Die Vergangenheit im Kaffeesatz lesen

Die Vergangenheit im Kaffeesatz lesen

Wer guten Kaffee trinken möchte, beschäftigt sich mit dessen Geschichte.

© Photo by Nathan Dumlao on Unsplash
Der Kaffee am Morgen oder zwischendurch – für die meisten unverzichtbar.

Die deutsche Bevölkerung ist gut hydriert. Bei Gedanken an Klischees, Oktoberfest, Karneval und Kurztrips in den 16 Bundesländern fällt einem vor allem das Bier ein. Aus gutem Grund, denn im weltweiten Vergleich konsumieren die Deutschen die drittgrößte Menge des Hopfendrinks. Doch es gibt ein weiteres Getränk, dass in Rekordhöhe getrunken wird. Es befolgt ebenfalls ein Reinheitsgebot und wird von der deutschen Bevölkerung verehrt wie flüssiges Gold: der Kaffee.

Lieblingsgetränk mit Reinheitsgebot – Der Kaffee in Deutschland

Guter Kaffee ist ein Genuss, auf den viele nicht mehr verzichten möchten. Nach den USA und Brasilien ist Deutschland auch hier auf dem dritten Platz im Marktvergleich – wobei in Brasilien nach wie vor die Hauptproduktion von Rohkaffee stattfindet. 169 Liter des wohlriechenden Heißgetränks genießen die Deutschen pro Kopf, laut einer Studie des Deutschen Kaffeeverbands aus dem Jahr 2021. Beim Bier sind es „nur“ 106 Liter. Das ist über die Coronazeit gestiegen. Obwohl deutlich weniger Röstkaffee außer Haus verzehrt wurde – die Gastronomie und Büros waren nun mal unzugänglich – hat der Anstieg des Konsums zuhause diesen Verlust nicht nur ausgeglichen, sondern sogar überkompensiert. Dabei achtet die deutsche Bevölkerung auch auf Qualität und Frische: Der Verzehr von Kaffee in ganzen Bohnen stieg 2021 um 11,1 Prozent. Mittlerweile hat jeder dritte deutsche Haushalt einen Kaffeevollautomat. Der dunkle Trinkgenuss hat somit bewiesen, dass er krisenfest ist. Bier mit Deutschland zu assoziieren ist also nur die halbe Wahrheit über das Trinkverhalten des Landes.

Der betörende Duft gerösteten Kaffees

Doch wissen wir eigentlich, was ein guter Kaffee ist? Sommeliers gehen seit längerem dieser Frage nach. Denn die Profis im Schmecken beschäftigen sich nicht allein mit Weinen. Neben dem Kennenlernen, Abschmecken und kulinarischem Kombinieren mit geeigneten Speisen von edlen Erzeugnissen vergorener Weinreben haben sie ihre Geschmacksknospen mittlerweile auch auf Wassersorten und Kaffee trainiert. Dass die Welt des Kaffees ein facettenreiches Universum verschiedenster Geschmacksfarben hat, bestätigt der Gründer von Coffee Annan Marcel Lorenz: "Je nach Herkunftsland entstehen Kaffees, die mal blumig, mal schokoladig oder fruchtig schmecken. Tatsächlich ist Kaffee mit rund 800 verschiedenen Aromen ein noch komplexeres Produkt als Wein."

