Fashion

Kaschmir-Königin Iris von Arnim im Interview

Von annalena am Donnerstag, 29. Januar 2015 um 09:00 Uhr
Wir sind immer noch ganz aufgeregt, denn wir haben Mode-Designerin Iris von Arnim getroffen! Kurz vor ihrem 70. Geburtstag verriet sie uns ihre Fashion-Secrets und warum sie auch als Königin des Stricks bekannt ist.

Ein großes, helles Büro. Bunte Kaschmir-Pullover hängen an den Wänden. Nach kurzem Warten kommt sie: Mode-Designerin Iris von Arnim - natürlich in Kaschmir. Die grauen, schulterlangen Haare geben einen tollen Kontrast zum schwarzen Rollkragen-Pulli. Ihre rauhe Stimme erfüllt sofort den Raum, die Frau fasziniert! Keine Designerin wird so für ihre Strick-Kollektionen gefeiert wie Iris von Arnim! Die Wahl-Hamburgerin feierte grad erst ihr 35-jähriges Jubiläum und Ende des Monats ihren 70. Geburtstag. Für uns nahm sie sich eine halbe Stunde Zeit um über ihre Geschichte und die Zukunft des Strickens zu sprechen.

 

Sie sind durch einen Unfall zum Stricken gekommen - haben Sie es sich selbst beigebracht?

Jede Geschichte hat ja immer einen Anfang. Ich bin Autodidakt, habe nie Design und auch nicht Malerei studiert. Aber vielleicht habe ich einfach einen Blick für Proportionen. Stricken ist ja eigentlich ein Hobby, etwas, das man in seiner Freizeit macht. Durch den Unfall hatte ich natürlich viel Zeit und ich glaube, das Geradeaus-Stricken hat jeder mal in der Schuhe gelernt. Sonderlich raffiniert kann ich nicht mal stricken, aber es hat gereicht. Ich hab vor allem mit Farben gespielt und keine komplizierten Zopfmuster gestrickt - das hat sich erst später entwickelt. Da hatte ich dann auch Unterstützung durch Handstricker. 

Wie sollte man Kaschmir am Besten kombinieren?

Kaschmir ist so vielseitig einsetzbar. Es sieht toll zu Leder-, Seiden-, oder Jerseyröcken aus, aber natürlich auch zu Jeans!

Stricken Sie heute noch in Ihrer Freizeit?

Ja, ich stricke ab und an, aber selten. Und wenn, dann mit ganz dicken Nadeln - ungefähr daumengroß.

Ihre Kollektionen sind zum Großteil aus Kaschmir, aber auch aus Seide und Leder. Haben Sie schon mal drüber nachgedacht Materialien wie Viskose oder Polyester zu verarbeiten?

Nein. Viskose ist ja auch ein Naturmaterial und durch seine fließende Struktur fällt es natürlich anders als Kaschmir, insofern könnte ich mir das schon eher vorstellen. Aber bewusst Polyester ist ja auch für eine andere Zielgruppe. Das überlasse ich dann lieber anderen Labels. Meine Entwürfe sind auch viel zu aufwändig, um ein billiges Material zu benutzen. Ein weiteres Problem bei Polyester ist, dass die Farben nicht richtig rauskommen. Ich nehme Kaschmir, weil es sich gut anfühlt, weil die Farben eben am optimalsten und schönsten im Flausch rauskommen. Das gleiche Rot würde auf Polyester billig aussehen.

Die ersten Teile waren aus Angora-Wolle. Warum der Wechsel zu Kaschmir?

Da reden wir wirklich von den alten Vintage-Zeiten. Da war Angora einfach sehr angesagt. Es gab aber zwei Probleme mit Angora: man hatte zu den Hochzeiten ein halbes Jahr Lieferzeit - und das obwohl sich die Karnickel ja ziemlich vermehren. Das zweite war, dass die Kunden vor 30 Jahren irgendwann die ganzen Flusen Leid waren. Die Leute hatten es in den Augen und Kontaktlinsen. Außerdem habe ich Angora in einer Zeit verstrickt, in der die Produktion hier in Hamburg passierte, in Heimarbeit. 

Wie kommt es, dass Stricken wieder so an Bedeutung gewonnen hat? Gerade auch bei jungen Leuten.

Tatsächlich? Ich kann mir vorstellen, dass es schön ist etwas mit der Hand zu schaffen. Dass es sehr kontemplativ ist. Dass es einfach Spaß macht etwas Selbstgemachtes zu tragen oder dem Herzallerliebsten zu schenken. Und ich glaube einen Schal und eine Mütze bekommt fast jeder noch hin.

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration für neue Kollektionen? Ist es schwer Strick immer wieder neu zu erfinden?

