Von festgefahrenen Rollenbildern bis zum Mut zur eigenen Identität: Riccardo Simonetti verrät uns im Interview, warum tradierte Gender-Normen längst ausgedient haben.
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Wir haben Riccardo Simonetti anlässlich seines neuen Buches zum exklusiven Interview getroffen.
Ob veraltete Geschlechterrollen, der Boom der Manosphere oder gesellschaftlicher Erwartungsdruck: Das Bild davon, wie ein Mann zu sein hat, befindet sich in einer Krise. Mit seinem inzwischen fünften Buch “Wann ist ein Mann ein Mann?!” knüpft Moderator, Autor und Aktivist Riccardo Simonetti an den Erfolg seines Spiegel-Bestsellers “Mama, ich bin schwul” an und stellt genau diese festgefahrenen Ideale auf den Prüfstand. Im GRAZIA-Interview spricht der Autor gewohnt ehrlich über schmerzhafte Prägungen, gesellschaftliche Zwänge und die Hoffnung auf eine neue Generation von Männern, die Empathie über Statussymbole stellt.
Grazia: Wann hast du zum ersten Mal gespürt, dass du nicht in das Bild von Männlichkeit passt, das dir vorgelebt wurde?
Riccardo Simonetti: Ich denke, das war schon als Kind, als ich lieber mit Barbie-Puppen spielen wollte und sich andere Erwachsene daran gestört haben. Den anderen Kindern war es lustigerweise meistens egal.
War das ein schmerzhafter oder eher befreiender Moment?
Früher fand ich es schwierig, nicht der Mann zu sein, den die Gesellschaft und auch meine Familie offenbar erwartet hatte. Ich war kein fußballliebender Junge wie alle meine Cousins. Heute empfinde ich die Tatsache, dass ich gar nicht erst diesem Idealbild gerecht werden muss, als großes Geschenk. Das wünsche ich allen!
Du hast mit “Mama, ich bin schwul” über dein Coming-out geschrieben. Was hat dich dazu gebracht, jetzt einen Schritt weiterzugehen und Männlichkeit als Ganzes zu hinterfragen?
Nach meinem Auftritt in der Sesamstraße hat es so viel Kritik daran gegeben, dass ich eben nicht dem typischen Männlichkeitsbild entspreche, und ich wollte mit “Wann ist ein Mann ein Mann?!” die Gesellschaft daran erinnern, dass Gender-Normen schon immer im Wandel waren und das, was wir heute als gesetzt ansehen, morgen wieder ganz anders aussehen kann.
Gibt es einen Satz oder eine Szene aus deiner Kindheit, die dir beim Schreiben des Buches wieder eingefallen ist und die du bis heute nicht ganz abgeschüttelt hast?
Mir ist beim Schreiben aufgefallen, wie sehr dieses Unterteilen in männlich und weiblich noch in mir drin ist, weil ich eben so erzogen wurde. Aber irgendwann wird man erwachsen und kann nicht mehr allem anderen die Schuld daran geben, dass man ist, wie man ist, und muss anfangen, sich selbst und sein Mindset zu hinterfragen.
Wenn du “Wann ist ein Mann ein Mann?” in einem Satz beantworten müsstest – wie würde er lauten?
Dieses Buch ist nicht nur an Männer gerichtet, sondern an alle Menschen, die schon unter toxischer Männlichkeit gelitten haben – und dazu zählen Frauen und nichtbinäre Menschen ja wohl an erster Stelle!
Was unterscheidet für dich ein gesundes Männlichkeitsideal von einem toxischen – gibt es da überhaupt eine klare Grenze?
Ich habe überhaupt kein Problem mit traditionell gelebter Männlichkeit – ich glaube, toxisch wird es dann, wenn man sich selbst und anderen mit seiner Vorstellung von Männlichkeit schadet.
Gibt es etwas an klassischen Männlichkeitsbildern, das du bewahrenswert findest – oder ist für dich alles neu zu verhandeln?
