Designer Naja Munthe: "Manchmal frage ich mich, ob dieselben Eigenschaften anders bewertet würden, wenn ich ein Mann wäre"

Wir sind im Kopenhagen Fashion Week-Fieber und haben uns mit Naja Munthe getroffen. Im Interview verrät die dänische Designerin, was diese Saison ihre Kollektion prägt, wie sie sich in einer von Männern dominierten Branche behauptet – und warum Karriere und Familie kein Widerspruch sein müssen.

Designer Naja Munthe: "Manchmal frage ich mich, ob dieselben Eigenschaften anders bewertet würden, wenn ich ein Mann wäre."© MUNTHE
Naja Munthe nimmt uns im GRAZIA-Interview mit hinter die Kulissen ihrer neuen SS27-Kollektion – inspiriert von der Atmosphäre klassischer Künstlerateliers.

Fashionistas, Streetstyler und skandinavische Designerinnen tummeln sich dieser Tage wieder in Kopenhagen: Die Fashion Week verwandelt die dänische Hauptstadt in den Hotspot der internationalen Modewelt. Der perfekte Anlass, um mit Naja Munthe – Gründerin und Kreativdirektorin des Labels Munthe – zu sprechen. Im exklusiven GRAZIA-Interview wird es dabei genauso modisch wie tiefgründig: Die Designerin erzählt von der Inspiration hinter ihrer neuen Frühjahr/Sommer-2027-Kollektion, davon, wie sie sich als Unternehmerin in einer männerdominierten Branche behauptet hat, und warum sie überzeugt ist, dass Frauen nicht länger hören sollten, Karriere und Familie ließen sich nicht vereinbaren.

Grazia: Die Modewelt schaut nun wieder nach Kopenhagen. Was ist die wichtigste Inspiration hinter deiner neuen Kollektion für Frühjahr/Sommer 2027?

Naja Munthe: Ich habe schon immer sehr viel Inspiration in der Kunst gefunden. In dieser Saison habe ich mich nicht auf einen bestimmten Künstler oder eine künstlerische Strömung konzentriert, sondern mich von der Atmosphäre der Künstlerateliers des letzten Jahrhunderts inspirieren lassen.

Ich habe mir Künstler bei der Arbeit vorgestellt, recht formell gekleidet in makellosen Hemden, Krawatten, polierten Schuhen und maßgeschneiderten Hosen, während sie darüber farbverschmierte Overalls trugen. Mich hat dieser Kontrast zwischen Raffinesse und Kreativität, zwischen Struktur und Spontaneität fasziniert.

Diese Gegenüberstellung wurde zum Ausgangspunkt für die gesamte Kollektion und beeinflusste alles – von den Silhouetten bis zum Styling.

Wenn wir uns die Kollektion auf dem Laufsteg anschauen: Welches Key-Piece verkörpert diese Vision am besten und was macht es so besonders?

Ich denke, die Overalls gehören zu den bedeutendsten Stücken der Kollektion, zusammen mit den farbbespritzten Hosen. Sie fangen den Geist der Inspiration wirklich ein.

Die Farbflecken sind unglaublich persönlich. Man sieht förmlich, wo ich mit den Fingern die Leinwand gepackt und überschüssige Farbe an meiner Hose abgewischt habe. Es ist ein sehr ehrlicher, handgemachter Prozess, und diese Authentizität spürt man in den Kleidungsstücken.

Ein weiteres besonderes Detail sind die handgeschriebenen Notizen, die sich durch die ganze Kollektion ziehen. Sie sind von den Notizen inspiriert, die eine Künstlerin während der Arbeit in ihr Skizzenbuch schreiben würde – kleine Erinnerungen, Ideen oder Gedanken zum Farbenmischen. Dinge wie: 'Sollte ich dem Azurblau einen Hauch Zitrone hinzufügen?' oder 'Was braucht es, um das perfekte Korallenrot zu erreichen?'

Ich habe diese Notizen von Hand mit Feder und Tinte geschrieben, und wir haben sowohl die handgeschriebenen Skizzen als auch die Farbflecken in Prints und Stickereien in der ganzen Kollektion verwandelt. Diese persönlichen Details lassen jedes Stück wie einen Einblick in den kreativen Prozess selbst wirken.

