Hot Stories

„Sexistische Bemerkungen entlarven sowieso den Absender“: ZDF-Moderatorin Claudia Neumann im Interview

Von Vera am Montag, 20. Juni 2016 um 17:04 Uhr

Sie gehört definitiv jetzt schon zu den Gesichtern dieser Fußball EM: Claudia Neumann, Sportreporterin beim ZDF und die erste Frau, die live ein EM-Spiel kommentiert. Doch ihre Vorreiterrolle in einer Männerdomäne wirft Schatten. Vor, während und nach den von ihr kommentierten Partien wird sie über die sozialen Medien übel beschimpft und attackiert – Vergewaltigungsfantasien inklusive. Mit uns sprach die Reporterin über die von ihr ausgelöste Sexismusdebatte und über die Frage, ob es noch eine offene Diskussionskultur gibt.

Frau Neumann, wie haben Sie von den Hass-Kommentaren gegen Sie erfahren? Was waren Ihre ersten Gedanken?

Durch nett gemeinte Nachrichten von Kollegen und Freunden, die ihre Erschütterung bezüglich der Netzhetze Ausdruck verliehen haben.

Haben sie sexistische Verbalattacken erwartet?

Dass es Gegenwind geben würde, hat mich nicht überrascht. Über Inhalte einzelner Attacken habe ich mir nun wirklich keine Gedanken gemacht.

Wie gehen Sie damit um? Was möchten Sie diesen „Hatern“ sagen?

Überhaupt nichts! Das entspricht weder meinem Niveau noch meinem Stil. Ich bevorzuge ganz traditionell die "Face to Face"-Debatte.

Wurden Sie schon mal direkt beleidigt und angegangen oder ist es ein Netz-Phänomen, dass sich Männer sexistisch über Frauen im Sport auslassen?

Offenbar ein sogenanntes "Netz-Phänomen", schön aus dem Schutz der Anonymität heraus. Ehrlich gesagt vermisse ich schon länger die gute, aber faire Debattenkultur. Niemand muss alles abnicken, aber Argumente wären schön.

Gibt es auch mal blöde Sprüche von männlichen Kollegen?

Nein, kann ich mich nicht erinnern.

Warum arbeiten immernoch so wenig Frauen in Sportredaktionen?

Das Verhältnis gleicht sich ja seit Jahren langsam, aber stetig aus. Das geht einher mit der Entwicklung unserer Gesellschaft.

Haben Sie Hoffnung, dass der Sexismus im Sport aufhört? Was kann man tun?

Die Thematik kann ich Ihnen jetzt auch nicht so einfach entknoten. Selbstbewusste Frauen wissen sich aber meistens zu helfen. Sexistische Beleidigungen entlarven ja sowieso den Absender.

Auch ihre Kollegin Dunja Hayali mussten sich schon mit Hass und Hetze auseinandersetzen? Tauscht man sich da aus?

Bis jetzt noch nicht. Aber eines kann ich Ihnen versichern: Dunja Hayali ist eine exzellente Journalistin mit überdurchschnittlich guter Interviewführung.

Waren mögliche Hass-Kommentare und Drohungen vorab Thema beim ZDF?

Nicht so, dass wir uns zu einem Seminar getroffen hätten. Mit Kollegen spricht man mal so nebenbei darüber, weil ja irgendwie jeder in den Fokus geraten kann, der an exponierter Stelle veröffentlicht.

Was war ihr bisher schönster EM-Moment?

Es gab schon viele wirkliche nette Begegnungen. Zum Beispiel sind mein Assistent Henner Janzen und ich in der Metro zum Spiel auf friedliche, fröhlich feiernde Fans aus Irland und Schweden getroffen. Beide Lager haben abwechselnd die Stars des Gegners besungen. Wunderbar, dieser Kontrast zu dem furchtbaren Hooligan-Gebaren. Außerdem trafen wir schwedische Fans, auf Mallorca lebend, um gemeinsam in einer Kneipe Italien gegen Belgien zu schauen. Ein internationaler Sprach-Kauderwelsch, das riesig Spaß gemacht hat.

Ihr Tipp: Wer gewinnt die EM?

Deutschland, erstens aus Überzeugung – und zweitens ist auch der Wunsch Mutter des Gedankens.

Themen
Sexismus,