Retinol: Der Wirkstoff auf dem Prüfstand

Retinol: Der Wirkstoff auf dem Prüfstand

Viele schwören auf das Vitamin-A-Derivat Retinol, weil es die Zellerneuerung ankurbelt und Fältchen killt. Aber das Anti-Aging-Mittel hat auch Kritiker. Macht euch selbst ein Bild: drei Experten-Meinungen. 

Text: Kathrin Käsemann

Retinol: Dr. Barbara Sturm sagt Nein Danke!

Stars weltweit (Elton John, Chiara Ferragni, Bella Hadid) schwören auf die deutsche Molekularkosmetik von Dr. Barbara Sturm. Retinol findet man allerdings in keinem ihrer Produkte. Und dafür hat die Fachfrau auch eine Erklärung…

1. Wieso kommt Retinol in Ihren Produkten nicht zum Einsatz? 

Dr. Barbara Sturm: Vitamin A in Retinol-Form kann sehr reizend wirken und Entzündungen provozieren. Das Prinzip, das hierbei den Anti-Aging-Effekt bringen soll, basiert auf der Zerstörung der Hautbarriere, die so zur Reparatur gezwungen wird. Ich habe damals meine Linie mit der Vision konzipiert, die Hautbarriere nicht durch Irritation zu schwächen, sondern durch bedenkfreie Wirkstoffe zu stärken. 

2. Was sind das für Wirkstoffe?

Ich arbeite etwa mit Purslane und Hyaluronsäure. Ersteres ist eine Heilpflanze, die hilft, Enzyme zu aktivieren, die den Alterungsprozess für eine stärkere, gesündere Hautstruktur verlangsamen. 

3. Sie raten also gänzlich von Vitamin A in der Hautpflege ab?

Ich gebe Empfehlungen und sage niemandem, was er zu tun oder zu lassen hat. Ich persönlich würde es nie verwenden, meine Philosophie beruht auf antientzündlicher Medizin. Und wenn ein Produkt oder Wirkstoff während der Schwangerschaft nicht verwendet werden soll – was auf Retinol zutrifft – ist es definitiv nicht zu empfehlen. Es gibt medizinische Fälle, wie starke Akne oder Rosacea, wo Retinol helfen kann – dann aber vom Arzt verschrieben werden sollte, um über Nebenwirkungen aufzuklären. 

"Ich persönlich würde es nie verwenden" – Dr. Barbara Sturm


©Dr. Barbara Sturm

Retinol? Paula Begoun ist ein Fan

Die Gründerin der erfolgreichen Marke Paula's Choice formuliert ihre Produkte seit über 25 Jahren mit Retinol. Ihre eigene Haut reagiert auf den Stoff jedoch zickig…

1. Warum setzen Sie auf Retinol?

Paula Begoun: Die Forschung spricht für sich. Retinol als Hautpflegein­haltsstoff wird seit den frühen 1960er-Jahren erforscht. Es gibt über hundert veröffentlichte Studien, die zeigen, wie Retinol eine Vielzahl von Problemen beheben kann: Falten, Elastizitätsverlust, Verfärbungen, verstopfte Poren oder etwa Akne. Aus all diesen Gründen gilt Retinol für fast jeden als Multitasking-Superhelden-Zutat.

2. Wieso nur für fast jeden?

Ich gehöre etwa zu den Menschen, die empfindlich auf Retinol reagieren, weshalb ich den Inhaltsstoff nicht nutzen kann. Viele Menschen können ein Retinol-Produkt aber völlig problemlos verwenden und mit einer beliebigen Konzentration beginnen. Manche müssen sich langsam herantasten und damit beginnen, es nur jeden zweiten Tag zu verwenden.

3. Ist die Verträglichkeit Hauttypen-Sache?

Wie die Haut reagiert, ist bei jedem Menschen unterschiedlich und hängt nicht unbedingt vom Hauttyp ab. Manche Menschen mit empfindlicher Haut neigen dazu, reaktiver zu sein – aber das ist dann nicht nur bei Retinol, sondern anderen Wirkstoffen auch der Fall. Ich rate bei fettiger Haut zu einer leichten, dünnflüssigen Textur, während normale bis trockene Haut auf cremige, reichhaltige Produkte setzen sollte.

4. Sie sprachen vorhin die Konzentrationen an. Was gilt es hierbei zu beachten?

Schon 0,01 Prozent haben sich als hilfreich erwiesen. Höhere Konzentra­tionen bis zu einem Prozent eignen sich hervorragend für schwierige Hautprobleme wie fortgeschrittene Sonnenschäden, tiefe Falten und schlaffe Haut sowie hartnäckige Akne. Prinzipiell gilt, dass Inhaltsstoffe, die in Kosmetika verwendet werden, wie etwa Retinol, in langjähriger Forschung als sicher erwiesen wurden. 

"Studien beweisen, dass Retinol ein Superheld ist" – Paula Begoun


©Paula Begoun

GRAZIA-Selbsttest mit Retinol in der Hautpflege

Wer in der Beauty arbeitet, muss sich mit Retinol befassen. Schon vor Jahren haben mir Kolleginnen von ihren Erfahrungen mit Kuren berichtet. Die eine schwärmte von ihrem glatten Teint, die andere schimpfte über gestresste Haut. Als ich bei einer Hautanalyse erfuhr, dass tiefe Sonnenschäden in meiner Haut sitzen (was mir für mein Alter leider auch eine hohe Faltendichte beschert), liebäugelte ich ebenfalls mit dem Power-Wirkstoff und wagte im Winter vorigen Jahres den Selbstversuch. Mit einigen Bedenken, denn meine Haut ist eine Diva. Die dunkle Jahreszeit eignet sich ideal, weil Retinol die Haut lichtempfindlich macht. Ich greife also zu niedrigen 0,3 Prozent und starte im Schongang. Nur alle zwei Tage trage ich es vor dem Schlafengehen auf. Meine Haut schuppt sich nach einer Nacht, was logisch ist, denn Retinol fördert die Bildung neuer, sogenannter Babyzellen und stößt so die alten ab. Nach und nach bekomme ich ein Gefühl dafür, wann ich Pausen brauche und wann ich nachlegen kann. Über den Wirkstoff kommt eine reichhaltige Feuchtigkeitscreme und ein Mal die Woche nutze ich ein sanftes Glykolsäurepeeling (Hallo, Glow!). Sofortige Ergebnisse? Sind leider nicht drin, man braucht vier bis acht Wochen Geduld. Ich staune nicht schlecht: Nach knapp zwei Monaten ist mein Teint wie neu! Ebenmäßig, prall und glatt. Diesen Winter steht wieder eine Retinolkur an. Ich schiele aber auch auf brandaktuelle pflanzliche Alter­nativen wie Bakuchiol.

Mein Fazit: Jeder muss für sich selbst herausfinden, welche Produkte der Haut guttun. Retinol fällt jedenfalls in eine andere Kategorie als etwa Aloe vera – hier sind Achtsamkeit und Feingefühl gefragt. Meiner Meinung nach lohnt es sich…

"Nach zwei Monaten ist mein Teint wie neu" – Kathrin Käsemann, Beauty-Redakteurin


©Kathrin Käsemann

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