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"Seit ich Teilzeit arbeite, hassen mich meine Kollegen"

Von GRAZIA am Freitag, 29. Dezember 2017 um 16:45 Uhr

Weil sie sich in ihrem Job als Anwältin zunehmend gestresst fühlte, bat Laura (32) um eine Teilzeitstelle. Doch anders als angenommen war nicht ihr Chef dabei das Problem, wie sie uns erzählte.

Ich war schon immer sehr auf Sicherheit bedacht. Mit Anfang 20 dachte ich zwar kurz darüber nach, Designerin zu werden, landete dann aber doch sehr schnell in der Juravorlesung. Denn mein Vater hatte mir eingebläut: "Du musst für dich selbst sorgen können. Verlasse dich nicht auf einen zukünftigen Mann, studiere keinen Mädchenkram!"

Nun bin ich also Anwältin in einer mittelständischen Kanzlei. Der Job ist oft stressig und dabei nicht gerade spannend, aber Freunde aus dem Studium, die in Großkanzleien arbeiten, hocken bis nachts am Schreibtisch. Lange dachte ich: "Du hast keinen Grund, dich zu beschweren." Nach anderthalb Jahren konnte ich mir meinen Job aber nicht mehr schönreden. Die Wochenenden verbrachte ich matt auf dem Sofa, mein Leben kam mir vor wie ein dahinplätscherndes Bächlein.

Bis ich Alex kennenlernte. Sie wurde meine erste richtig gute Freundin in der Stadt, in die ich nur widerwillig gezogen war. Sie nahm mich zu Radtouren und Partys mit, stellte mir spannende Leute vor, verreiste ständig allein und kam mit wilden Geschichten im Gepäck zurück. Frust? Keine Spur davon in ihrem Leben, dabei war sie von ihrem Beruf als Physiotherapeutin weder besonders gefordert noch erfüllt. Von Alex lernte ich: Arbeit allein macht nicht glücklich oder unglücklich. Es kommt darauf an, wie man das Drumherum aufbaut!

Ich fasste den Entschluss, meinen Alltag, der mir so viel Energie und Lebensfreude raubte, aufzubrechen. Ich wollte weniger arbeiten. Zuerst redete ich mit meiner – wie ich kinderlosen – Kollegin Martina, die schon vor einigen Jahren ihre Stunden reduziert hatte. Ihr Feedback: Wenn du das wirklich durchziehen willst, unterstütze ich dich! Mir wurde mulmig zumute, denn aus ihrer Reaktion las ich: Ich war hier auf ganz dünnem Eis unterwegs. Tatsachlich wurde Martina im Büro nicht ganz ernst genommen, sie galt als "crazy", weil sie beim Mittagessen lieber von ihrem Liebesleben als vom letzten Mandanten-Meeting sprach. Die meisten meiner Kollegen arbeiten verbissen darauf hin, Partner zu werden. Der Gedanke an eine gute Work-Life-Balance ist ihnen fremd. Klar gibt es bei uns Teilzeitstellen für Frauen (ausschließlich Frauen!) mit Kindern. Aber ich habe nun mal keine.

Ich fragte meine Freundinnen um Rat: Sollte ich mir vor dem Gespräch mit dem Chef eine gute Entschuldigung einfallen lassen? Pflegebedürftige Eltern? Akute Familienplanung? Sie ballten beim Diskutieren die Fäuste. Es sei mein Recht, ohne Angabe von Gründen meinen Wunsch zu äußern! "Gehe mit gutem Beispiel voran", forderten sie, "gerade in deiner konservativen Branche ist das wichtig." Mit neuem Mut wandte ich mich am nächsten Tag an mein Team. Die Gesichter wurden lang. "Das kannst du dir schenken – dein Boss wird dich in der Luft zerreißen", so der einhellige Tenor. Und dass ich drauf gefasst sein müsse, nie wieder für einen Karriereschritt in Erwägung gezogen zu werden. Interessant, wie sie ausschließlich aus Arbeitgebersicht dachten ("Wenn das jeder machen würde!"). Keiner reagierte auch nur im Ansatz so enthusiastisch wie meine Freundinnen. Obwohl ich klarstellte, dass ich nicht plante, Arbeit auf sie abzuwälzen, sondern auch auf Überstunden gefasst sei, die mir womöglich noch einen freien Tag pro Woche bescheren könnten.

Zum Chef ging ich trotzdem – und erlebte die erste positive Überraschung seit Langem: Er hatte Verständnis, war sogar erleichtert! "Ich dachte schon, Sie wollen kündigen, als ich den Termin in meinem Kalender sah. Sie wirkten in letzter Zeit so unzufrieden." Wir gaben uns die Hand, und ich verließ sein Büro mit einem breiten Lächeln. Leider hielt das nicht lange vor, denn meine Kollegen machen mir seitdem das Leben schwer. Aus Neid? Aus Frust? Wahrscheinlich. Kein Donnerstagabend, an dem ich das Büro verlasse, ohne ein Augenrollen im Rücken zu spüren. Demonstrative "Schönes langes Wochenende!" -Rufe und Getuschel in der Teeküche gehören zu meinem neuen Alltag.

Ich habe den Schritt trotzdem nicht bereut. Genauso wenig wie mein Chef. Denn mein Pensum schaffe ich nach wie vor, weil ich mit neuem Elan zur Arbeit gehe. Akten hin- und herschieben, auf die Uhr schielen und die Pause herbeisehnen. Damit verschwenden meine Kollegen wertvolle Zeit. Die ich jetzt auf dem Fahrrad verbringe, beim Italiener, mit inspirierenden Gesprächen. Ich glaube, der Schritt hat mich sogar zu einem besseren Arbeitnehmer gemacht. Und ich kann nur an jeden (besonders die Frauen) appellieren: Denkt nicht immer für eure Bosse mit! Damit tut ihr niemandem einen Gefallen.