
Gewalt in Beziehungen beginnt selten mit einem lauten Moment. Meist schleicht sie sich leise ein, verborgen hinter Gesten, die sich anfangs sogar fürsorglich anfühlen. Genau dafür möchte YSL Beauty den Blick schärfen – nicht mit einer einmaligen Aktion, sondern mit einem Programm, das bereits seit 2020 läuft. Unter dem deutschen Namen “Liebe ohne Gewalt” wurden nach Angaben der Marke seither 1,7 Millionen Menschen darin geschult, Warnzeichen zu erkennen, vor allem junge Menschen zwischen 16 und 24 Jahren – an diejenigen, deren Vorstellungen von Liebe gerade erst entstehen und bei denen Aufklärung am meisten bewirken kann.
In Deutschland arbeitet YSL Beauty dafür mit dem Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) zusammen. Zum Programm gehören auch eigene Studien und Kampagnen wie der Film “Don't Call It Love”, der 2025 die verklärte Romantik klassischer Parfümspots behutsam ins Wanken brachte.
Wann wird aus Fürsorge Kontrolle?
Der neueste Bericht, den die Psychotherapeutin Dr. Nina Jane Patel Ende September vorgelegt hat, widmet sich einer Frage, die wir uns im Alltag kaum noch stellen: Wann wird aus Fürsorge Kontrolle? Den eigenen Standort zu teilen, Passwörter preiszugeben, immer erreichbar zu sein – all das kann aus Vertrauen geschehen, aber eben auch aus Druck. Dem Bericht zufolge hat digitale Gewalt in Beziehungen weltweit um 62 Prozent zugenommen, und mit KI-generierten Deepfakes kommen neue, besonders verletzende Formen der Bloßstellung hinzu. Viele Betroffene spüren, dass etwas nicht stimmt, finden aber keine Worte dafür. Und so wird Kontrolle zu Eifersucht, Eifersucht zu Leidenschaft und Leidenschaft zum vermeintlichen Beweis großer Liebe.
Die neun Warnsignale im digitalen Alltag
Genau hier setzt YSL Beauty an. Weil sich Gewalt in Beziehungen heute oft im Unsichtbaren abspielt – im Chatverlauf, in Apps, auf Social Media –, hat die Marke die neun Warnsignale ihres Programms neu gedacht und auf die digitale Welt übertragen. Junge Menschen sollen so eine Sprache für das finden, was sie auf ihren Bildschirmen erleben, und Beziehungen leichter einordnen können, bevor etwas eskaliert.
Ignoranz: Nachrichten werden demonstrativ ignoriert oder Benachrichtigungen abgeschaltet – Schweigen als Strafe.
Erpressung: Es wird gedroht, private Screenshots, Fotos oder KI-generierte Deepfakes zu verbreiten, um Gehorsam zu erzwingen.
Demütigung: Peinliche Inhalte landen öffentlich auf Social Media, oder der Partner bzw. die Partnerin wird dort bloßgestellt und bewertet.
Manipulation: Schuldgefühle werden gezielt eingesetzt, etwa mit Sätzen wie „Wenn du mich wirklich lieben würdest, gäbst du mir dein Passwort“.
Eifersucht: Likes, neue Follows oder Stories werden zum Anlass für regelrechte Verhöre.
Kontrolle: Es wird vorgeschrieben, wem man folgen darf, wen man blockieren soll oder was man posten darf.
Eingriff in die Privatsphäre: Passwörter werden eingefordert, Direktnachrichten durchsucht, der Standort in Echtzeit verfolgt.
Isolation: Social-Media-Konten sollen gelöscht, Freundinnen blockiert oder Gruppenchats verlassen werden.
Einschüchterung: Ein Strom fordernder Nachrichten reißt nicht ab, und Lesebestätigungen werden genutzt, um jede verspätete Antwort zu bestrafen.
Wie wichtig dieser genaue Blick ist, zeigen auch die Zahlen. Laut WHO erlebt weltweit jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens Gewalt durch einen Partner. In Deutschland registrierte das Bundeskriminalamt 2024 so viele Opfer häuslicher Gewalt wie nie zuvor: 171.069 Menschen erlebten Gewalt in der eigenen Partnerschaft, rund 80 Prozent von ihnen Frauen. Und das sind nur die Fälle, die bei der Polizei angekommen sind – dahinter stehen unzählige Geschichten, die nie erzählt werden.
Partnerschaftsgewalt geht uns alle an
Natürlich darf man fragen, ob eine Beautymarke der richtige Absender für ein so ernstes Thema ist: Messen lassen muss sich ein solches Engagement daran, ob es langfristig angelegt ist und ob Geld und Expertise wirklich bei den Organisationen ankommen, die Betroffenen helfen. Zugleich erreicht eine große Marke Menschen dort, wo niemand mit diesem Thema rechnet. Vielleicht genau in dem Moment, in dem jemand beim abendlichen Scrollen innehält und sich plötzlich wiedererkennt.
Was die Kampagne dabei überzeugend macht, ist ihr leiser Ansatz. Sie zeigt die unscheinbaren Anfänge, die so viele von uns aus dem eigenen Leben kennen, und gibt ihnen einen Namen. Am Ende gilt die Botschaft aber unabhängig davon, wer sie ausspricht: Partnerschaftsgewalt ist kein privates Problem, sie geht uns alle an. Hinzusehen, behutsam nachzufragen und einfach da zu sein, kann für eine Freundin den entscheidenden Unterschied machen. Denn Kontrolle ist keine Fürsorge – und Gewalt ist niemals Liebe.
