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GRAZIA-Liebesexperiment: Verlieben in 36 Fragen

Von Stephanie am Donnerstag, 22. Januar 2015 um 10:00 Uhr
Vor 20 Jahren fand ein Wissenschaftsteam heraus, dass es nicht mehr braucht als ein Gespräch mit 36 (teils intimen) Fragen plus einem 4-minütigen Augenkontakt, um sich zu verlieben. Die New Yorker Uniprofessorin Mandy Len Catron hat das in einem Selbstversuch getestet – und ist jetzt in Love. Das können wir von GRAZIA auch! Und schon hatte unsere Redakteurin Stephanie das erste Blind Date ihres Lebens!

 

Als ich Sören am Sonntag im Regen die Hand schüttelte, kam mir sofort der Gedanke: Könnte ich mich tatsächlich in diesen Mann verlieben? Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen, ein Kollege hatte uns vermittelt. Mehr als seinen Namen kannte ich nicht. Ich wussten nur, dass ich mittendrin war im wohl verrücktesten Selbsttest, den ich je gemacht habe. Eine Autorin hatte in der New York Times geschrieben, wie sie sich in einen ihr kaum bekannten Mann verknallt hatte. Und das nur, weil sie sich gegenseitig vier Minuten in die Augen schauten nachdem sie 36 (teils intime) Fragen beantwortet hatten, die ein US-Professor vor 20 Jahren entwickelt hatte.
 
So stand ich also mit Sören vor einem Hamburger Café und schaute ihn musternd an. Nettes Lächeln, dachte ich. Und cooler Style. Doch um Äußeres soll es hier ja nicht gehen. Der Fragenkatalog ist so aufgebaut, dass man schon nach und nach einen kleinen Seelenstriptease hinlegen muss - und den anderen innerhalb kürzester Zeit richtig kennenlernt. Es fängt ganz harmlos an. „Wen würdest du gerne mal zum Essen einladen?“, „Wärst du gerne berühmt?“, „Was macht für dich einen perfekten Tag aus?“. Wir quatschen, lachten. Alles ganz harmlos, wie bei jedem anderen Date auch. Doch schon bei Frage elf „Erzähle deine Lebensgeschichte“ erfuhren wir viel mehr voneinander, als es ein erstes Kennenlernen sonst zulassen würde. Wir redeten über das Verhältnis zu unseren Eltern, wie wir unsere Kindheit erlebten und über unsere gescheiterten Beziehungen. Die vorgegebene vier Minuten für die Beantwortung der Frage überzogen wir beide. Es tat irgendwie gut mit ihm zu reden, ihm Dinge zu erzählen, die ich bei einem Fremden wohl nicht einfach so ausgeplaudert hätte. Irgendwas war da zwischen uns. Ich fühlte mich richtig wohl.
 
Auch, als im zweiten Teil die Fragen persönlicher wurden. „Was ist deine schrecklichste Erinnerung?“ „Was würdest du an deinem Leben ändern, wenn du in einem Jahr sterben müsstest? Natürlich habe ich mir die Fragen vorher durchgelesen, mir aber nichts für deren Beantwortung zurecht gelegt. Ich wollte das ganz spontan machen. Und so war es nicht verwunderlich, dass wir plötzlich bei ganz anderen Themen waren. Die Zeit schien zu fliegen. Ruck, zuck stand die Uhr auf 18.30 Uhr. Um 16 Uhr hatten wir uns getroffen. Einen Moment des Schweigens gab es kein einziges Mal, nur des bewussten Nachdenkens. Zum Beispiel auf die Frage „Nennt abwechselnd eine positive Eigentschaft eures Gegenübers“. „Extrovertiert“, beschrieb ich ihn. Und „selbstreflektiert“. „Erfrischend“, sagte er über mich und „stark und zerbrechlich zugleich“. Auf die Idee, uns mit irgendeiner körperlichen Eigenschaft zu beschreiben, kamen wir beide nicht. Es ging nur um unser Inneres. Und das macht dieses Experiment aus. Es ist nur wichtig, wie der andere wirklich tickt. Und damit hätte ich nie gerechnet. Wir sprachen noch bis 20 Uhr über unsere peinlichsten Momente und über die Person, deren Tod uns am meisten mitnehmen würde. Und holten uns sogar gegenseitig Ratschläge für ein Problem, das uns gerade beschäftigt. 
 
Und dann kam der Moment, vor dem ich am meisten Respekt hatte: wir sollten uns vier Minuten in die Augen schauen. 240 Sekunden. Ich stellte den Timer auf meinem iPhone. Und dann saßen wir uns gegenüber und starrten uns an. Ich lächelte, mir wurde heiß und kalt, ich fühlte mich total ausgeliefert, irgendwie fragil. Verlieben wir uns jetzt? Reicht ein Gespräch und dieser intensive Blick? Ich musste lachen, und natürlich konnte ich nicht still sein. Sören auch nicht. Unsicher stammelten wir irgendetwas vor uns hin, den Blick dabei aber immer auf den anderen gerichtet. Insgesamt schafften wir es wohl etwa eineinhalb Minuten wirklich still zu sein. Als der Alarm endlich klingelte, waren wir beide erleichtert. Haben wir uns jetzt verliebt, frage ich ihn? Nein, haben wir nicht. Doch wir mochten uns. Und haben uns sehr wohl miteinander gefühlt. Und ich musste abends schon noch an ihn denken. Dieser Mensch, weiß jetzt Dinge über mich, die ich anderen wahrscheinlich erst nach Jahren erzählt hätte. Was für ein schräges Experiment. So intensiv. Ob wir uns wiedersehen? Ja. Und wer weiß, vielleicht verlieben wir uns doch ineinander. Dann aber als Freunde – und nicht als Versuchskaninchen.

