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Felix Nieder im Interview: "In der Mode habe ich keine Grenzen und bewege mich fließend zwischen den Geschlechtern"

Felix Nieder im Interview: "In der Mode habe ich keine Grenzen und bewege mich fließend zwischen den Geschlechtern"

Wir haben Model Felix Nieder anlässlich seiner Dokumentation "Felix Nieder, das genderfluide Model" in der ARD und dem NDR zum Interview getroffen und sprachen über das Genderfluid-Sein, diverse Mode in Deutschland und Hasskommentare auf Social Media 

© Getty Images
Felix Nieder bei der Marc Cain Spring/Summer 2023 Show anlässlich der Mercedes Benz Fashion Week in Berlin

Du definierst dich als genderfluides Model. Wie findest du, wird das Thema auf den Laufstegen umgesetzt und welche Unterschiede gibt es zur Male und Female Fashion Industry?

In Deutschland wird das Thema auf den Laufstegen kaum bis gar nicht umgesetzt. Wir haben immer noch sehr starke stereotypische Strukturen. Das heißt, klassische Frauen- oder Männershows. "Unisex" oder "Genderfluid" sind Begriffe, die sich erst langsam in Deutschland etablieren. Bisher war ich das einzige Model, das als Mann mehrfach auch Frauenshows auf den Fashion Weeks in Deutschland laufen durfte und das immer noch mit Gegenwind.

Was bedeutet für dich, genderfluid zu sein?

Erst einmal vorab: Für mich ist genderfluid sein nicht, dass ich als Mann nur noch in Frauenkleidung über die Laufstege oder roten Teppiche gehe. Ich identifiziere ich mich als Cis-Mann. Es bedeutet viel mehr, dass ich mir den Freiraum gebe, das zu tragen, was ich möchte. Wenn ich morgen ein Kleid anziehen will, dann mache ich das. Am nächsten Tag gehe ich dann vielleicht im Smoking zu einer Award Show und kombiniere Bart und Make-up. In der Mode habe ich keine Grenzen und ich bewege mich fließend zwischen den Geschlechtern.

Genderfluide Mode ist auf Deutschlands Laufstegen noch nicht wirklich vertreten. Woran denkst du, liegt das?

Deutschland ist ein sehr strukturelles Land, sei es in der Bürokratie, Politik oder eben auch in der Mode. Lange Zeit herrschten sehr konservative Ansätze und es fällt dem Land sichtlich schwer, von diesen Ansätzen loszulassen. Erst jetzt mit der Generation Z werden Themen wie Identifikation und Sexualität immer präsenter. Das muss natürlich auch bei den großen Marken erst ankommen, die noch keine Berührungspunkte damit hatten.

Wie würdest du deine Community auf Instagram und TikTok beschreiben? Supporten alle deine Follower:innen deine Modelkarriere als genderfluides Model?

Da ich sehr transparent mit meiner Identität auf Instagram und Co. umgehe, folgen mir Menschen, die sich mit mir identifizieren können. Oft sind es Follower:innen aus dem LGBTQ+ Bereich oder die Mode lieben. Daher ist meine Community sehr offen und ich habe viele Follower:innen, die sich für die Gesellschaft einsetzen. Manchmal sind aber auch Menschen dabei, die noch Hilfe bei ihrem Weg brauchen und mich um Rat fragen. Das berührt mich dann besonders und ich mache das gerne.

Du bist in Elmshorn in Schleswig-Holstein aufgewachsen. Wie war die Schulzeit für dich und musstest du dort schon mit Anfeindungen umgehen?

Als ich meine Identität während der Schulzeit immer mehr gefunden habe, kamen auch die ersten Anfeindungen. So wurde ich oft als "zu weiblich" betitelt. In einer Kleinstadt war ich quasi ein "Exot". Ich wurde abgelehnt für das, was mich eigentlich glücklich gemacht hat. Ablehnung gab es für das "Ungewohnte" ... das "Anderssein". Meine Entwicklung zu mir selbst wurde dadurch definitiv gehemmt. Ich habe immer versucht, darüber zu stehen und selbstbewusst damit umzugehen, obwohl es nicht nur ein äußerer Kampf war, sondern vor allem ein innerer.

