Fashion

Mode kennt keine Grenzen

Von Anastasia am Dienstag, 27. Dezember 2016 um 11:20 Uhr

Hoodies mit Hammer und Sichel-Logo, Mützen mit kyrillischen Buchstaben. Ist es okay, in politisch brisanten Zeiten den Hype um solche Teile zu unterstützen – oder spielen wir gesellschaftlich in Mode mit sowjetischen Slogans Russisch Roulette?

Riesen Hype: Der Vetements, ca. 650 Euro
  Gosha Rubchinskiy, ca. 60 Euro Sputnik 1985, ca. 50 Euro Gosha Rubchinskiy, ca. 25 Euro

Natasha Zinko, Pavel Pepperstein, Ksenia Schnaider. Diese Namen kann man sich zwar nicht so leicht merken, doch Sie sollten sie definitiv auswendig lernen (damit Sie frühzeitig mitreden können). Es handelt sich dabei nämlich um russische und ukrainische Durchstarter-Labels, die kurz davor stehen, international Karriere zu machen. Und wir reden hier von Designermode! Ihre Kollektionen bestehen aus Shirts mit Symbolen aus der Sowjetzeit und kyrillischen Buchstaben sowie Kleidern, die an russische Architektur und Zarengewänder erinnern.

Streetstyle der Moskauer Fashion Week.
Credit: Getty Images
 

Noch nie war Design made in Russia so angesagt wie jetzt. Weltweit. „Die Nachfrage nach Fashion aus Russland und Osteuropa steigt“, erklärt Mario Eimuth, Gründer und Gesch.ftsführer des Luxusretailers Stylebop. Ein Label, das Couture-Profis schon aus Paris kennen, ist das des 32-jährigen Russen Gosha Rubchinskiy. Seine plakativen Prints und weiß-blau-roten Farbkombinationen hängen unter anderem im Pariser Concept-Store Colette und der Londoner It-Boutique Dover Street Market und verkaufen sich wie geschnitten Brot. Zu seinen Fans zählen Sängerin Rita Ora, Rapper Kanye West und It-Girl Kylie Jenner. Sie tragen Sweatpants mit seinem Namenszug oder Mützen, auf denen „Hardcore“ steht. Natürlich in Kyrillisch. Innerhalb weniger Minuten weltweit vergriffen war auch sein weißes Shirt mit dem roten Aufdruck „Gotov k trudu i oborone“, was so viel heißt wie „Bereit zur Arbeit und Verteidigung“. Ein Propagandaspruch aus der UdSSR. Was sich nach Kreml-Merchandise anhört, ist jedoch High Fashion. So ein Shirt kostet nämlich gerne mal 400 Euro.

"From Crimea with Love": Natasha Severnaya kreiert unter dem Label Echo Blusen im russischen Schulstil. Credit: PR / Natasha Severnaya
 

Ziemlich fragwürdig, die post-sowjetische Mode, wenn man die aktuelle politische Lage bedenkt. Denn das Verhältnis zwischen der Heimat von Väterchen Frost und der westlichen Welt ist seit geraumer Zeit auf dem Gefrierpunkt. Der Hamburger Staatswissenschaftler Caspar Oberst erklärt: „Mode und Politik hängen seit jeher eng zusammen, denn Politik hat einen großen symbolischen Charakter.“ Und zu Rubchinskiys Entwürfen: „Dem Träger eines solchen Shirts sollte bewusst sein, was er damit propagiert. Solange da nur der Name des Designers steht, sehe ich kein Problem. Sobald es aber politische Floskeln sind, wird es schwierig. Es würde ja auch niemand den Aufdruck ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ tragen, ohne negativ aufzufallen.“

Aber ist Auffallen und Provokation nicht genau das, worum es in der Mode idealerweise geht? Natürlich polarisiert Couture vom Runway – man denke nur an die zerrissenen Sweater, Overknees aus Lack oder bunte Basartaschen im Plastik-Look. Letztere designte übrigens Demna Gvasalia, kreativer Kopf des Luxushauses Balenciaga. Auch der Georgier ließ sich von der Geschichte seiner Heimat inspirieren und entwarf für Balenciaga sowie für sein anderes It-Label Vetements Teile mit sowjetischem Touch. Darunter: ein übergroßer roter Hoodie mit Hammer-und-Sichel-Stickerei. Das Stück erntete nicht nur über 50 000 Likes auf Instagram, sondern auch haufenweise Hasstiraden. Ein Follower schrieb unter das Bild: „Jeder, der denkt, Kommunismus sei cool, verdient das Leben, das damals geführt wurde!“ Eine andere Userin kommentierte: „Eine Schande für die Demokratie!“ Doch die Fashion-Crowd sah das etwas anders: Der Hoodie, der schlappe 660 Euro kostete, war innerhalb einer Stunde in allen Größen vergriffen.

