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Reportage: "Meine Mutter hat eine Affäre – und ich bin ihre Komplizin"

Von Marie am Samstag, 26. August 2017 um 15:00 Uhr

Was tun, wenn die eigene Mutter einem plötzlich einen Seitensprung beichtet? Ihr Vertrauen missbrauchen und damit die Familie zerstören? Christina Kroll* (29) hat sich dafür entschieden zu schweigen – und fühlt sich dabei selbst wie eine Ehebrecherin...

Protokoll: Mariam Stratmann

Kleine Veränderungen fallen immer dann besonders auf, wenn man Menschen nach längerer Zeit wiedersieht. Als ich einmal für ein verlängertes Wochenende in Süddeutschland bei meinen Eltern war, kamen sie mir seltsam distanziert vor. Sie wohnen 800 Kilometer von mir entfernt. Weit genug offenbar, um eine Weile nicht mitzubekommen, dass sich ihre Liebe verändert hat. Sie hatten immer eine sehr körperliche Beziehung, gingen Hand in Hand spazieren, küssten sich nicht nur kurz vor dem Schlafengehen – sogar nach über 30 Jahren Ehe.

Meine Mutter interessierte sich für andere Dinge als sonst

Ich wunderte mich auch, dass auf der Schlafcouch im Gästezimmer benutztes Bettzeug lag, obwohl sie gar keinen Besuch gehabt hatten. Ich beruhigte mich damit, dass meine Mutter vielleicht lange lesen wollte und sich deshalb mal eine Nacht ausquartiert hatte. Doch es gab noch andere Dinge, die neu waren. Und mir nicht besonders gefielen. Meine Mutter interessierte sich plötzlich für alle möglichen Funktionen ihres Handys: Wie stellt man auf lautlos? Und wo werden eigentlich alle Anrufe gespeichert? Außerdem kritisierte sie auf einmal an meinem Vater herum: Seine geliebte Lee-Jeansjacke, die wäre doch gar nicht mehr altersentsprechend, und seine Haare, die könnte er sich auch mal kürzer schneiden. Seit ich mich erinnern kann, trägt mein Vater seine Haare fast bis zum Kinn, auch wenn sie jetzt nicht mehr dunkelbraun sind, sondern fast grau.

Ganz offen regte sie sich darüber auf, obwohl die Tür zum Wohnzimmer nur angelehnt war und er alles hören konnte: "Das ist gar nicht immer einfach, wenn man so viele Jahre zusammen ist wie wir. Findest du nicht, dass Jens sich mal etwas Neues zum Anziehen kaufen könnte?" Ich hatte keine Lust, mit ihr über meinen Vater zu lästern, und wechselte das Thema. Am liebsten wollte ich sowieso gar nicht wissen, dass meine Eltern Probleme haben. Ich wich meiner Mutter aus, wenn sie wieder so komisch vertraulich wurde. Doch sie hatte sich offenbar in den Kopf gesetzt, nicht ihre beste Freundin in ihr Geheimnis einzuweihen, sondern ausgerechnet mich, ihre Tochter. Die Gelegenheit war da, als wir für ein Wochenende zusammen nach Berlin fuhren und abends beim Koreaner essen waren: "Christina, ich treffe mich seit einer Weile mit diesem Mann", sagte sie unvermittelt. Kein "Ich muss dir was sagen" oder "Ich weiß jetzt gar nicht, wie ich es dir erklären soll". Einfach so, als wäre sowieso schon klar, dass irgendetwas passiert war. "Wir waren früher zusammen auf dem Gymnasium, vor ein paar Monaten haben wir uns ganz zufällig wiedergesehen." Als würde das den Seitensprung erklären!

Im Laufe des Gesprächs erfuhr ich sehr viele Dinge über meine Eltern

Dinge, die ich gerne wieder vergessen will. Schließlich möchte man doch am liebsten glauben, dass bei denen in Sachen Erotik grundsätzlich gar nichts läuft. Aber ich weiß jetzt zum Beispiel, dass meine Mutter mit 61 noch zweimal in der Woche Sex haben möchte, mein Vater aber nur noch einmal im Monat. Oder gar nicht. Und dass es deswegen häufig Stress gibt. Ich weiß auch, dass Mami mit ihrem ehemaligen Mitschüler nicht nur über die guten, alten Zeiten plaudert, wenn sie mit ihrem schwarzen Mini Cooper bei ihm vorfährt.

