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Reportage: "Mein Mann hat mich jahrelang geschlagen"

Von Marie am Donnerstag, 2. März 2017 um 14:06 Uhr

Auf GRAZIA-magazin.de erzählt Katja, warum es manchen Frauen so schwerfällt, den Mann zu verlassen, der sie misshandelt...

Wenn mir früher jemand gesagt hätte, dass ich mir das mal von einem Mann gefallen lassen würde, hätte ich es niemals geglaubt. Ich war immer eine selbstbewusste Frau, die wusste, was sie wollte und was nicht, ich habe immer meine Meinung gesagt. Vielleicht lag es auch genau daran, dass es mit Michael, meinem Ex, so weit gekommen ist. Als wir uns vor acht Jahren kennenlernten, war es Liebe auf den ersten Blick, alles ging ganz schnell, nach wenigen Wochen verbrachten wir keinen Tag und keine Nacht mehr getrennt. Wir haben damals beide noch studiert, Michael BWL, ich Politik. Wir bereisten zusammen die Welt, Afrika, Asien, und nach nicht mal einem Jahr zogen wir zusammen.

Nach etwa sechs Monaten fingen wir an, uns oft zu zoffen. Wir sind beide sehr impulsiv und meinungsstark, und die Temperatur unseres Streits ging oft entsprechend hoch. Doch einmal sagte Michael im Streit zu mir "Leck mich am Arsch" und "Verpiss dich", da bin ich wirklich für eine Nacht abgehauen, zu meiner Schwester. Ich war erschrocken darüber, dass er so mit mir redete, und wollte ihm das damit austreiben. Am nächsten Tag rief er an und entschuldigte sich. Er schwor mir, dass das nie wieder vorkommen würde. Ich glaubte ihm. Weil ich ihm glauben wollte, weil ich wollte, dass diese Beziehung klappt. Dass das erst der Anfang war, ahnte ich damals nicht.

Handgreiflich wurde Michael zum ersten Mal nach anderthalb Jahren

Er hielt mich im Streit am Arm fest, als ich den Raum verlassen wollte. So grob und hart, dass ich instinktiv zurückwich. Er ließ mich sofort los, aber am nächsten Tag konnte ich seine Fingerabdrücke am rechten Oberarm sehen. Und wieder folgten Entschuldigungen, Blumen und Liebesbekundungen. Ich konnte und wollte es selbst nicht glauben und redete mir ein, dass er nur so aggressiv war, weil er gerade einen Job begonnen hatte, den er eigentlich nicht mochte, und weil ich nicht so viel Rücksicht darauf nahm, wie ich eigentlich sollte. Das tut man als Opfer andauernd: Man sucht Ausreden, warum solche Dinge passieren, man sucht die Schuld bei sich, bei den Umständen und nicht beim anderen. Ich ging davon aus, dass alles anders wird, wenn er erst einen neuen Job gefunden hat. Das habe ich mir lange eingeredet: Alles wird besser, wenn erst dies, wenn erst das. Wenn wir verheiratet sind, wenn wir Kinder haben. Aber auch als er endlich einen neuen Arbeitgeber hatte, hörte es nicht auf. Und es hörte auch nicht auf, als wir heirateten und ich schwanger wurde. Als ich im sechsten Monat war, warf er sogar mal mit einem Schuh nach mir, weil er nach der Arbeit in Ruhe Fernsehen wollte, aber ich im selben Raum telefonierte und auf sein "Pst" nicht reagierte. Es war nicht so, dass er dauernd gewalttätig wurde, dass jeder Streit eskalierte. Wir hatten auch gute Zeiten, manchmal monatelang, in denen wir glücklich waren. Da denkt man gar nicht mehr daran, was passiert ist.