Ich finde klassische Männerbilder genauso attraktiv wie viele andere Menschen. Werte wie Stärke, Mut oder Beschützen – die man oft mit Männern verbindet – habe ich jedoch alle von Frauen gelernt. Meine Mama war alleinerziehend und deshalb habe ich gesehen, dass es nichts mit deinem Geschlecht zu tun hat und du alles schaffen kannst, egal, was die Gesellschaft vorgibt.
Was macht die Manosphere gerade für junge Männer so anziehend?
Alle wollen einen tollen Platz in der Gesellschaft bekommen, und wenn du keine Vorbilder hast, die das Leben haben, das du gerne hättest, ist es natürlich leichtes Spiel für Männer, die daraus Profit schlagen, Jungs eine Art Rezept zu verkaufen, wie sie an dieses Leben kommen. In der Regel profitiert hier aber nur derjenige, der die Illusion erschafft, und nicht derjenige, der sich nach Erfolg sehnt.
Tradwife-Content boomt bei jungen Frauen auf Social Media. Was sagt dieser Trend über das Gegenstück – also darüber, was Männer heute suchen oder vermissen?
Das alles spielt eine große Rolle in meinem Buch. Tradwives sind ähnlich wie die Männer in der Manosphere-Bubble – Influencerinnen, die vorgeben, ein konservatives Leben zu führen, in dem sie sich ihrem Mann unterordnen, und sie versuchen, einer ganzen Generation von Frauen dieses Bild zu verkaufen. Selbst sind sie jedoch diejenigen, die damit Geld verdienen und zu Hause absolut unabhängig sind – ihre Followerinnen sind es, die ihre Freiheit einschränken sollen.
Wie erklärst du dir, dass gerade in einer Zeit, in der Geschlechterrollen so offen diskutiert werden, gleichzeitig ein Rollback auf ultrakonservative Rollenbilder stattfindet?
Vieles läuft im aktuellen Weltgeschehen schief. Das sorgt dafür, dass man sich nach einer Zeit sehnt, in der alles scheinbar einfacher und besser war, in der jeder seinen Platz hatte. Wenn man aber genau hinschaut, sieht man, dass auch damals nicht alles so war, wie es schien.
Du hast für das Buch mit anderen prominenten Männern gesprochen. Gab es eine Antwort, die dich richtig überrascht hat, weil du sie nicht erwartet hättest?
Ich fand die Antworten von Olivia Jones und Guido Maria Kretschmer sehr spannend. Gleichzeitig fand ich es interessant zu sehen, wie sehr sie sich zum Beispiel von den Erfahrungen eines trans* Mannes unterschieden. Alle sind mit den Floskeln aufgewachsen, wie ein richtiger Mann zu sein hat, aber keiner hat eine Antwort darauf, wann ein Mann ein Mann ist.
Welche Art von Männlichkeit fehlt dir noch in der öffentlichen Debatte?
Ich würde mir wünschen, dass Männer sich von dem gesellschaftlichen Käfig lösen, den sie sich oft selbst bauen. Dein Status als Mann wird nicht darüber definiert, was die Gesellschaft vorgibt. Wenn du Entscheidungen triffst, unabhängig davon, was die Gesellschaft von dir erwartet, und du dein eigenes Glück mehr liebst als das Ansehen anderer, lernst du echtes Glücklichsein erst so richtig kennen.
Wie stellst du dir Männlichkeit in 20 Jahren vor, wenn die Generation, die heute in der Manosphere aufwächst, selbst Väter ist?
Ich denke, es wird sehr viele Extreme geben. Auf der einen Seite entsteht sehr viel Progress, auf der anderen Seite sieht man viel Gefahr. Am Ende hoffe ich, dass die neue Generation von Vätern Liebe und Empathie priorisiert und ihre Söhne zu Männern erzieht, die auch ohne performative Maskulinität selbstbewusst durchs Leben gehen werden.