Meine Mutter arbeitet seit ein paar Jahren nicht mehr und hat jetzt viel Zeit für solche amourösen Ausflüge, mein Vater verbringt jede Menge Zeit im Büro. Ob der Typ einen Job hat oder eine Familie? Keine Ahnung. Ich wollte das alles nicht wissen, kein Bild von diesem Mann in meinem Kopf haben. Genauso wenig, wie ich erfahren wollte, dass er ganz verrückt nach meiner Mutter ist, "unersättlich", um es in ihren Worten zu sagen. "Mami, bitte, ich will das nicht hören", bat ich sie. "Ja natürlich, entschuldige, vielleicht hätte ich dir das gar nicht erzählen sollen". "Auf keinen Fall hättest du es mir erzählen sollen", erwiderte ich sauer. "Du weißt, dass du das nicht einfach weiterlaufen lassen kannst!". So leicht sei das nicht, die Sache zu beenden, sagte sie. Ich kann nicht glauben, dass sie für eine Affäre so viel aufs Spiel setzt. Vielleicht würde mein Vater sie verlassen, wenn er davon erfährt.

Obwohl ich ja ahnte, dass es zu Hause nicht mehr ganz so rundläuft, wie ich es von früher kannte, war ich schockiert, welche schwere Kost meine Mutter mir da bei Kimchi und Bibimbap auftischte. Sie war aufgelöst und traurig. Weil ihr mein Vater leid tat natürlich, aber sie sich auch selbst. "Ich bin vielleicht gar nicht in der Lage, ein Leben lang nur mit einem Mann zusammen zu sein", sagte sie weinend. Sie schien dabei ganz zu vergessen, dass es nicht einfach nur um ihren Partner geht, sondern auch um den Mann, der mir das Fahrradfahren und das Schwimmen beigebracht hatte, der mir immer bei den Mathe-Hausaufgaben geholfen hatte. Meinen Vater. Die Beziehungsprobleme zweier Menschen sind wohl nirgendwo schlechter aufgehoben als bei ihren Kindern.

Meine beiden jüngeren Schwestern wissen nichts von Mamis Affäre

Wenn wir alle zusammen bei unseren Eltern sind, im Garten grillen oder im Wintergarten frühstücken, würde niemand glauben, dass bei uns etwas nicht stimmt. Ich beneide meine Geschwister um ihre Sorglosigkeit. Und um das Gefühl, eine unerschütterliche Festung im Rücken zu haben, etwas, das Bestand hat, das man nicht infrage stellen muss. Weil ich weiß, dass unsere Familie auf keinem so festen Fundament mehr steht wie früher, fühlen sich solche Treffen für mich irgendwie unehrlich an. In letzter Zeit schiebe ich auch mal wichtige Termine vor, wenn die Familie zusammenkommt. Meinen Vater unbekümmert an seinem alten Moped schrauben zu sehen zerreißt mir fast das Herz. Manchmal habe ich auch Angst, dass ich mich ihm gegenüber merkwürdig verhalte, er mich dann fragt, ob irgendetwas nicht stimmt. Denn wenn ich ihn ansehe, kann ich an kaum etwas anderes denken als diesen Vertrauensbruch.

Obwohl ich es nicht will, stelle ich mir dann vor, wie Mami sich mit einem für mich fremden Mann in den Laken wälzt. Und denke daran, wie wenig mein Vater das verdient hat. Ob er wirklich nichts ahnt? Schwer zu sagen. Vielleicht ist das Wegschieben für ihn auch nur die einzige Möglichkeit, die Situation auszuhalten. Ich jedenfalls fühle mich ihm gegenüber wie eine Verräterin. Obwohl ich ja gar nichts tun kann. Wenn ich ihm die Wahrheit sage, bricht wahrscheinlich meine Familie auseinander. Wenn ich es nicht tue, belüge ich meinen Vater. Permanent.

Wäre meine Mutter nicht meine Mutter, würde ich versuchen, sie zu verstehen

So wie ich es bei meinen Freundinnen mache – auch wenn ich Fremdgehen bei ihnen genauso daneben finde. Bestimmt ist es schwer, 30 Jahre nur mit ein und demselben Mann ins Bett zu gehen. Auch wenn meine Mutter bald 62 wird, sie hat nie aufgehört, Männern nachzuschauen, ihre Reize zu betonen. Manchmal wirkt sie fast jugendlich. Vielleicht will sie einfach das Gefühl haben, begehrt zu werden.

Wenn ich ehrlich zu mir bin: Es tut mir auch für sie leid, dass ihre Beziehung sie nicht erfüllt. Aber in dieser Sache geht es eben noch um einen anderen Menschen, den ich liebe. "Versprich mir, dass du ihn nicht wiedersiehst", Habe ich sie gebeten, als sie wieder anfing, von ihrem Schulfreund zu reden. Versprochen hat sie es mir bisher nicht, aber gesagt, dass sie es versuchen wird. "Ich kann dir nicht einmal erklären, was mich an ihm anzieht", hat sie zu mir gesagt. "Er sieht nicht so gut aus wie dein Vater, er kann ihm in keiner Beziehung das Wasser reichen."

Vielleicht geht es ja nur genau darum: Dass er eben nicht mein Vater ist. Dieses Gespräch ist jetzt schon einige Monate her. Ich tue seitdem so, als gäbe es den anderen Mann nicht mehr. Vielleicht stimmt das. Vielleicht nicht. Ich traue mich nicht, meine Mutter danach zu fragen.