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Jamie Cullum: "Wenn die Kids in der Schule sind, mache ich Musik"

Von GRAZIA am Donnerstag, 5. März 2020 um 08:59 Uhr

Juhu, er ist zurück on Stage! Sozusagen als Tour-Auftakt spielte Jazzpopstar Jamie Cullum bei der United Hearts Gala in Berlin. Gute Gelegenheit für ein Gespräch über Musik, Familienalltag und verlorene Schuhe.

Text: Johanna Reichert

Die Zeitungen haben ihn zu Beginn seiner Karriere als "Wunderkind des Jazz" gefeiert. 17 Jahre ist das her. Und Jamie Cullum, so scheint es, hat sich kaum verändert. Dieselben Strubbelhaare, das gleiche freche jungenhafte Grinsen, auch die Songs auf seinem siebten Studioalbum sind wieder mal eine Wucht. Und vielleicht sogar eine Spur leidenschaftlicher, denn der Vater von zwei Töchtern im Grundschulalter ist mit Leib und Seele Daddy, wie er uns beim Interview im Berliner Hotel "Titanic" erzählt, so unbefangen, als hätte man sich auf ein Ale im Pub getroffen.

In deinem aktuellen Album "Taller" geht es hauptsächlich darum, dass du dazugelernt hast. Was war die wichtigste Lektion?

Dass es meistens nicht so läuft, wie man es erwartet oder geplant hat. Das Leben macht eben sein eigenes Ding. Wenn man das irgendwann akzeptiert hat, ist es sogar ziemlich befreiend. Am Anfang ist der Gedanken allerdings beängstigend.

Du hast in den vergangenen Jahren mehr Energie in deine Familie als in die Musik gesteckt. Wahrscheinlich hättest du früher auch nie gedacht, dass du dich mal aus dem Musikzirkus zurückziehst, oder?

Ich war ja nie weg, ich habe immer gearbeitet, nur plane ich meine Auftritte und Engagements heute so, dass genug Zeit bleibt, um ein ordentlicher Ehemann und Vater zu sein. Allerdings müssten Sie meine Frau fragen, ob mir das auch gelingt. Die Balance zwischen Beruf und Familie zu finden ist immer kompliziert, egal in welchem Job.

Was genau ist heute anders als vor 20 Jahren, wenn du auf Tour gehst?

Als ich mit 24 auf Tour war, bin ich für zwei Jahre nicht nach Hause gekommen. Heute habe ich Wurzeln geschlagen und trage Verantwortung für andere, was ich sehr ernst nehme. Ich komme regelmäßig nach Hause, es wurden extra Pausen zwischen den Shows eingeplant.

Vermisst du das wilde Popstarleben manchmal?

Gar nicht. Ich hatte diese Zeit, und jetzt ist es gut. Das Leben verläuft in Phasen, und ich liebe mein Leben, wie ich es jetzt führe. Als Elternteil kann ich natürlich nicht mehr spontan in ein Flugzeug springen und nach Bali fliegen – aber das habe ich ja als Single auch nicht die ganze Zeit gemacht.

©  Franziska Krug/ Getty Images

Was tust du, wenn du deine Familie auf Tour vermisst?

FaceTime ist eine tolle Erfindung. Und ich weiß ja immer, dass ich meine Familie in ein paar Nächten wiedersehe.

Viele Mütter und Väter beneiden dich bestimmt auch, um die Tage ohne Kids …

Sich von morgens bis abends auch noch um jemand anderen kümmern zu müssen, kann schon heftig sein. Natürlich genieße ich es deshalb auch mal, dass ich niemandem Socken anziehen und keine Schuhe suchen muss. Allerdings fühle ich mich gleichzeitig schuldig. Ich weiß ja, dass das dann jemand anderes übernehmen muss. Das ist auch nicht fair.

Wo findest du zu Hause im Familienchaos Raum, um kreativ zu sein?

Ich denke, man kann die Gedanken immer und überall befeuern, man muss nur dafür offen sein. Manchmal bringe ich die Kinder zur Schule, gehe dann ins Studio und mache um 15 Uhr Schluss, um sie wieder abzuholen. In dieser Zeit schaffe ich viel.

Was hast du dir – trotz aller Unplanbarkeit – für die Zukunft vorgenommen?

Ich plane heute definitiv ein Mittagsschläfchen, weil ich wenig Schlaf bekomme. Darüber hinaus will ich eine tolle Tour hinlegen. Es wirkt so, als würde man nur die eineinhalb Stunden am Tag auf der Bühne arbeiten, aber es steckt viel mehr dahinter. Ich bin ein richtiger Streber, wenn es darum geht, dass die Stimme perfekt funktioniert und die Gigs auf einem Top-Niveau sind.