Zweimal Brustkrebs: Diese Sätze haben mir wehgetan – und diese hätten mir geholfen

"Es sind doch nur Haare" oder "Jetzt bist du ja wieder gesund." Zweimal hatte unsere Redaktionsleiterin Brustkrebs – und zweimal hat sie Sätze gehört, die liebevoll gemeint waren und trotzdem wehgetan haben. Zum Brustkrebsmonat erzählt sie, warum, und was Angehörige und Freunde stattdessen sagen können.

Zweimal Brustkrebs: Diese Sätze haben mir wehgetan – und diese hätten mir geholfen© iStock
Wenn eine Frau die Diagnose Brustkrebs bekommt, bekommt sie ihr ganzes Umfeld mit.

Oktober ist Brustkrebsmonat. Überall sehe ich jetzt rosa Schleifen, Spendenaktionen und Aufrufe zur Vorsorge. Es ist ein Monat, der so wichtig ist – das weiß ich besser als viele andere. Denn für mich ist der Oktober mehr als eine Kampagne. Er ist eine Erinnerung – an zwei Diagnosen, an lange Stunden in Wartezimmern, an Nächte, in denen ich wach lag und nicht wusste, wie es weitergeht.

Zweimal habe ich den Satz gehört, der einem den Boden unter den Füßen wegzieht: “Sie haben Brustkrebs.” Ich habe hier auf grazia-magazin.de immer wieder darüber geschrieben, über die Angst, die Therapien und darüber, wie man irgendwie weitermacht. Und heute möchte ich von etwas erzählen, das in diesen Geschichten oft untergeht: von den Menschen an meiner Seite und von dem, was sie zu mir gesagt haben.

Sie haben mich getragen, so gut sie konnten, und dafür bin ich ihnen unendlich dankbar. Sie haben nach Worten gesucht, wo es eigentlich keine gibt. Manchmal haben sie dabei aber Sätze gefunden, die mich trotzdem getroffen haben – nicht, weil sie mich verletzen wollten, sondern weil niemand von uns gelernt hat, wie man über so etwas spricht. Ich erzähle davon nicht, um jemandem einen Vorwurf zu machen. Ich erzähle davon, weil ich glaube, dass wir alle ein bisschen besser darin werden können, füreinander da zu sein.

Krebs trifft nie nur einen Menschen

Wenn eine Frau die Diagnose Brustkrebs bekommt, bekommt sie ihr ganzes Umfeld mit. Der Partner, die Eltern, die Kinder, die beste Freundin, die Kollegin – sie alle stehen plötzlich vor einem Abgrund, mit dem sie nicht gerechnet haben. Auch ich habe in den Gesichtern meiner Liebsten dieselbe Angst gesehen, die ich selbst gespürt habe.

Denn Angehörige leiden oft genauso. Nur leiser. Sie trauen sich nicht, schwach zu sein, weil ja die andere krank ist. Sie liegen nachts wach, googeln Prognosen und lächeln am nächsten Morgen tapfer. Doch sie sind oft überfordert. Niemand bringt uns bei, was man sagt, wenn ein geliebter Mensch Krebs hat. Also greifen wir zu den Sätzen, die wir kennen: trösten, aufmuntern, kleinreden, Mut machen. Dahinter steckt fast immer der Wunsch, das Richtige zu tun – und die Hilflosigkeit, es nicht zu wissen.

Das verstehe ich heute besser als damals. Und trotzdem möchte ich erzählen, welche Sätze mich unter Druck gesetzt und verletzt haben oder mir das Gefühl gaben, allein zu sein. Nicht, um jemandem ein schlechtes Gewissen zu machen, sondern weil ich glaube, dass es fast immer einen besseren Satz gibt.

Diese Sätze möchte ich nicht mehr hören – und was mir stattdessen geholfen hätte

“Es sind doch nur Haare.”