Modetrends kommen und gehen in einem wahnsinnigen Tempo, aber dänisches Design schafft es immer wieder, zeitlose Lieblingsstücke zu kreieren, die jahrelang im Schrank bleiben. Wie gelingt dir dieser Spagat zwischen saisonalem Hype und echter Nachhaltigkeit?

Es ist definitiv eine Balance. Auf der einen Seite wollen wir als Designer alle etwas Neues schaffen, das die Zeit widerspiegelt, in der wir leben. Auf der anderen Seite ist es, wenn man verantwortungsvoller gestalten möchte, eine der wichtigsten Aufgaben, Stücke zu schaffen, die Menschen weit über eine einzige Saison hinaus tragen.

Zum Glück habe ich viele Jahre Erfahrung darin, diese Balance zu finden. Fast jede Woche sehe ich Menschen auf der Straße, die Stücke aus meinen Kollektionen tragen, die fünf, zehn, fünfzehn, sogar fünfundzwanzig Jahre alt sind. Für mich ist das eines der größten Komplimente. Es zeigt mir, dass die Menschen diese Stücke relevant fanden, als sie sie kauften – aber sie finden auch Jahre später noch Wert darin. Ich liebe die Vorstellung, dass ein Kleidungsstück ein langes Leben haben kann.

"Ich liebe die Vorstellung, dass ein Kleidungsstück ein langes Leben haben kann."

Naja Munthe

Man kann es an die Schwester oder die Tochter weitergeben, weiterverkaufen oder es einfach ein paar Jahre wegpacken und mit frischen Augen wiederentdecken. Genau darum geht es bei zeitlosem Design.

Für mich läuft es darauf hinaus, der eigenen DNA treu zu bleiben, niemals Kompromisse bei der Qualität einzugehen und immer mit der Frau im Kopf zu gestalten, die die Kleidung tragen wird. Jedes Kleid, jede Hose sollte mit der Hoffnung entstehen, dass sie immer wieder danach greift, Jahr für Jahr. Wenn man diese Perspektive während des gesamten Designprozesses beibehält, ist man meiner Meinung nach schon ein gutes Stück auf dem Weg, etwas mit bleibendem Wert zu schaffen.

Du hast Munthe zu einer weltweit erfolgreichen Brand aufgebaut. Wenn du an deine Anfangszeit zurückdenkst: Was war die größte Hürde, die du als Frau in der Gründerszene überwinden musstest?

Ich glaube, es gab zwei große Herausforderungen.

Die erste war in den frühen Jahren. Ich war jung, und viele der Menschen, die ich in Finanzwesen, Banken und in Unternehmensvorständen traf, waren Männer. Ich hatte oft das Gefühl, dass sie mich eher als junge, blonde Frau sahen, die mit einer Nähmaschine Kleidung herstellt, statt als jemanden, der fähig ist, ein ernsthaftes Unternehmen aufzubauen und zu führen. Ich glaube nicht, dass viele von ihnen anfangs großes Vertrauen in meine Fähigkeit hatten, ein Unternehmen zu leiten.

Die zweite Herausforderung erlebe ich bis heute. Ich denke, Männer und Frauen in Führungspositionen werden oft unterschiedlich beurteilt. Wenn ich klar sage, was ich will, oder in meinen Entscheidungen entschlossen bin, kann das manchmal als hart oder fordernd wahrgenommen werden. Das hat mich sehr bewusst gemacht, wie ich mit meinem Team kommuniziere. Manchmal frage ich mich, ob dieselben Eigenschaften anders bewertet würden, wenn ich ein Mann wäre.

Manchmal frage ich mich, ob dieselben Eigenschaften anders bewertet würden, wenn ich ein Mann wäre.

Naja Munthe

Wir sind es immer noch mehr gewohnt, Männer als Autoritätspersonen zu sehen, während von Frauen oft erwartet wird, weicher oder entgegenkommender zu sein. Wenn man als Frau selbstbewusst und direkt ist, können diese Erwartungen eine andere Wahrnehmung erzeugen.

