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Wie Amal Clooney einer Sexsklavin ihr Herz geöffnet hat

Von Linnea am Dienstag, 30. August 2016 um 12:24 Uhr

Der Islamische Staat tötete ihre Familie und zerstörte ihr Leben: Nadia Murad wurde monatelang als Sexsklavin gehalten. Uns hat sie erzählt, wie die Starjuristin und Ehefrau von George Clooney ihr wieder Hoffnung gab…

Was sie erlebt hat, ist die Hölle auf Erden. Die Jesidin Nadia Murad wurde im August 2014 mit 150 anderen Familien vom Islamischen Staat (IS) aus ihrem irakischen Dorf entführt und missbraucht. In ihrem perfiden System nutzt die Terrormiliz Vergewaltigungen, um ihre Macht zu demonstrieren.

Nadia wurde sogar an einen Mann verkauft, der ihr befahl, die Religion zu wechseln. Doch sie wollte keine Muslima werden. 'An diesem Abend schlug er mich. Ich sollte meine Kleidung ausziehen. Er sperrte mich in ein Zimmer mit den Wachmännern, die so lange ihre Verbrechen an mir verübten, bis ich ohnmächtig wurde', erzählt Nadia.

Tausende Frauen leiden unter dem Martyrium

Nach drei Monaten konnte sie fliehen, Tausende Frauen leiden aber immer noch unter dem Martyrium. Mittlerweile lebt Nadia Murad in Deutschland. Im Dezember 2015 machte sie mit einer emotionalen Rede vor dem UN-Sicherheitsrat und ihrer Nominierung für den Friedensnobelpreis auf sich aufmerksam.

Keine Geringere als Starjuristin Amal Clooney (38) unterstützt Nadia seitdem im Kampf für die Anerkennung des Völkermords an den Jesiden durch den IS. 'Amals bisher emotionalster Fall!', titelten englische Zeitungen. 'Wie kann es sein, dass die schrecklichsten Verbrechen, die der Menschheit bekannt sind, vor unseren Augen geschehen, aber nicht vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verfolgt werden?', beklagt sich Clooney in der 'New York Times'. Sie fühle sich geehrt, Nadia zu vertreten. Die 22-Jährige sprach mit uns über ihre berühmte Anwältin und offenbart, was sie von Bundeskanzlerin Merkel erwartet…

In deiner Rede vor dem UN-Sicherheitsrat hast du gesagt: 'Vergewaltigungen werden benutzt, um Frauen zu zerstören und zu verhindern, dass Mädchen je wieder ein normales Leben führen können.' Wie beschreibst du dein eigenes Leben heute?

Es existiert kaum noch. Ich denke jeden Tag an die Frauen, die seit zwei Jahren in den Fängen des IS sind und immer noch schreckliche Qualen durchleben. Sie leiden unter allen Varianten des sexuellen und sadistischen Missbrauchs. Die IS-Verbrecher laufen immer noch frei herum, keiner von ihnen wurde vor Gericht bestraft – niemand unternimmt etwas. Das macht mich krank. Ich atme, ich bin physisch da. Aber ich habe keine Gefühle mehr.

Amal Clooney vertritt dich – was bedeutet dir diese prominente Unterstützung?

Ich bin sehr dankbar, dass Amal Clooney meinen Fall übernommen hat. Sie gehört zu den besten Anwälten der Welt. Es gibt mir Hoffnung, dass die Überlebenden Gerechtigkeit erfahren.

'Amal und George haben mir ihr Herz geöffnet'

Wie lief dein persönliches Treffen mit Frau Clooney ab?

Man muss sich vor Augen halten: Ich bin eine geflohene, mittellose IS-Sklavin. Ich hatte niemanden, der mir hilft. Und plötzlich laden mich Amal und George Clooney in ihr Haus ein. Das war für mich ein emotionaler Moment. Weil sie mir nicht nur ihre Tür, sondern auch ihr Herz geöffnet haben. Beide sind sehr freundliche, wundervolle Menschen mit einem sehr großen Gerechtigkeitssinn.

Unsere Politiker hingegen lassen Kriegsverbrechen geschehen und behaupten, man könne nichts dagegen tun. Bist du von Europa enttäuscht?

Millionen Männer, Frauen und Kinder werden vor den Augen Europas misshandelt, angezündet und vergewaltigt. Kinder werden ins IS-Trainingscamp verschleppt, Flüchtlinge leben unter furchtbaren Bedingungen. Und die Politiker in der ganzen Welt unternehmen nichts, um das blutige Verbrechen zu stoppen. Das ist unverzeihlich und beschämend.

Was denkst du über Bundeskanzlerin Angela Merkel?

Ich kann nichts über Angela Merkel sagen, weil ich sie noch nicht persönlich getroffen habe. Aber ich versuche, Kontakt mit ihr aufzunehmen. Deutschland hat viele Flüchtlinge aufgenommen, das ist positiv. Aber ich bin traurig, dass sich so viele andere Länder aus der Verantwortung ziehen.

'Die Krieger des IS sind unmenschlich'

Vor Kurzem wurden 19 jesidische Frauen verbrannt, weil sie Sex mit den IS-Kämpfern verweigert haben. Was für Menschen tun so etwas unfassbar Grauenhaftes?

Die Krieger des IS sind unmenschlich. Ihre Ideologie ist das Töten, es ist schwer, so etwas zu erklären. Wenn man sie nach ihrem Verhalten beurteilt, sind sie keine Menschen; nicht einmal Tiere sind so brutal. Doch die Terrormiliz hat Millionen Anhänger, leider ist sie ein Teil unserer Gesellschaft. Sie wird sogar vom Westen unterstützt – Tausende junge Männer kommen nach Syrien, um sich dem IS anzuschließen.

Was muss deiner Meinung nach getan werden, um den IS zu stoppen?

Der IS hat viele Anhänger, die den Terror vor allem finanziell unterstützen. Dieser Geldfluss muss unterbrochen werden. Außerdem muss man den Menschen klarmachen, dass die Auslöschungsideologie nicht für den gesamten Islam steht. Und die NATO muss Bodentruppen einsetzen, denn anders lässt sich der Krieg nicht gewinnen.

Wovon träumst du?

Nachdem ich zwanzig Familienmitglieder durch den Krieg verloren habe, sind auch meine Träume vernichtet. Ich bete, dass alle Gefangenen befreit werden und zu ihren Familien zurückkehren können. Und dass die Verbrecher nach internationalem Recht verurteilt und Minderheiten auf der ganzen Welt stärker beschützt werden. Der Völkermord muss gestoppt werden. Egal, ob es sich um Jesiden oder andere Gruppierungen handelt. Ich bin Menschenrechtsaktivistin – nicht nur für mein Volk. Der Islam muss sich gegen den Terror stellen; er darf nicht zulassen, dass in seinem Namen getötet wird. 

Wenn du etwas Gutes tun möchtest, kannst du Nadia Murad hier unterstützen: change.org/Jesidinnen

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