Ja, Haare wachsen nach. Das wusste ich auch. Aber als sie mir büschelweise in der Hand lagen, habe ich nicht nur Haare verloren. Ich habe mein Spiegelbild verloren, meine Unsichtbarkeit, das Gefühl, eine ganze Frau zu sein. Ohne Haare trägt man die Krankheit im Gesicht – für alle sichtbar. Der Satz sollte trösten, mir hat er aber vor allem gesagt: Deine Trauer ist übertrieben.

Was ich stattdessen gerne gehört hätte: “Das muss sich schrecklich anfühlen. Möchtest du darüber reden – oder sollen wir zusammen ein schönes Tuch aussuchen?”

“Sei froh, dass du alles überstanden hast.”

Ich war froh. Wirklich. Aber ich war auch erschöpft, verängstigt, wütend und traurig. Dieser Satz hat mir das Gefühl gegeben, dass für all das kein Platz mehr ist. Als dürfte ich mich nicht beklagen, weil ich ja Glück gehabt hatte. Aber: Dankbarkeit und Schmerz schließen sich nicht aus. Sie gehen oftmals Hand in Hand, ob wir wollen oder nicht.

Was ich stattdessen gerne gehört hätte: “Du hast so unglaublich viel durchgemacht. Wie geht es dir heute wirklich?”

“Jetzt ist ja alles wieder gut und du bist gesund.”

Vielleicht der Satz, der mich am meisten unter Druck gesetzt hat. Denn es war nicht gut - und das ist es heute, rund eineinhalb Jahre nach meiner zweiten Brustkrebs-Diagnose, noch immer nicht. Zumindest nicht so, wie alle es sich wünschten. Die Therapie ist vorbei, aber mein Körper, meine Kraft und mein Vertrauen ins Leben sind noch lange nicht zurück. Dieser Satz hat mir das Gefühl gegeben, funktionieren zu müssen. Als hätte ich jetzt die Pflicht, wieder die Alte zu sein.

Was ich stattdessen gerne gehört hätte: “Die Behandlung ist vorbei – aber ich weiß, dass das nicht heißt, dass alles vorbei ist. Ich bin weiter für dich da.”

“Du bist so stark, du schaffst das.”

Das klingt nach Bewunderung, für mich klang es nach Erwartung. Denn wer als stark gilt, darf nicht zusammenbrechen, so mein Gedanke. Also habe ich oft gelächelt, wenn mir zum Heulen war – um niemanden zu enttäuschen. Und das hat noch mehr Kraft gekostet – ein Teufelskreis.

Was ich stattdessen gerne gehört hätte: “Du musst nicht stark sein. Bei mir darfst du auch schwach sein.”

“Du musst jetzt positiv denken!”

Ich weiß, wie es gemeint ist. Aber hinter diesem Satz steckt ein gefährlicher Gedanke: dass die Einstellung über den Verlauf entscheidet. Zugegeben, ein positives Mindset hilft enorm und dass mein Glas meistens halbvoll ist, hat mich an vielen Stellen gut durch die Therapie getragen. Aber genauso gab es Tage, an denen gar nichts gut war, an denen ich gelitten und mich selbst bemitleidet habe. Tage, an denen sich alles furchtbar schwer anfühlte. Und wenn ich dann diesen Satz hörte, war plötzlich jede Angst und jeder schlechte Tag ein persönliches Versagen. Ganz wichtig: Krebs ist keine Frage der Haltung.

Was ich stattdessen gerne gehört hätte: “Du darfst Angst haben. Ich halte das mit dir aus.”

“Meine Oma hatte das auch …”

Meistens folgte eine Geschichte. Manchmal mit gutem Ausgang, erstaunlich oft mit schlechtem. Ich wollte in diesen Momenten nicht die Geschichte einer fremden Frau hören. Ich wollte, dass jemand meine hört.

Was ich stattdessen gerne gehört hätte: “Erzähl mir, wie es bei dir ist.”

“Melde dich, wenn du was brauchst.”

Ein lieber Satz, den ich selbst schon oft gesagt habe. Aber wenn man krank und erschöpft ist, ruft man nicht an. Man will niemandem zur Last fallen. In meinem Fall aus Angst, den Menschen zu verlieren, weil man zu viele Umstände macht, zum anderen, weil man so unbedingt an seinem alten “Normal” festhalten möchte, obwohl man nicht mehr kann. Hinzu kommt, dass man oft selbst nicht weiß, was man braucht.