Die britische Sängerin Rita Ora steht auf T-Shirts von Designer Gosha Rubchinskiy.
Credit: Getty Images
 

Rubchinskiy (der übrigens schon jetzt als der neue Gvasalia gehandelt wird!) fühlt sich in seiner Mode oft missverstanden: „Ich habe das Gefühl, die Leute im Westen haben Angst vor Russland, weil es so groß und einschüchternd wirkt. Russen sind sehr direkt und haben eine starke Meinung.“ Um selbst ein Statement zu setzen, möchte er seine nächste Fashion-Show nicht mehr in Paris, sondern wieder im russischen Kaliningrad zeigen. Ein gewagter Schachzug, denn dafür müsste er wichtige Modeleute wie Redakteure, Einkäufer und Fotografen in die russische Enklave locken. Unter ihnen wäre vermutlich auch der US-Fotograf Adam Katz Sinding. Seine Bilder von angesagten Streetstyles der Fashion Weeks schmücken weltweit zahlreiche Hochglanzmagazine. In den vergangenen Wochen fotografierte er immer häufiger die Trendsetter aus Russland und der Ukraine.

Die Designer des Streetwear-Labels Outlaw Mascow sind tatarischer und russischer Abstammung. Credit: Adam Katz Sinding
 

Im Gespräch mit GRAZIA erzählte Sinding: „Der Einfluss post-sowjetischen Stils hat nicht nur die Laufstege, sondern auch die Menschen auf der Straße erreicht. Schon witzig, dass der russische Look, der früher so belächelt wurde, nun zu den angesagtesten Trends überhaupt gehört.“ Statt in bodenlangen Spitzenroben und High Heels sieht man russische Fashionistas in Turnschuhen und Kombis, die eigentlich nicht zusammenpassen. Wichtigste Accessoires: ungeschminkte Gesichter und leicht fettige Haare. Diese Cool Kids hätte man früher vermutlich in keine Fashion-Show gelassen, heute sitzen sie in den Front-Rows.

Aber wie kam es dazu, dass dieser Look überhaupt hip wurde? Der Berliner Kulturwissenschaftler Naum Kryžovnik erklärt das so: „In der Sowjetunion gab es Marken wie Adidas und Champion nicht. Deshalb kreierten die Sowjets ihre eigenen Logos, die für sie den gleichen symbolischen Wert hatten. Diese Slogans und Symbole tätowierten sich früher Häftlinge sogar auf ihre Körper. Heute werden sie auf Shirts getragen. Das ist eine neue Art der gesellschaftlichen Rebellion gegen die westliche Markenwelt.“ Die neuen It-Pieces sind in erster Linie an den westlichen Käufer gerichtet. Und dem sei es erst mal egal, was da stehe, fügt Kryžovnik hinzu. Es sei einfach nur hip, weil es irgendwie provozierend rüberkommt – in etwa vergleichbar mit einem komplett zerschnittenen Sweater aus der Yeezy-Kollektion für 700 Euro, der an einen Vagabunden erinnert. „Eben eine sehr teure, elitäre Form der Rebellion“, schmunzelt der Kulturwissenschaftler.

New Kids from the Ostblock: Jungdesigner Vsevolod Cherepanov (im selbst designten "Russian Mafia New World Order"-Hoodie) mit Modelkollegen.
Credit: Style du Monde
 

Letzten Endes ist der modische Sowjet-Hype also nichts anderes als jeder andere Modetrend auch. Vor drei Jahren zum Beispiel haben sich viele über die Wiederauferstehung der Punkmode aufgeregt („Punk ist eine Bewegung, ein Lebensstil und kein Trend!“). Kürzlich wurde heftig über die umstrittenen „Pablo“-Sweater mit gebrochener Schrift diskutiert („Das erinnert an die Nazizeit, wie kann man das stylish finden?“). Und Skaterjungs belächeln gerade Mädels in „Thrasher“-T-Shirts („Die standen doch noch nie auf einem Skateboard oder hatten jemals das ,Thrasher‘-Magazin in der Hand!“).

Wie lange Mütterchen Russland Stilvorbild bleiben wird, ist noch unklar. Trendforscher prognostizieren jedoch, dass die Welle im ersten Halbjahr 2017 ihren Höhepunkt erreichen wird. Da bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als die kyrillischen Buchstaben lesen zu lernen und uns für Diskussionen über unseren Kommunismus-Pulli schon mal mit ein paar handfesten Argumenten zu wappnen.

Kyrillische Aufdrucke sind der nächste große Fashion-Hype.
Credit: Instagram / Artem Loskutov
Themen