Story-Time: "Ich liebe Glitzer-Make-up ... obwohl ich farbenblind bin"

Story-Time: "Ich liebe Glitzer-Make-up ... obwohl ich farbenblind bin"

Natasha Caudill sieht die Welt von Geburt an in Schwarz-Weiß. Doch ihr größtes Hobby ist, sich zu schminken. Hier erzählt die 24-Jährige, wie sie das hin- kriegt und warum Make-up ihr Leben trotzdem bunter macht.

Protokoll: Franziska Sempell

© Natashac44

Ich weiß, dass Wasser Blau und Gras grün ist. Nur wie diese Farben aussehen, das weiß ich leider nicht. Ich bin Natasha, 24 Jahre alt, lebe in Chicago und bin seit meiner Geburt farbenblind. Genauer gesagt wurde ich mit Achromatopsie geboren, einer seltenen Augenkrankheit, die neben der Farbenblindheit auch mein Sehvermögen stark beeinträchtigt. Trotzdem führe ich ein ganz normales Leben mit ganz normalen Hobbys. Mein größtes ist (für viele klingt das erst einmal unver- ständlich): Make-up!

Ich habe schon sehr früh damit angefangen, mich zu schminken, weil ich als Jugendliche starke Akne hatte und sie verdecken wollte. Nach und nach hat sich daraus eine richtige Leidenschaft entwickelt. Seit etwa zwei Jahren gebe ich auf TikTok unter dem Account Natashac44 Schmink-Tutorials, die mittlerweile von mehreren Millionen Menschen angeschaut werden. Meine Videos lade ich in Schwarz-Weiß hoch, weil ich möchte, dass meine Zuschauer einen Eindruck davon bekommen, wie ich mein Make-up sehe.

Ich spüre gern die verschiedenen Texturen auf meiner Haut, und ich liebe Glitzerlidschatten, weil ich das Funkeln sehen kann. Auch wenn ich nicht erkenne, um welche Farbe es sich handelt, weiß ich mittlerweile genau, wie ich Lidschatten auftragen und verblenden muss. Wenn er dann auch noch toll duftet, wie die Lidschattenpaletten von "Too Faced", dann bin ich happy! Was mir unfassbar beim Schminken hilft, ist, wenn Beauty-Brands ihre Produkte mit den genauen Farbbezeichnungen betiteln. Wenn ein Lidschatten nämlich nur "Eye Colour 780" heißt, bringt mir das nichts. Besonders vorbildlich ist hier die Marke "Colour Pop" – auf ihrer Website wird jede Farbe genau beschrieben, und ich kann mir überlegen, welche miteinander harmonieren.

Einmal war ich mit meinem Papa unterwegs, und plötzlich fragte er mich ganz erschrocken: "Kind, geht’s dir nicht gut? Du bist ja ganz grün angelaufen!" Da wurde mir bewusst, dass ich anstelle des Concealers einen grünen Colour-Correcting-Pen benutzt habe, um meine Augenschatten zu kaschieren. Ein anderes Mal sprach mich eine Kommilitonin auf einer College-Party an und sagte: "Ist ja witzig, dass du deine Wimpern in unserer Collegefarbe Lila tuschst." Wie bitte? Ich dachte, meine Mascara wäre schwarz! Das Fatale: Ich lief bereits seit mehreren Monaten mit dieser Mascara rum, und alle dachten, ich würde unser College ein bisschen zu sehr lieben. Aber ganz ehrlich, solche Dinge passieren eben und ich kann darüber lachen. Mein Wunsch für die Zukunft ist dennoch, dass noch mehr Beauty-Firmen eine Sensibilität für Farbenblindheit entwickeln und ich nie wieder mit lila Mascara rumlaufen muss.

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