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Deal unter Fremden: Wir werden Eltern!

Von GRAZIA am Samstag, 27. Januar 2018 um 17:00 Uhr

34, Single, Babywunsch: Viele Frauen geraten in Panik, Jennifer entschied sich für Co-Parenting – die Entkopplung von Liebe und Familienplanung. Ihren Traumprinzen sucht sie noch – den perfekten Kindsvater hat sie gefunden.

Beim ersten Date hatten wir sofort einen guten Draht. Er ist gut zehn Jahre älter als ich, ruhig und entspannt. Wir sprachen über die Arbeit als Flugbegleiter, die uns verbindet, über Lieblingsbücher, Reisen und Musik – und über Unterhaltsregelungen. Schließlich wollte ich mit diesem Mann ein Baby bekommen.

Eine Kollegin hatte mir seine Telefonnummer gegeben, als ich ihr das Drama um meine bröckelnde Beziehung anvertraut hatte. Mein damaliger Partner hatte mir gestanden, dass er sich doch noch nicht vorstellen könne, Vater zu werden. Ich war 34 und wollte nicht ewig warten. Ich dachte: Jetzt reicht’s, dann mache ich das eben anders. Ich wollte mich nicht mehr davon abhängig machen, ob ich noch den richtigen Mann finde, sondern die Sache mit der Familienplanung selbst in die Hand nehmen. Zunächst dachte ich über eine Samenspende nach. Doch meine Kollegin, die mit einem schwulen Mann ein Kind hat, machte mich mit dem Konzept des Co-Parentings vertraut – und schlug mir direkt einen potenziellen Vater vor.

Ein paar Wochen brauchte ich, bis ich mich dazu durchrang, ihn kennenzulernen. Doch nach dem ersten Treffen war eigentlich alles klar. Auf meine Bedingungen ist er sofort eingegangen. Ich wollte, dass das Kind meinen Nachnamen trägt, und auch den Vornamen aussuchen. Und ich wollte, dass er Unterhalt zahlt. Ich wollte nach dem Wiedereinstieg in den Job in Teilzeit arbeiten und das Kind hauptsächlich bei mir haben. Für den Rentenausfall wollte ich privat vorsorgen. So pragmatisch das klingt: Solche Gedanken muss man sich machen. Außerdem war es mir wichtig, dass das Baby das erste Jahr – oder solange es voll gestillt wird – bei mir lebt.

Der einzige Wunsch meines künftigen Kindsvaters war das geteilte Sorgerecht. Für ihn war die Möglichkeit, mit 45 und ohne Beziehung noch Vater zu werden, wie ein Jackpot im Lotto. Für Männer ist es ja noch viel schwieriger: Wenn du einen Kinderwunsch hast und dir fehlt die passende Partnerin, bleiben dir kaum Alternativen. Du kannst zwar theoretisch auch noch mit 70 Vater werden, aber möchtest du auf dem Spielplatz wirklich als Opa angesprochen werden?

Ich war glücklich mit der Lösung. Meine Kollegin hatte dem Mann bereits ihr Gütesiegel gegeben, was es mir erleichterte, ihm zu vertrauen. Über Agenturen jemanden zu finden, mit dem man sich tatsächlich vorstellen kann, ein Kind zu bekommen, ist deutlich schwieriger.

Wir nahmen uns ein paar Monate Zeit, um einander kennenzulernen. Aber dann sagten wir uns: Statistisch gesehen braucht man ein Jahr, bis es mit der Schwangerschaft klappt. Also legten wir los – mit Ovulationstest, App, Glas und Spritze. Wir wollten unsere Freundschaft nicht mit Sex belasten. Direkt beim ersten Versuch klappte es: Ich war schwanger.

Der Kindsvater begleitete mich zum Frauenarzt – zumindest zu den Bauchdeckenultraschalls. Bei vaginalen Untersuchungen war er nicht dabei. Ich bin bei so was eigentlich ziemlich offen, aber ich glaube, auch für ihn wäre das komisch gewesen. Bei der Geburt war er dabei. Allerdings war da mein kompletter Körper unter Tüchern verborgen, weil ich Mathilda per Kaiserschnitt entbinden musste – sie lag in Beckenendlage und hatte die Nabelschnur um den Hals. Zur ersten Vorsorgeuntersuchung im Krankenhaus begleitete er sie, als stolzer Vater.

Mathilda ist erst sechs Monate alt und ein ziemliches Mamakind. Aber für ein paar Stunden lässt sie sich auch von ihrem Papa bespaßen. Dann lasse ich die beiden alleine und koche oder lege mich in die Badewanne. Ich musste mich erst mal daran gewöhnen, dass jemand in die Wohnung kommt, der nicht mich, sondern Mathilda besucht.

Aber die beiden müssen sich ja aneinander gewöhnen. Irgendwann wird Mathilda ja auch bei ihm übernachten. Zwei Tage die Woche soll sie bei ihm wohnen. Aber wir werden flexibel bleiben – schließlich haben wir als Flugbegleiter variable Arbeitszeiten. Doch es ist dann sicher auch ganz angenehm, das Kind für ein paar Tage beim Vater abgeben und sich in Ruhe um sich selbst kümmern zu können. Zumindest beneiden mich meine Freundinnen, die in klassischen Familienmodellen leben, jetzt schon darum.

Dass der Vater meines Kindes nicht zugleich mein Lebenspartner ist, hat aber noch einen weiteren Vorteil: Für mich fallen viele Rollen weg, denen junge Mamas sonst gerecht werden müssen. Ich kann mich voll und ganz auf das Baby konzentrieren und muss nicht zugleich die perfekte Hausfrau und Geliebte sein. Wenn Mathilda müde ist und ich auch, dann gehen wir um 18:00 Uhr ins Bett. Und niemand ist wütend, weil er jetzt eigentlich noch gerne quality time mit mir gehabt hätte. Meine Mutter ist jedenfalls überzeugt: "Da hast du es viel entspannter als ich damals." Das alles unter einen Hut zu bringen sei ihr schwergefallen.

Aus meinem Umfeld habe ich auch sonst nur positives Feedback zu meiner Entscheidung bekommen. Die meisten finden einfach, dass es perfekt zu mir passt, ein solches Familienmodell auszuprobieren. Sie wissen, wie sehr ich mir ein Kind gewünscht habe.

Dass wir kein Paar sind, hilft auch bei den Entscheidungen, die man als Eltern treffen muss. Wir sind pragmatischer und brauchen keine Beziehungskrise zu fürchten. Wenn wir uns streiten, müssen wir danach kein Bett teilen, sondern können uns in Ruhe zurückziehen und am nächsten Tag noch mal nüchtern darüber sprechen. Bisher waren wir uns aber bei keinem Thema, das das Kind angeht, uneinig. Ich habe vieles schon im Vorhinein geplant, er lässt die Dinge eher auf sich zukommen. Aber er mag es eigentlich auch gerne, wenn jemand die Richtung vorgibt. Da passen wir gut zusammen. Auch wenn wir als Paar niemals funktionieren würden. Als Partner habe ich lieber jemanden, der mich mitzieht, als jemanden, den ich aus den Puschen holen muss.

Mathilda ist jetzt sechs Monate alt und meine absolute Priorität. Den Traumprinzen zu finden steht aber noch immer auf meiner To-do-Liste. Vielleicht sogar, um noch ein weiteres Kind zu bekommen. Heute hatte ich das erste Date seit dem Baby. Mal sehen, wie es sich entwickelt. Zur Not muss Papa eben babysitten ...