Lifestyle

Wenn Wohnen in der Großstadt zum Luxus wird:
 Von der Land- zur Stadtflucht

Von GRAZIA am Donnerstag, 23. Januar 2020 um 15:17 Uhr

Die Mieten in Deutschlands Großstädten steigen unaufhörlich. Wer hipp und trendy leben möchte, kehrt der Provinz am liebsten schon in jungen Jahren den Rücken und zieht nach Berlin, München, Köln und Co. Deutsche Städte sind hipp, weltbekannt und versprechen ein Leben voller Abenteuer. Doch sie haben einen bitteren Beigeschmack, denn aufgrund der steigenden Mieten wird das Leben dort zusehends zum Luxus. Kommt nach der Land- nun endlich die Stadtflucht?

Ohne Zweifel: Es gibt viele Gründe, um in der Stadt zu leben. Es ist immer etwas los, Geschäfte, Restaurants und Freizeiteinrichtungen lassen sich auch ohne Auto bequem erreichen und der Job ist meist nicht weit. Die deutschen Großstädte sind heute zweifelsohne Städte von Weltformat und nicht nur für die Bundesbürger selbst, sondern auch für viele Ausländer ausgesprochen reizvoll. Gerade die jungen Menschen, die nach der Schulausbildung voller Abenteuerlust ihren eigenen Weg suchen, zieht es gern in Großstädte. Die Ausbildungs- und anschließenden Jobchancen sind gut und unter Millionen von Menschen lassen sich rasch neue Freunde finden. 

Doch der Weg in die Großstädte ist vor allem eins: teuer. Da sich immer mehr Menschen in den letzten Jahren dazu entschieden haben, dem Landleben den Rücken zu kehren und ihr Glück in der Stadt zu suchen, gilt Wohnraum gerade hier als knapp. Was gefragt ist, wird mit der Zeit teurer. Der städtische Immobilienmarkt bildet hier keine Ausnahme. Schon immer war das Wohnen in der Stadt deutlich kostenintensiver als auf dem Land, doch es blieb für viele bezahlbar. Mittlerweile gilt das Leben in der Großstadt als Luxus. Die Mieten erreichen immer wieder ein neues Rekordniveau. Häufig stehen die Wohnkosten in keiner Relation mehr zu den Einkommen, die die Menschen haben. Dazu kommt, dass die Wohnräume oft knapp bemessen sind. 

Viele alteingesessene Stadtmenschen mussten sich der Preisentwicklung beugen und ihre Wohnungen verlassen. Nicht immer tragen dazu nur Mietsteigerungen bei. Auch Kündigungen wegen Eigenbedarf sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. Für die Betroffenen gibt es oft nur eine Lösung: die Flucht aufs Land. 

Immer mehr Menschen kehren der Großstadt den Rücken

Zwar fällt denen, die jahrzehntelang in den Großstädten gelebt haben, der Sprung von der Metropole aufs Land schwer, doch die Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind eindeutig. Erstmals ziehen mehr Bundesbürger aus den großen Metropolen aufs Land wie umgekehrt. Neu ist die Entwicklung nicht, denn schon 2014 hat das DIW, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, eine entsprechende Entwicklung betont. Gerade für die Großstädter, die sich das Leben in der Metropole nicht mehr leisten können, bleibt die Flucht aufs Land eine tolle Alternative. 

Zwar gilt die Stadt der Zukunft auch weiterhin als die weitaus modernere Wahl und hat für ihre Einwohner allerhand Vorzüge zu bieten, doch nicht jeder hat hierfür auch das nötige Einkommen. Längst ist um die wenigen freien Wohnungen, die es in den Städten gibt, ein regelrechter Kampf entbrannt. Oft bleiben Anfragen von Wohnungssuchenden unbeantwortet, weil sie beispielsweise aufgrund ihrer Einkommenssituation den Vorstellungen von Maklern und Vermietern nicht gerecht werden. Gerade Selbständige und Freischaffende, die kein festes monatliches Gehalt haben, haben es schwer – viel zu groß ist die Auswahl an Interessenten, die Vermieter haben. 

Stadtleben hat auch seine negativen Seiten

Doch nicht nur die Mieten in den Städten treiben immer mehr Menschen aufs Land. Das Leben in der Stadt hat viele Vorzüge. Vollkommen unkompliziert lassen sich Kino- und Theaterbesuche planen. Ein gutes Restaurant ist im Grunde immer griffbereit. Doch das Stadtleben hat in den letzten Jahren dramatisch an Tempo zugelegt. Mit dem Zuzug der vergangenen Jahrzehnte nahm auch der Verkehr deutlich zu. Immer mehr Unternehmen haben sich auch in den zentralen Lagen angesiedelt. All das sorgt dafür, dass die Städte immer lauter werden. Das Stresslevel für die Menschen, die dort leben, ist hoch, zumal der Lärm oftmals auch in den Abend- und Nachtstunden deutlich über dem Pegel liegt, der einst in den Städten herrschte. 