Trotzdem glaube ich, dass sich die Dinge ändern. Es ist teils eine Frage des Geschlechts, aber auch eine Generationenfrage. Ich bin optimistisch, dass das in zwanzig Jahren viel weniger ein Thema sein wird, als es während meiner gesamten Karriere war.

In unserer Branche wird oft so getan, als ließen sich Karriere, Familie, Kreativität und Business mühelos jonglieren. Wie viel Verzicht und wie viele harte Kompromisse stecken wirklich hinter dem Erfolg, eine eigene Modemarke zu leiten?

Ich erkenne den Konflikt vollkommen an. Es gab definitiv Momente, in denen ich männliche Künstler von vor hundert Jahren beneidet habe, die sich vollständig ihrer Arbeit widmen konnten – endlose Stunden im Atelier, ohne über Kindererziehung, Haushaltsführung, Kochen, Putzen oder all die anderen Verantwortlichkeiten nachdenken zu müssen, die so oft den Frauen zufielen.

Die Realität ist, dass ich als Frau all das ausbalancieren musste. Wenn ich heute zurückblicke, mit zwei erwachsenen Söhnen, habe ich wirklich das Gefühl, eine gute Mutter gewesen zu sein. Ich war für sie da. Ich bin zu den Fußballspielen gegangen, habe Geburtstage gefeiert und mir Zeit für all die Momente genommen, die zählen. Wenn morgen mein letzter Tag wäre, wüsste ich, dass ich meinen Kindern meine Zeit und meine Präsenz geschenkt habe.

Diese Balance hat sich jedoch oft wie ein Balanceakt auf des Messers Schneide angefühlt. Sie war nicht mühelos und erforderte Opfer und ständige Priorisierung.

Aber ich glaube auch, dass es wichtig ist, Frauen nicht ständig zu sagen, dass es unmöglich sei. Wenn wir das tun, werden wir nie ändern, wie Führung aussieht – nicht nur in der Mode, sondern in Wirtschaft, Politik, Finanzwesen, Bildung und jeder anderen Branche. Wir brauchen mehr Beispiele, die zeigen, dass man eine Karriere mit einer Familie vereinbaren kann, auch wenn es herausfordernd ist.

Wir brauchen mehr Beispiele, die zeigen, dass man eine Karriere mit einer Familie vereinbaren kann, auch wenn es herausfordernd ist.

Naja Munthe

Ich denke auch, dass wir eine Welt voller Ablenkungen geschaffen haben. Würden wir weniger Zeit in sozialen Medien verbringen, gewönnen wir nicht nur mehr Stunden am Tag, sondern auch mehr mentalen Raum. Diese Zeit könnte man damit verbringen, mit den Kindern zu sprechen, für den Partner präsent zu sein oder sich einfach zu erlauben, gelangweilt zu sein. Ich glaube tatsächlich, dass Langeweile Raum für Reflexion, Kreativität und innere Ruhe schafft.

Also ja, ich glaube, man kann Karriere und Familie vereinbaren – aber nie ohne Kompromisse. Es erfordert bewusste Entscheidungen, Opfer und die Bereitschaft zu akzeptieren, dass es nicht jeden einzelnen Tag eine perfekte Balance gibt.

Viele Frauen träumen davon, ihr eigenes Unternehmen zu gründen, schrecken aber vor dem Risiko und den Erwartungen von außen zurück. Welchen Rat möchtest du Frauen mit auf den Weg geben, die Angst davor haben, die vermeintliche "Sicherheit" für den eigenen Traum aufzugeben?

Ich bin jetzt fast sechzig, hatte also viele Jahre Zeit zum Zurückblicken, und ich habe unzählige Momente erlebt, in denen ich mich gefragt habe, ob ich ein Risiko eingehen sollte. Was ich gelernt habe: Weitaus häufiger, als man denkt, geht es besser aus, als man sich vorstellt.

Der schwierigste Teil ist meist die Zeit vor der Entscheidung. Dort leben all die Zweifel und die Unsicherheit. Sobald man die Entscheidung getroffen hat, ist es oft viel leichter, als man erwartet hatte.