Wie gehst du mit Hasskommentaren um?

Ich bekomme oft Hasskommentare von Menschen, die mir nicht folgen. Für die es eben fremd ist, was ich mache oder welche Ideologien ich zeige. Auf einem Video mit 1,7 Millionen Aufrufen, wo ich mich in verschiedenen Outfit-Rollen zeige, habe ich über 100 Hasskommentare und das nur weil ich nicht so aussehe oder agiere, wie ein stereotypischer Mann. Dort heißt es zum Beispiel: "Wenn man Style auf Wish bestellt" oder "Richtig hässliche Kleidung". Mich hat es aber nicht berührt, weil ich weiß, in bin nicht falsch, sondern es sind Menschen, die mit sich nicht zufrieden sind. Ich habe aber Geduld mit ihnen. Denn Hass mit Hass zu bekämpfen ist nicht meine Art. Ich hoffe, dass sie irgendwann durch mehr Sichtbarkeit einsehen, dass wir alle so sein können, wie wir sein wollen.

Wie authentisch ist diverse Mode in Deutschland für dich?

Leider ist Diversität in der Modewelt sehr an Profit gebunden. Das heißt es werden bestimmte Randpersonengruppen nur gezeigt, damit sich die Firmen "reinwaschen". Wir sprechen hier von verschiedenen "Washing-Arten" wie "Pinkwashing". Es gibt bekannte Beispiele – Sendungen, wo bewusst ein curvy oder ein älteres Model gezeigt wird. Genauso wie in zum Beispiel Werbungen mehr LGBTQ+ stattfindet. Grundsätzlich ist Sichtbarkeit sehr wichtig. Ab dem Zeitpunkt, wo sich Firmen denken: "Diese Personen müssen wir zeigen, damit wir besser ankommen, das wird von uns erwartet!"… ist es nicht mehr authentisch.

Ich möchte als "Felix" gebucht werden, weil ich ein tolles Model bin und nicht weil ich eine bestimmte Sexualität habe.

Wie hast du dich selbst gefunden ?

Was bedeutet überhaupt, sich zu finden? Glücklich zu sein? Seine Identität gefunden zu haben? Mit sich im Reinen zu sein? Ich glaube, es ist eine Reise, die nie ganz aufhört, da wir uns immer weiterentwickeln und ich mich jedes Mal neu finde. Aber wenn eines der aufgezählten Fragen ein Merkmal für die Findung ist, dann war es das erste Mal vor 4 Jahren, denn da habe ich mich das erste Mal nicht gefragt, ob es peinlich oder falsch ist, was ich mache. Ich habe mich nicht mehr hinterfragt. Das war meine Zeit in Amerika, wo mir alles offener und individueller erschien. Manchmal ist es sogar so, dass wir wieder verlernen müssen, was wir uns antrainiert haben. Nicht alles, was wir lernen, ist richtig. So musste ich verlernen, dass Verurteilung und Schubladendenken angebracht ist. Lege ich andere nicht in eine Schublade, habe ich selbige eben auch nicht für mich. Und wer will schon in einer Schublade verstauben? Denn jetzt kann ich endlich scheinen.

Wo siehst du dich in 5 Jahren?

Mein Ziel ist es gar nicht primär, das erfolgreichste oder berühmteste Model auf der Welt zu werden, aber ich möchte in meinem Leben mit meinem Job etwas bewegen. Genau das passiert gerade mit meiner eigenen Doku im Fernsehen. Ich möchte das weiter ausbauen und in Talkshows sprechen und aufklären, mehr Zeichen auf den Laufstegen setzen, mehr in den direkten Austausch mit den neuen Generationen gehen und damit ein Vorbild sein. Ich möchte das Model werden, das Impulse setzt und die Gesellschaft positiv bewegt.

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