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Morgens Uni, abends Escort, na und?

Von GRAZIA am Mittwoch, 22. November 2017 um 16:49 Uhr

Babysitten, Kellnern, Supermarktregale füllen: Die wenigsten Studentenjobs sind erste Sahne, aber zumindest machen sich manche ganz gut im Lebenslauf. Lina (28) jedoch muss ihre Nebenbeschäftigung verschweigen – sie hat für Geld Sex mit Männern. Und steht dazu...

2300 Euro bekomme ich bar auf die Hand, wenn ich ein Wochenende mit einem Mann verbringe. Davon können die meisten Frauen in meinem Alter nur träumen. Aber für das Geld muss ich auch ein bisschen was tun. Ein bisschen, das für viele eine Grenze überschreitet. Für mich tut es das nicht. Ich arbeite neben meinem Masterstudium als Escort-Dame. Das heißt: Männer buchen mich als ihre Begleitung. Das kann die Firmenweihnachtsfeier, ein Abendessen oder ein Theaterbesuch sein. Was viele daran so verwerflich finden? Manchmal endet der Abend eben auch mit Sex. Sogar ziemlich oft, und das ist auch völlig okay so. Als Prostituierte würde ich mich deshalb trotzdem nicht bezeichnen, eher als eine Art Freundin auf Zeit für den Kunden – und die schläft ja schließlich auch mit ihrem Freund.

Mein Kindheitstraum war es natürlich nicht, für Geld mit Männern zu schlafen, aber es kam eben alles ganz anders. Ich bin in einem Kaff in Ostfriesland aufgewachsen, wollte dann irgendwas mit Medien machen und bloß weg vom platten Land. In Bremen fing ich mein Bachelorstudium an, aber irgendwie wurde ich nicht so richtig warm mit der Stadt und mit dem Studentenleben. Ich war schüchtern, das Studium überforderte mich, und es frustrierte mich, wie alle auf Ersti- Partys gingen und sich dann hemmungslos wegschossen. Ich kannte das nicht.

Auf einer WG-Party hatte ich schließlich eine Begegnung, die alles veränderte. Da war so ein Mädchen, ganz anders als ich damals, cool und in sich ruhend. Angeschickert erzählte ich ihr von meinem Frust und auch, dass ich ziemlich pleite war. Als die Musik immer lauter wurde und wir immer betrunkener kicherten, flüsterte sie mir zu, dass sie mit Männern ausgeht und dafür bezahlt wird.

Ich war erst verstört, dann angefixt – und dachte am nächsten Morgen verkatert als Erstes wieder an unser Gespräch. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr gefiel mir die Idee – das Geld, die Selbstbestimmung, auch der Sex. Erst mit 16 hatte ich meinen ersten festen Freund gehabt – für ein paar Monate. Da gab es nur Missionarsstellung im Kinderzimmer, aber bitte schön leise, die Eltern schliefen ja nebenan. Das fand ich damals schon langweilig. Und irgendwas in mir wünschte sich jetzt, in diese andere Welt einzutreten. Die Kommilitonin vermittelte mich an ihre Agentur, und heute ist Caro meine beste Freundin. Übrigens auch die einzige.

Dann ging alles ganz schnell. An meinen ersten Kunden erinnere ich mich noch genau. Ich war wahnsinnig aufgeregt. Es sollte schließlich alles perfekt sein. Er war Mitte 40, nicht mein Typ, aber ganz charmant und gut gekleidet. Die meisten der Männer sind gut verdienende Anzugträger, und viele tragen auch einen Ring an ihrer rechten Hand. Mein erster Kunde nicht, vielleicht hätte mich das damals noch gehemmt. Ich begleitete den Mann auf einen Termin und offenbarte ihm sogar, dass es mein erster Job dieser Art sei. Als der Abend zu Ende ging, war ich unsicher, was noch kommen würde.

Er fragte ohne Umschweife, ob ich mit in ein Hotel kommen möchte, und gleich war alles klar. Sex ohne Liebe war für mich früher undenkbar, doch nun lag ich da mit diesem Typen, der mich wahnsinnig begehrte. Obwohl ich nicht so recht wusste, was ich tat, fühlte es sich gut an – auch der Moment, als er mir die Scheine in die Hand drückte.

Und das sind nicht gerade wenige. Für ein Dinner – ja, nur ein Dinner – verlange ich 250 Euro, für vier Stunden inklusive Sex das Doppelte. Eine ganze Nacht mit mir kostet 1000 Euro, ein Wochenende 2300 Euro, Erotik inklusive. Die meisten meiner Kunden buchen mich regelmäßig. Ich glaube, ich bin besonders gefragt, weil ich mit meinen dunklen Locken, den Sommersprossen und Kleidergröße 38 eben nicht der Vamp bin. Sondern wie eine ganz normale Studentin aussehe, die auch was im Kopf hat.

Niemand glaubt es mir, aber ja, ich habe Spaß bei dieser Arbeit. Allein die Dates sind meist ziemlich aufregend, denn ich komme an Orte und zu Veranstaltungen, zu denen ich sonst keinen Zutritt hätte. Außerdem geben sich die Typen wirklich Mühe, mir alles recht zu machen. Das gilt auch für den Sex, den genieße ich wirklich, denn ich kann alles ausprobieren.

Zwei bis drei Abende pro Woche verbringe ich mittlerweile bei solchen Verabredungen. Nur nicht in Klausurphasen, da geht Uni wirklich vor. Am Anfang hatte ich meine Prioritäten falsch gesetzt und Vorlesungen ausfallen lassen, weil ich noch unterwegs war. Daraus habe ich gelernt. Trotzdem geht es mir finanziell viel besser als meinen Mitstudenten. Die wissen gar nichts von meinem Nebenjob, genau wie meine Familie. Alle glauben, ich würde kellnern – ich habe mir ein ziemlich stabiles Lügengerüst aufgebaut. Caro ist die Einzige, die Bescheid weiß und der ich auch von Stress oder von meinen Gefühlen erzählen kann.

Bei der Arbeit habe ich mich noch nicht verliebt. Zum Glück. Denn privat geht mir gerade ein Doktorand aus meinem Fachbereich nicht mehr aus dem Kopf. Seit drei Monaten hilft er mir beim Lernen, wir schreiben uns täglich, und manchmal kochen wir gemeinsam. Verliebt war ich ewig nicht mehr, deshalb kann ich das Kribbeln im Bauch nicht so wirklich einordnen. Jedenfalls hoffe ich, dass es bald nachlässt. Das würde mir das Leben um einiges erleichtern.

Ewig kann ich den Job nicht machen, das ist mir klar. Aber ich vermute mal, dass er mir fehlen würde. Das Geld, die Gesellschaft. An dieses Parallelleben habe ich mich in den vergangenen sieben Jahre gewöhnt, auch wenn die Gefühle ein wenig auf der Strecke geblieben sind.

In einem Jahr bin ich mit dem Studium fertig, anschließend würde ich gerne noch promovieren. Was aber auch bedeutete: weitere drei Jahre, in denen ich kaum was verdiene. Die Vorstellung, in der Zeit mit dem Escort-Job weiterzumachen, ist verlockend. Manchmal, wenn ich etwas herumspinne, denke ich, als Frau Doktor und Escort-Dame könnte ich so einige Klischees auf beiden Seiten aufbrechen. Oder ich könnte selbst darüber forschen. Aber dafür müsste ich mich ja outen.
Und das werde ich nie tun.

 

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