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Reportage: Ich wurde als Baby ausgesetzt

Von Marie am Mittwoch, 1. März 2017 um 12:28 Uhr

Miriam Stein wurde als Neugeborenes ausgesetzt – und schreibt auf GRAZIA-magazine.de darüber, wie lange es dauerte, bis sie ihr Schicksal akzeptieren konnte...

Ich wurde am 7. Juli 1977 in einem Schuhkarton gefunden. Meine Eltern hatten mich vor dem Rathaus der südkoreanischen Stadt Daegu ausgesetzt. Keine Seltenheit damals in dem armen und krisengeschüttelten Land. Wie alle koreanischen Findelkinder bekam ich eine Aktennummer, meine lautet K77-2178, und einen Namen: Yung Min. Da in dem Karton keinerlei Informationen zu finden waren, entschied jemand einfach anhand meiner Größe, dass ich am 5. April 1977 geboren worden sein könnte.

Ich wurde von meinen "Eltern" aus einem Waisenhaus adoptiert

Bis heute kenne ich weder mein richtiges Geburtsdatum noch den Namen meiner Mutter oder den meines Vaters. Man brachte mich in ein Waisenhaus. Dort blieb ich, bis mich meine Adoptiveltern am 8. November 1977 nach Deutschland holten. Aus der Zeit im Waisenhaus ist mir nichts außer einigen Daten bekannt, die in knappen Berichten zusammengefasst wurden. Daraus geht zum Beispiel hervor, dass ich pro Tag sieben Flaschen à 220 ml Milch trank, dass ich von neun Uhr abends bis fünf Uhr morgens, mit zwei Flaschenpausen, auf dem Rücken oder auf der Seite schlief und am 26. Oktober schon etwas brabbelte: "Umma, Ubba und Mamma“. Ob ich viel gelacht oder geweint habe, wurde dort nicht vermerkt.

Als ich in Deutschland ankam, gaben mir meine deutschen Eltern einen neuen, Namen: Miriam, nach der älteren Schwester des Propheten Moses. Auch Moses war ein Findelkind. Seine Schwester Miriam rettete sein Leben, indem
sie ihn an einem Strand aussetzte, wo er von der Tochter des Pharaos gefunden wurde. In Osnabrück wurde aus mir, dem ausgesetzten Baby aus dem Pappkarton, ein verwöhntes Wunschkind. Meine Eltern schenkten mir Spielzeug, darunter Puppen und Stofftiere. Ich erinnere mich, dass ich meine Puppen überall hin mitnahm und von den Stofftieren jeweils eine Mutter und ein Kind hatte, die immer zusammen bleiben mussten. Meine Mutter erzählte mir später, dass ich als Baby und Kleinkind unter schweren Albträumen litt. Als ich älter wurde verschwanden diese Albträume. Doch bis ich elf Jahre alt war, wollte ich niemals länger als eine Nacht von meiner Mutter getrennt sein.

In der siebten Klasse wurde im Biologieunterricht einiges klar

Abgesehen von diesen Ängsten erlebte ich eine normale Kindheit. Wären nicht gelegentliche Fragen wegen meines fremden Aussehens von Klassenkameraden oder Nachbarn gekommen, hätte ich vielleicht vergessen, dass ich nicht das leibliche Kind meiner Eltern bin. In der siebten Klasse stand im Biologieunterricht die Vererbbarkeit von Eigenschaften, äußeren Merkmalen und Krankheiten durch Gene auf dem Lehrplan. Meine Mitschüler konnten anhand von Fotos bestimmen, ob ihre Augen- oder Haarfarbe der ihres Vaters, ihrer Mutter oder der von Onkel oder Tante glich, während ich in ein schwarzes Loch blickte. Ich sehe natürlich niemandem in meiner Adoptivfamilie ähnlich. Ich fragte mich, ob meine Nase, meine Augen wohl von meinem Vater oder meiner Mutter stammten.

Ich begann, mich mit meiner Vergangenheit zu beschäftigen, die nichts als Fragen aufwarf. Warum hatte meine Mutter mich abgegeben? Wer war oder ist sie? Ist sie überhaupt noch am Leben? Zum allerersten Mal fühlte ich mich einsam, wie ein Mensch ohne Wurzeln und ohne Familiengeschichte. Ich spürte zum ersten Mal Sehnsucht nach anderen Orten, obwohl ich im Urlaub zuvor stets unter Heimweh gelitten hatte. Ich träumte von fernen Ländern, in denen mich mein asiatisches Aussehen nicht an meine Heimatlosigkeit erinnerte. Länder, in denen ich nicht auffiel, sondern einfach eine von vielen war. Ich bewarb mich für ein Austauschjahr und brauchte dafür meine Geburtsurkunde. Mit sechzehn Jahren hielt ich sie zum ersten Mal in der Hand. Sie war leer: Mutter und Vater unbekannt.

Ich fühlte mich deplatziert

Mich überkam das Gefühl, dass mein Leben von Entscheidungen anderer abhängig war, dass meine Biografie Verhandlungssache war. Wer hatte eigentlich darüber bestimmt, wo ich aufwachse? Und warum hatte meine Mutter mich auf der Straße abgestellt? Plötzlich wurde ich wieder von Albträumen geplagt, an die ich mich morgens nur bruchstückhaft erinnern konnte. Mich beschlich das Gefühl von Deplatziertheit, von tiefer Isolation. Viele Freunde verstanden diese Gefühle nicht, schließlich erschien mein Leben von außen normal und gut.

Nach dem Abitur zog ich nach London, um dort zu studieren, doch ich jobbte stattdessen als Fotoassistentin. Ich begleitete Fotografen um die ganze Welt. Ich liebte das Reisen, denn so konnte ich mich für kurze Zeit in ein anderes Leben einfügen, ohne jemals den Sorgen des Alltags ins Auge blicken zu müssen. Erst Jahre später stellte ich fest, dass jemand, der immer nur auf Reisen ist, auch kein Zuhause hat. Plötzlich war ich auf der Flucht und nicht mehr unterwegs. Auf der Flucht vor mir, vor dem diffusen Start meines Lebens.

Ich entschied mich, endlich dorthin zu reisen, wo alles begann. Zum ersten Mal seit meiner Geburt und den wenigen Monaten im Waisenhaus war ich wieder in Daegu, Südkorea. Dort traf ich viele andere Adoptierte auf der Suche nach ihren leiblichen Eltern – und sich selbst. Das Waisenhaus von einst gibt es nicht mehr. Heute ist es ein Kindergarten. Doch mir wurde plötzlich klar, dass ich mich entscheiden muss, ob ich weiter weglaufe oder meine Vergangenheit akzeptiere und meine Zukunft selbst gestalte. Ich entschied mich für die zweite Möglichkeit. Dafür, nicht mehr wegzulaufen, sondern zu lernen, dass ich niemals herausfinden werde, wo genau ich her- komme, aber dass mein ganzes Leben vor mir und in meinen Händen liegt.

 

 

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