Auch das macht das Wohnen in der Stadt nicht unbedingt attraktiv. Das Land bietet hier deutliche Vorteile. Es hält nicht nur günstigeren Wohnraum, sondern auch deutlich mehr Platz bereit. Zudem ist die Auswahl auf dem Immobilienmarkt deutlich größer. So finden sich nicht nur kleine, gemütliche Wohnungen, sondern auch ganze Häuser mit großzügigen Grundstücken. 

Familien flüchten aus der Stadt aufs Land 

Die Stadtflucht zieht sich dabei durch alle Bevölkerungsschichten und zeigt sich bei weitem nicht nur bei älteren Erwachsenen. Auch viele Familien nehmen den Umzug noch einmal auf sich und kehren den Städten den Rücken. Sicherlich bietet die Stadt für Familien viele Vorzüge. So befinden sich meist mehrere Schulen in nächster Nähe und auch der Weg in die Kindertagesstätten ist nicht weit. Dazu kommen allerhand Freizeiteinrichtungen und Vereine, in denen schon Jugendliche an das hippe Cityleben herangeführt werden. 

Auf dem Land haben die Familien mehr Platz. Doch gerade hier zeigt sich eins: Das Leben auf dem Land muss nicht unbedingt billiger sein. Gerade wer dann für den Job vom Land in die Stadt pendelt, hat mit höheren Fahrkosten zu kämpfen. Zudem müssen auf dem Land die Betreuungskosten für den Nachwuchs meist zu einem beachtlichen Teil selbst getragen werden. Hier sind die Metropolen einen Schritt weiter und entlasten die Eltern. Eine Entscheidung nur aufgrund der Kosten kann der Umzug von der Stadt aufs Land also nicht sein.

Die Stadt bleibt in der Nähe

Wer einmal den schnellen Pulsschlag und den hippen Lifestyle der Stadt schätzen gelernt hat, kann sich übrigens nur schwer davon trennen. Auch das zeigen Umfragen immer wieder. Viele, die von der Großstadt aufs Land ziehen, haben zumindest in den ersten Monaten Sehnsucht nach dem urbanen Lifestyle und wünschen sich die Nähe zu schicken Cafés, coolen Clubs und die Unbeschwertheit zurück. Nicht zuletzt deswegen entscheiden sich viele dazu, die Stadt zumindest noch in der Hinterhand als Lösung zu wissen. So zieht es viele erst einmal in das Umland. Die Städte selbst sind dann oft in einer Stunde problemlos erreichbar. Doch der Weg aufs Land, wenn auch die Stadt nicht weit entfernt ist, ist für viele Menschen eine Herausforderung. Allzu oft macht den eingefleischten Stadtmenschen die Stille zu schaffen. 

Viele kehren zurück

Es ist daher auch nicht unüblich, dass viele, die von der Stadt aufs Land gezogen sind, ein weiteres Mal ihre Koffer packen, um zurückzuziehen. So zeigt der Alltag in der Stadt das pure Leben – gerade für Familien. Freunde zum Spielen sind oft nicht weit. Auch Trendsetter und diejenigen, die gern mit einem Auge in die internationalen Metropolen schielen, kommen hier auf ihre Kosten. So scheinen neue Trends in den Städten einfach schneller anzukommen.

Damit nicht genug: Die Städte selbst tun mittlerweile einiges dafür, dass das Leben in ihnen wieder lebenswerter, bunter und auch ruhiger wird. So setzen viele Großstädte auf großzügige Grünflächen, in denen sich die Einwohner erholen können und auch im trubeligen Metropolenalltag Momente zum Durchatmen finden. 

Die Städte der Zukunft sollen ruhiger, grüner, umweltfreundlicher, aber eben auch lebenswerter werden. Nicht zuletzt werden sie aber weiter zu den Vorreitern im Land gehören und nicht zuletzt vielen Menschen mit innovativen Unternehmen vor allem eine wichtige Lebens- und Arbeitsgrundlage bieten. Das Urban Gardening ist zudem ein weiterer Trend, der in den deutschen Großstädten angekommen ist, hier aber oftmals noch in den Kinderschuhen steckt. Dabei bietet gerade er für die Zukunft der Städte eine beinahe beispiellose Vielfalt an neuen Möglichkeiten. Immerhin haben Studien und Umfragen gezeigt, dass sich auch die Einwohner in den Großstädten einen deutlichen Zuwachs bei den Grünflächen wünschen.