Scheue dich nicht, um Hilfe zu bitten. So viele Menschen sind bereit, Rat zu geben, zu unterstützen oder einfach an deiner Seite zu stehen, wenn du es brauchst. Und ich frage mich immer eine einfache Frage: Was ist das Schlimmste, was passieren kann? Vielleicht verliert man etwas Geld. Vielleicht verbringt man sechs Monate mit etwas, das nicht so ausgeht, wie erhofft. Aber das ist ein relativ kleiner Preis dafür, etwas zu verfolgen, an das man wirklich glaubt.

Wenn man seine Tage damit verbringt, etwas zu tun, das man wirklich liebt, wacht man voller Vorfreude auf das auf, was vor einem liegt. Natürlich gibt es schwierige Tage, Rückschläge und Frustrationen, aber sie gehören einem selbst. Es ist die eigene Entscheidung, das eigene Unternehmen, die eigene Reise. Das verleiht jeder Herausforderung eine andere Bedeutung.

Ich bin unglaublich dankbar für das Leben, das ich mir aufgebaut habe. Es war nicht immer leicht, aber es ist das Leben, das ich gewählt habe. Und das ist für mich der wichtigste Teil.

Mein Rat ist also einfach – auch wenn es klischeehaft klingt: Einfach machen. Du wirst vielleicht überrascht sein, wie viel mehr Mut, Unterstützung und Gelegenheit du finden wirst, als du erwartet hast.

Als Designerin und Geschäftsfrau musst du extrem strategisch denken, gleichzeitig aber Freiraum für Kunst und Kreativität lassen. Wie schaffst du es an stressigen Tagen, diesen Spagat zu meistern, ohne dass die kreative Vision auf der Strecke bleibt?

Ich glaube, ich wurde mit einer gleichermaßen starken kreativen und analytischen Seite geboren. Der geschäftliche Aspekt hat sich für mich nie wie eine Last angefühlt. Tatsächlich finde ich ihn genauso interessant wie die kreative Seite.

Ich glaube, mir würde langweilig werden, wenn ich nur eines von beidem täte. Zwischen Kreativität und Strategie wechseln zu können, ist das, was meine Arbeit spannend hält. An einem stressigen Tag kann der Wechsel von der einen zur anderen Denkweise sogar erfrischend wirken. Es gibt mir eine andere Perspektive und hilft mir oft, Probleme effektiver zu lösen.

Ich weiß, dass viele meiner Kollegen unglaublich kreativ sind, aber die geschäftliche Seite viel herausfordernder finden. Wenn das der Fall ist, lautet mein Rat: Umgebe dich mit Menschen, die deine Stärken ergänzen. Finde jemanden, dem du vertrauen und der diese Lücken füllen kann, damit du dich auf das konzentrieren kannst, was du am besten kannst, während gleichzeitig ein starkes Unternehmen entsteht.

Für mich kam die Kombination jedoch immer natürlich. Ich genieße wirklich beide Seiten der Arbeit, und ich denke, das ist einer der Gründe, warum ich MUNTHE so aufbauen konnte, wie ich es getan habe.

Zum Schluss: Wenn du ein Kleidungsstück oder ein Detail aus deiner neuen Kollektion wählen müsstest, das Frauen beim Tragen sofort ein Gefühl von Stärke und unerschütterlichem Selbstbewusstsein verleiht, welches wäre es?

Ohne Zweifel die Lederjacke.

Für mich ist sie das ultimative Selbstbewusstseins-Stück. Sie hat einen abnehmbaren Kunstfellkragen, der den Look weicher macht, den man aber auch abnehmen kann für einen klareren, zurückhaltenderen Ausdruck. Ich liebe diese Vielseitigkeit.

Eine Lederjacke sieht immer großartig zu maßgeschneiderten Hosen oder Denim aus, aber was ich besonders liebe, ist, wie sie femininere Stücke transformiert. Wirft man sie über einen fließenden Rock oder ein zartes Kleid, verleiht sie sofort eine gewisse Schärfe – einen Hauch Rock 'n' Roll, der einen wunderschönen Kontrast schafft.

Sie ist außerdem eines dieser Stücke, die man das ganze Jahr über tragen kann, was sie zu einem echten Garderoben-Basic macht. Müsste ich nur ein Stück aus der Kollektion wählen, wäre es definitiv dieses.