 

DAS SIND DIE 36 FRAGEN:

Teil 1:

1. Wenn Du unter allen Menschen auf der Welt wählen könntest, wen würdest du gerne zum Essen einladen?

2. Würdest Du gerne berühmt sein? In welchem Bereich?

3. Legst Du dir jemals die Worte zurecht, bevor Du jemanden anrufst? Warum?

4. Was macht für Dich einen „perfekten“ Tag aus?

5. Wann hast Du zum letzten Mal für dich selbst gesungen? Und wann für jemand anderen?

6. Wenn Du 90 Jahre alt werden könntest, was würdest du für die letzten 60 Jahre lieber haben: Den Körper oder den Geist eines 30-Jährigen?

7. Hast Du insgeheim eine Vermutung, wie Du sterben wirst?

8. Nenne drei Dinge, von denen Du glaubst, dass sie Dein Gegenüber und Du gemeinsam haben.

9. Wofür bist Du in Deinem Leben am meisten dankbar?

10. Wenn Du irgendetwas daran ändern könntest, wie Du erzogen wurdest, was wäre das?

11. Erzähle Deinem Gegenüber Deine Lebensgeschichte in vier Minuten, aber mit möglichst vielen Details.

12. Wenn Du morgen mit einer zusätzlichen Eigenschaft oder Fähigkeit aufwachen könntest, welche wäre das?

Teil 2:

13. Wenn Dir eine Zauberkugel die Wahrheit über Dich, Dein Leben, die Zukunft oder irgendetwas anderes offenbaren könnte, was würdest Du wissen wollen?

14. Gibt es etwas, von dem Du schon lange träumst, es zu tun? Warum hast du es noch nicht getan?

15. Was war bisher der größte Erfolg in Deinem Leben?

16. Was ist Dir bei einer Freundschaft am wichtigsten?

17. Was ist Deine liebste Erinnerung?

18. Was ist Deine schrecklichste Erinnerung?

19. Wenn Du wüsstest, dass Du in einem Jahr sterben wirst, würdest du irgendetwas an Deinem jetzigen Leben ändern? Warum?

20. Was bedeutet Freundschaft für dich?

21. Welche Rolle spielen Liebe und Zuneigung in Deinem Leben?

22. Nennt abwechselnd eine positive Charaktereigenschaft, von der ihr glaubt, dass sie euer Gegenüber besitzt. Wiederholt das fünf Mal.

23. Wie eng und herzlich sind die Beziehungen in Deiner Familie? Denkst Du, dass deine Kindheit glücklicher war, als die anderer Menschen?

24. Wie beurteilst Du die Beziehung zu Deiner Mutter?

Teil 3:

25. Denkt euch beide drei wahre „Wir“-Aussagen aus. Zum Beispiel: „Wir sind beide in diesem Raum und fühlen uns…“

26. Vervollständige Diesen Satz: „Ich wünschte, ich hätte jemanden, dem ich erzählen könnte…“

27. Wenn Du mit Deinem Gegenüber eine enge Freundschaft schließen würdest, was müsste er oder sie dann unbedingt von Dir wissen?

28. Sage deinem Gegenüber, was Du an ihm oder ihr magst; sei dabei ehrlich und sage Dinge, die du normalerweise einer Person, die Du gerade erst kennengelernt hast, nicht sagen würdest.

29. Teile mit Deinem Gegenüber einen peinlichen Moment in Deinem Leben.

30. Wann hast Du zum letzten Mal in Gegenwart einer anderen Person geweint? Und wann für dich alleine?

31. Nenne eine Sache, die Du bereits jetzt an deinem Gegenüber magst.

32. Worüber macht man keine Witze, sofern es so etwas gibt?

33. Wenn du heute Abend sterben würdest, ohne die Möglichkeit mit jemandem zu sprechen, was würdest du bereuen, jemandem nicht gesagt zu haben? Warum hast Du es noch nicht gesagt?

34. Dein Haus mit all Deinem Besitz fängt an zu brennen. Nachdem Du deine Liebsten und Deine Haustiere gerettet hast, kannst du ein letztes Mal ins Feuer laufen und einen Gegenstand retten. Welcher wäre das? Warum?

35. Der Tod welches Familienmitglieds würde dich am meisten mitnehmen? Warum?

36. Berichte von einem persönlichen Problem und frage Dein Gegenüber nach Rat, wie er oder sie die Sache handhaben würde. Bitte Dein Gegenüber außerdem, zu beurteilen, wie Du selbst vermutlich über das ausgewählte Problem denkst.

Bild: Golpira

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