Was ich stattdessen gerne gehört hätte: Ein konkretes Angebot. “Ich bringe dir am Donnerstag Suppe vorbei, passt dir das?” Oder: “Ich fahre dich zur nächsten Untersuchung, wann soll ich da sein?”

“Du siehst gar nicht krank aus!”

Als Kompliment gemeint, ich weiß. Aber für mich hieß es oft: Dann kann es ja nicht so schlimm sein. Die Erschöpfung oder die Angst vor dem nächsten Befund hat man mir selten angesehen, aber sie waren da.

Was ich stattdessen gerne gehört hätte: “Schön, dich zu sehen. Wie fühlst du dich?”

“Woher kommt das denn? Hast du ungesund gelebt?”

Manchmal direkt, manchmal versteckt in Fragen nach Ernährung, Stress oder Alkohol. Und ich bin mir sicher, dass hinter dieser Frage vor allem der Wunsch steckt, sich selbst zu beruhigen: Denn wenn es einen Grund gibt, kann es mir ja nicht passieren. Puh! Wenn Krebs doch nur so einfach zu durchschauen wäre … Bei mir kam an: Bist du selbst schuld? Ich habe mich oft dabei ertappt, wie ich mich im Gespräch über meine Erkrankunge angefangen habe zu rechtfertigen. Wie ich erklärt habe, dass ich noch nie geraucht habe, dass ich fast nie Alkohol trinke, dass ich Sport mache und mich nicht ungesünder ernähre, als die meisten von uns. So unnötig!

Was ich stattdessen gerne gehört hätte: “Das ist so ungerecht.” Mehr braucht es manchmal nicht.

“Beim zweiten Mal weißt du ja schon, wie es läuft.”

Gerade dieser Satz war für mich immer besonders hart. Ja, ich kannte die Abläufe, aber genau das machte es schlimmer. Ich wusste, was auf mich zukommt. Wusste, wie es sich anfühlt. Hinzu kam, dass ich die zweite Diagnose nur ein Jahr nach Ende der ersten Krebstherapie erhalten hatte. Mein Körper (und meine Seele!) hatten sich noch nicht erholt, meine Batterien waren noch leer. Und ich hatte das Vertrauen verloren, dass “überstanden” jemals wirklich überstanden heißt. Wenn es um Krebs geht, ist Unwissenheit manchmal ein echter Segen!

Was ich stattdessen gerne gehört hätte: “Dass er wiedergekommen ist, muss besonders schwer sein. Was macht dir gerade am meisten Angst?”

Es gibt keinen perfekten Satz – aber es gibt Da-Sein

Wenn ich heute auf all diese Momente zurückblicke, weiß ich: Es gibt ihn nicht, den einen perfekten Satz. Das Wichtigste waren nie die Worte. Es war das Gefühl, gesehen zu werden.

Die Menschen, die mir am meisten geholfen haben, haben oft gar nicht viel gesagt. Sie haben zugehört, ohne gleich zu trösten. Sie haben meine Angst ausgehalten, ohne sie wegzureden. Sie haben neben mir gelegen und mit mir zusammen geweint. Sie haben nachgefragt, auch Monate nach der letzten Therapie. Und manchmal haben sie einfach gesagt: “Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Aber ich bin da.” Ehrlicher und tröstlicher geht es kaum.

An alle, die gerade an der Seite eines geliebten Menschen mit Krebs stehen: Ihr müsst nicht alles richtig machen. Ihr dürft unsicher sein, ihr dürft auch mal den falschen Satz sagen. Fragt nach, hört zu, bleibt da. Und vergesst nicht, dass auch ihr Unterstützung verdient.

Und an alle Frauen, die selbst betroffen sind: Ihr müsst nicht dankbar, stark oder positiv sein. Ihr dürft einfach sein, wie ihr gerade seid.