Den Bohnen solche vielfältigen Aromen zu entlocken, ist der Clou in der Kaffeeproduktion. Bei den Konsument:innen wird es vermutlich selten hinterfragt, wie in den kleinen dunklen Früchten so viel Intensität stecken kann. Der Kaffee kommt in die Maschine, der Raum beginnt zu duften, sobald das Getränk seinen Dampf in der Luft verteilt. Doch wo steckt eigentlich der Geschmack? Würden wir die Kirschen der Kaffeepflanze pflücken, die innenliegenden Bohnen herauslesen und uns dann einfach eine Tasse daraus brühen, hätten wir nur wenig Freude daran. Entscheidend ist nämlich die Röstung oder auch Veredlung. "Das Rösten ist die hohe Kunst bei der Produktion. Erst hier werden die besten Aromen aus den Bohnen entlockt, für die Kaffee so bekannt ist." betont Marcel Lorenz und erklärt, wie es funktioniert: "Um einen balancierten Kaffee zu entwickeln, muss er einerseits schonend geröstet werden, das heißt bei geringer Temperatur. Wir sprechen hier von etwa 200 Grad. Andererseits muss die Röstung über einen längeren Zeitraum stattfinden, zwölf bis 20 Minuten. Bei industriell geröstetem Kaffee, also Supermarktkaffee, geht es immer nur um Produktivität. Wenn möglichst viel Kaffee in kurzer Zeit geröstet wird, geht das wichtigste verloren. Dem Ergebnis fehlt das Aroma. Supermarktkaffees haben keine nennenswerte Struktur, schmecken verbrannt oder bitter."

So lang wie eine Schwangerschaft – 9 bis 10 Monate bis der Kaffee zu uns kommt

Weil es sich um ein Naturprodukt handelt, ist nicht jede Pflanze gleich gewachsen und dementsprechend von unterschiedlicher Güteklasse. Um die Qualitätsdifferenzen während des Verarbeitungsprozesses festzustellen, wird auf jede einzelne Bohne geachtet. Minderwertige Früchte werden bei Coffee Annan beispielsweise per Hand aussortiert oder via Wassertanks die an der Oberfläche treibenden abgenommen. Rohkaffee im Anbauland herzustellen bis er exportfertig ist, braucht genauso lange wie ein Kind zu bekommen. Neun bis zehn Monate des Anbaus, der Ernte und Verarbeitung mit Hingabe und gezielter Aufmerksamkeit für ein Genussmittel am Morgen oder Nachmittag, für das die meisten Verbaucher:innen unter zehn Euro bezahlen.

Daher lohnt es, sich vor dem Kauf mit der Geschichte der abgefüllten Packung zu beschäftigen. Wer bei der Anschaffung des Kaffees auf dessen Vergangenheit, also die Herkunft, Schritte im Herstellungsprozess und auf Zeitangaben achtet, erkennt wirkliche Qualität. Der gut vernetzte Kaffeeexperte Marcel Lorenz gibt diesbezüglich einen Hinweis: "Das Röstdatum ist entscheidend für den Genuss. Hier gilt es, den Kaffee nicht sofort nach der Röstung zu genießen. Üblicherweise braucht es sieben bis 21 Tage, je nach Röstgrad, bis das Aromaprofil sich voll entwickelt hat." Schnell muss man hierbei bemerken, dass viele Informationen auf der Verpackung fehlen. "Wer genau hinschaut, wird feststellen, dass bei Supermarktkaffee nahezu niemals das Röstdatum angezeigt wird. Wer richtig guten Kaffee trinken möchte, kauft deshalb frisch vom Röster."

Der Blick in die Vergangenheit schafft Bewusstsein für die Zukunft

Ob jemandem die Tasse der gemahlenen Bohne nun stark, bitter, säuerlich oder vollmundig besser schmeckt, ist eine Frage individueller Vorliebe. Doch um zu wissen, ob ein Kaffee wirklich gut ist, muss auf seine Geschichte geachtet werden. Das internationale Lieblingsgetränk benötigt viel Zeit in der Herstellung, viele Akteur:innen für verschiedene Produktionsschritte und reist lange Wege bis es in der Küche der Verbrauchenden ankommt. Weil so viele Menschen im Vorhinein unserem Kaffee so viel Aufmerksamkeit geschenkt haben, sind wir es ihnen und der Umwelt in gewisser Weise schuldig, uns vor dem Kauf und Genuss genauer mit dem Produkt zu beschäftigen. Der Blick in den Kaffeesatz lohnt sich – für die Vergangenheit und Zukunft.

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