Wollen Sie eine ehrliche Antwort haben? Die ersten zwanzig Jahre war es viel leichter - egal, was ich machte, es war neu: Regenbogenpullover, Motive, Kandinsky oder Tiere. Was immer ich damals in Handarbeit machte, rissen mir die Leute aus der Hand, so dass ich immer mehr Strickerinnen anstellte. Die Inspiration nahm ich aus Kunstbüchern, ich habe einfach Matisse durchgepaust oder einen Pandabären oder Fuchs. Häufig auf jeden Fall Szenen aus der Kunst und die habe ich dann in das richtige Verhältnis gesetzt von Vorder- und Hinterteil, Ärmel und Ausschnitt. Das lief so über fünf oder sechs Jahre und danach war ich es leid. Danach wollte ich nur noch unifarbenen Strick machen. Da damals die Pullis aus Angora waren, war für mich klar: als nächstes mussten sie aus Kaschmir sein. Ich bin dann nach Italien gegangen und habe mir einen Produzenten gesucht, das war damals Brunello Cucinelli. In der Zeit wurde meine Leidenschaft für Kaschmir immer größer. Natürlich wurden die Teile alle mit Handstrick-Apparaten gefertigt. So kamen die schönsten Formen und Farben zustande. Das war mein Einstieg in die industrielle Produktion.

Inwieweit haben Ihnen Ihre vorherigen Berufe (Journalistin, Fotografin, PR-Frau) in Ihrem Unternehmen geholfen?

Ich habe mich eben damals ausprobiert. Ich habe als Fotografin für Tassilo Trost gearbeitet, das war damals ein Trend-Fotograf. Ein paar Monate war ich bei der Bildzeitung, aber eher schlecht als recht. Das bekam ich nicht so gut hin. Dann habe ich für United Artist Records PR probiert, damals musste man noch nicht so viele Texte schreiben. Ich habe auch mal in einer Werbeagentur versucht zu texten. Ich war auf der Suche nach dem richtigen Beruf für mich, nach etwas Selbstbestimmtem. Ich wollte etwas kreieren. Hätte ja auch sein können, dass ich den besten Apfelstrudel der Welt mache, aber mit Kochen und Backen hatte ich nie viel am Hut. Es ergab sich eben, dass ich anfing zu stricken und alle die Produkte haben wollten. 

Woher kommen die großen Preisunterschiede bei Kaschmir? Zwischen 59 € und 1000 € findet man alles.

Die günstigen Produkte sind alle ziemlich gepanscht. Das Material kommt vielleicht auch bei diesen Teilen komplett von der Kaschmir-Ziege, aber Oberhaar und Unterhaar sind unterschiedlich von der Qualität. Die Verunreinigung des Haars wird zum Teil einfach gebleicht und mit anderen Haaren gemischt. Zudem gibt es immer eine erste Wahl, zweite Wahl u.s.w. Und das macht den Unterschied aus. Außerdem ist es auch ein Unterschied, ob man in Massenproduktion herstellt. Dort wird zum einen das Material günstiger und zum anderen wird mit anderen Maschinen gearbeitet. 

Was ist typisch Deutsch für Sie in Bezug auf Mode und Stil?

Ich glaube ein Hosenanzug oder ein Kostüm. Auf jeden Fall klar und reduziert. Klassisch. Jil Sander steht für deutschen Stil: reduziert, aber nicht langweilig.

Was ist in Ihren Augen der wichtigste Trend in diesem Jahr?

Also für mich und mein Label empfinde ich es als wichtig, Unis neu zu erfinden. Eine neue Waschtechnik z.B. einzuführen um einen anderen, neuen Look zu kreieren. 

Sie sind ja schon sehr lang im Geschäft - wie lang brauchen Sie um einen Pulli zu designen?

Also im Schlaf geht das nicht, es ist sehr harte Arbeit - ein Spagat etwas leicht und visuell spannend zu machen und trotzdem eine neue Optik zu schaffen. Innovation ist mit das Wichtigste und der Entwurf findet natürlich auch im Team statt. Gerade beginnen wir zum Beispiel mit der Sommerkollektion 2016. Da guckt man natürlich, was ist die Vision für die nächste Saison. Was habe ich noch nicht gemacht, worauf habe ich Lust. Welche Optik gefällt mir. Wenn man eine Kollektion erstellt, gibt es einen Kollektionsrahmenplan. Da gehören um die 100 Styles zu einer Kollektion, die in sich geschlossen sein müssen. Zuerst steht das Konzept, dann fängt man mit kleinen Mustern an und dann gibt's den ersten Pulli. Der Prozess dauert insgesamt etwa drei Monate. Aber das Wichtigste ist wirklich Teamwork!

Inwiefern hat sich das Label weiterentwickelt, seit Ihr Sohn Valentin ins Geschäft eingestiegen ist?

Er hat vor allem das Thema Marketing ins Gespräch gebracht. Ich Oldie finde das natürlich entsetzlich, dass es nur noch um die Verpackung geht und nicht um das Handwerk an sich. Man muss das Produkt bewerben, darüber berichten, PR betreiben, es schön verpacken. Das hat er total richtig erkannt und wir merken, dass es wirkt und sich auch die GRAZIA für uns interessiert. Die Leute werden dadurch aufmerksamer. Auch Projekte wie die Herrenkollektionen oder dass wir eigene Läden aufmachen, hat er angetrieben. Ich hätte wahrscheinlich immer weiter in meiner Ecke gesessen und entworfen und entworfen und die schönsten Pullis der Welt gemacht, die keiner zu Gesicht bekommt. Valentin hat zudem den Online-Shop eingeführt. 

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