Die Abstände zwischen den Ausrastern wurden irgendwann immer kleiner

Die Intensität nahm zu. Wenn eine Grenze überschritten wurde, war auch die nächste nicht mehr weit. Aus dem Festhalten wurde ein Schubsen, er bewarf mich mit Sachen, und irgendwann boxte er mir im Streit mit der Faust in den Rücken, weil ich vergessen hatte, das Auto zu betanken, obwohl ich doch wusste, dass er es abends noch brauchte. Oft war auch Alkohol im Spiel. Er schlug mich nie grün und blau oder ins Gesicht, aber das machen Akademiker angeblich nie, erzählte mir später eine Psychologin. Sie wollen nicht als Schläger erkannt und gebrandmarkt werden. Ich habe niemandem davon erzählt, weil ich mich schämte. In meinen Augen war ich keine typische misshandelte Ehefrau. Ich wollte unsere heile Welt unbedingt nach außen aufrechterhalten und belog deshalb nicht nur andere, sondern auch mich selbst. Ich zog mich von meinen Freundinnen zurück, wurde verschlossen, gefühlskalt. Ich schlief schlecht und nahm extrem ab.

Als ich gerade unser zweites Kind bekommen hatte, schlug er wieder zu, da rief ich heimlich bei einer Beratungs-Hotline an. Ich heulte und heulte, die Frau hörte geduldig zu, am Ende sagte sie mir, dass es doch daran liegen könnte, dass mein Mann wegen unseres Babys einfach zu wenig Schlaf bekäme. Schlafmangel sei Folter und könne einen verrückt und aggressiv machen. Ich dachte in dem Moment wirklich, dass ich übertreiben würde – ist das nicht furchtbar? Trotzdem wuchs in mir der Gedanke, dass es so nicht weitergehen konnte, dass es nicht richtig war. Ich fragte beiläufig bei anderen alleinerziehenden Müttern nach, wie sie sich eigentlich organisierten, ohne zu sagen, dass ich auch an eine Trennung dachte.

Der Wenderpunkt

Erst als er etwa ein halbes Jahr später wieder auf mich losging, sogar zweimal innerhalb von zwei Wochen, kam der Wendepunkt: Denn unsere Tochter stand neben mir, als er handgreiflich wurde. Sie hatte Angst und weinte. Ich rief beim Frauenhaus an und traf mich mit einer Beraterin. Sie wollte mich sofort dabehalten, aber das wollte ich nicht. Aber sie machte mir klar, dass ich endlich darüber reden müsste. Noch am selben Tag fuhr ich zu meiner Schwester und erzählte ihr alles. Sie war geschockt, sagte, dass sie das nie geahnt hätte. Sie drängte mich, es unseren Eltern zu erzählen. Mit jedem Menschen, dem ich es beichtete, wurde es auch für mich realer. Aber nicht alle konnten und wollten mir glauben, schließlich wirkten wir wie die perfekte Familie, erfolgreich, glücklich, mit einer schicken Altbauwohnung in einem guten Viertel.

Nachdem ich mich getrennt hatte, versuchte Michael alles, um mich zurückzugewinnen. Er stand jeden Tag bettelnd vor meiner Tür und bot sogar an, eine Therapie zu machen. Es gab auch Momente, in denen ich daran dachte, ihm noch eine Chance zu geben. Es war ja nicht alles schlecht, wir waren ja auch glücklich, vielleicht würde er sich wirklich ändern. Aber gleichzeitig wollte ich eben nicht, dass meine Kinder in einer Umgebung aufwachsen, in der die Eltern so wenig Respekt voreinander haben und in der Gewalt heruntergespielt wird.

Ich begann relativ schnell nach unserer Trennung mit einer Therapie

Das hat mir sicher auch dabei geholfen, das alles zu überstehen und nicht wieder nachzugeben. Aber selbst heute, drei Jahre später, denke ich manchmal, dass wir damals vielleicht einfach zur falschen Zeit unter den falschen Umständen zusammen waren, dass es heute vielleicht anders laufen würde. Wenn ich heute gefragt werde, warum ich nicht eher gegangen bin, dann kann ich nur sagen: Ja, mit meinem heutigen Wissen würde ich sicher vieles anders machen.

Aber ich kann auch verstehen, dass ich damals nicht so schnell und so strikt handelte. Ich hatte eben einen anderen, einen romantischen Plan vom Leben. Einen mit Michael.