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Reportage: "Seit meine Haare kurz sind, habe ich keinen Erfolg mehr auf Tinder"

Von GRAZIA am Sonntag, 9. Januar 2022 um 10:00 Uhr

Seit sie sich ihre Locken abrasiert hat, herrscht auf Annas Tinder-Profil gähnende Leere. Und sie fragt sich, ob ihre Haare das Einzige waren, was Typen angezogen hat?

Protokoll: Selina Jüngling

Nachdem ich mir letztes Jahr die Haare abrasiert hatte, sagte mein bester Freund und damaliger Mitbewohner zu mir: "Hättest du mich vorher gefragt, hätte ich gesagt: Mach's lieber nicht. Aber jetzt muss ich sagen: Es sieht schon ganz cool aus." Er ist nicht der einzige Mann, der kurzen Haaren bei Frauen erst einmal skeptisch gegenübersteht. Dabei waren die ersten Reaktionen, die ich auf meinen geschorenen Kopf bekommen habe, durchweg positiv. Sogar meiner Oma hat's gefallen und die hat eigentlich immer was zu meckern! Auch ich war sofort in love mit meiner neuen Frisur. Ich habe eigentlich Locken und damit die sitzen, braucht es eine Menge Arbeit. Als ich sie los war, dachte ich: Juhu, endlich jeden Tag Good Hair Day!

Wie sich herausstellte, war ich mit meiner Makeover-Aktion aber nicht nur die Locken los, sondern auch die Männer. Zumindest auf Tinder. Mit langen Haaren hatte ich eine relativ normale Erfolgsrate, würde ich sagen. Es kamen schon ein paar Matches dabei rum. Aber jetzt? So gut wie nichts. Na gut, zwei Matches. In zwei Monaten. Beides eher alternative Typen. Das ist schon heftig. Auf der einen Seite nehme ich es mit Humor. Ich weiß ja, dass sich auf diesen Dating-Plattformen ganz bestimmte Männer bewegen, die nicht den gesellschaftlichen Durchschnitt repräsentieren. Nur weil ich auf Tinder mit so gut wie niemandem matche, heißt das nicht, dass mich alle Typen unattraktiv finden.

"Meine kurzen Haare haben mir geholfen, selbstbewusster zu werden"

Auf der anderen Seite musste ich mich schon erst mal mit der Frage auseinandersetzen: Wie fühle ich mich damit, dass ich mich mit den kurzen Haaren von den meisten anderen Frauen unterscheide? Werde ich – ganz klischeehaft – als lesbisch wahrgenommen? Ich musste meine Weiblichkeit komplett neu definieren. Denn ich identifiziere mich ja als Frau, mag meine Kurven. Ich habe festgestellt: Weite Klamotten sehen mit dieser Frisur nun mal sehr androgyn aus, was cool ist, aber eigentlich nicht wirklich meinem Style entspricht. Da musste ich erst eine Balance finden. Im vorigen Jahr habe ich angefangen, mich auch mal schicker und weiblicher anzuziehen. Gleichzeitig war mein Gesicht natürlich mehr im Fokus. Ich konnte mich nicht mehr hinter den Locken verstecken. Aber genau das hat mir geholfen, selbstbewusster zu werden, mich mehr mit mir selbst auseinanderzusetzen. Die kurzen Haare zeigen mir immer wieder: Das ist, was du hast. Deal with it. Daraus habe ich extrem viel Stärke gezogen.

Woran es liegt, dass Männer Frauen mit kurzen Haaren anscheinend unattraktiv finden? Ich glaube, das hat ganz viel mit Gewohnheit zu tun. Mann findet lange Haare weiblich, weil das eben in unseren Schönheitsidealen so verankert ist. Models, Schauspielerinnen, Sängerinnen oder Moderatorinnen haben meistens lange Haare. Wenn eine Frau kurze Haare hat, dann ist es oft verbunden mit Krebs, anderen Kulturkreisen oder krassem Femi- nismus – was für Typen auch abturnend sein kann. Dazu kommt, dass Männer sich von Weiblichkeit abgrenzen wollen. Wenn sich eine Frau eine stereotypisch männliche Sache aneignet, dann fühlen sie sich bedroht. Meine Mama meinte zu mir: "Die Kerle, die dich so nicht attraktiv finden, haben wahrscheinlich Angst vor dir, weil sie wissen, dass du eine selbstbewusste Frau bist und sie zu dir nicht sagen können: 'Sitz still, Püppchen.'" Das ist auch gut so, damit sortieren sie sich quasi schon selbst aus meinem Dating-Pool aus.

Aber ich will die Männer gar nicht verteufeln, ich kann es ja verstehen. Wenn man Schönheitsideale nicht hinterfragt, dann ist die erste Reaktion natürlich: Frauen mit kurzen Haaren sind unattraktiv. Man kann ja niemanden zwingen, jemanden oder etwas schön zu finden. Ich würde mir einfach wünschen, dass Männer selbst mal reflektieren: Finde ich das wirklich so schlimm? Woher kommt das eigentlich? Was löst das in mir aus? Schließlich sind Manbuns auch total in Mode, gelten sogar als supermännlich. Wieso sollte das andersherum nicht auch gehen?