht es auch gar nicht nur um das Aussehen eines Mädchens, sondern um Marketing und Timing. Die richtige Agentur kann eine Hilfe sein, eine Garantie hat man trotzdem nie.

Während Kate Moss, Karlie Kloss oder selbstverständlich die neue Generation der Models wie Bella Hadid und Co. jedes Jahr zweistellige Millionenbeträge bekommen, liegt der Durchschnittsverdienst eines "normalen" US-Models bei 27 000 Dollar pro Jahr. Viele Mädchen aus osteuropäischen Ländern, die um ihr Visum bangen, leben in regelrechten Sklavenverträgen mit ihren Agenturen. Sie verschulden sich oft erst mal im fünfstelligen Bereich bei ihrer Agentur, bevor sie zu ihrem ersten Casting gehen: Flüge, Hotels, Visum, Probe-Shootings, Buch, Make-over. Die ersten Jahre schuften sie dann also nur, um ihre Schulden bei der Agentur wieder abzustottern.

Bei mir lief es also im Vergleich noch verhältnismäßig geschmeidig. Doch eines Tages war meine Modelkarriere auch abrupt vorbei. Die Agentur hatte plötzlich keine Jobs mehr für mich, niemand wollte mich mehr sehen. Ich weiß noch, dass der Betreff der Mail, in der mir das Ende der Zusammenarbeit mitgeteilt wurde, "Hey Doll" lautete. Ich war eben nur eine Puppe, eine Ware.

Als ich dort später für ein Gespräch für meine Studienarbeit vorbeischaute, sagte man mir, ich sei für kurze Zeit ein Topmädchen gewesen. Ich möchte allerdings lieber eine Topsoziologin sein. Denn jetzt kann ich essen, was ich will, brauche bei meinem Alter nicht zu lügen und muss mich nicht mehr vor anderen im Bikini zum Äffchen machen. Allerdings hat mir meine Zeit als Model bei meiner akademischen Karriere sehr geholfen. Ich bin viel selbstbewusster, habe keine Angst mehr, vor vielen fremden Menschen in Vorlesungen zu sprechen. Denn das Sich-Präsentieren ist ein bisschen wie über den Catwalk laufen.