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Kinderwunsch vs. Karriere: Warum wir aufhören müssen, Frauen eine Wahl aufzuzwingen

Ikonen wie Prinzessin Kate, Anne Hathaway und Co. lieben ihre Brand, doch DeMellier-Gründerin Mireia Llusia-Lindh will mehr als nur schöne Accessoires herstellen. Im Interview sprechen wir über die unfairen Realitäten, denen Frauen im Business noch immer begegnen – von der ungleichen Geldverteilung in der Finanzwelt bis zum Mental Load zu Hause. Ein Gespräch über gesellschaftliche Hürden und die Frage, wie wir das System endlich so verändern, dass Frauen sich nicht mehr zwischen Kind und Karriere entscheiden müssen.

Kinderwunsch vs. Traumjob: Warum wir aufhören müssen, Frauen eine Wahl aufzuzwingen© PR
Mit ihrer klaren Haltung und ihrem strategischen Scharfsinn ist Gründerin Mireia Llusia-Lindh längst zu einem inspirierenden Vorbild für Frauen weltweit geworden.

Eine Frau an der Spitze eines globalen Modeimperiums, umgeben von einem starken, hauptsächlich weiblichen Team – man würde meinen, das sei in einer vermeintlich weiblich geprägten Branche die absolute Norm. Doch wer genauer hinsieht, merkt schnell: Die Realität auf den Führungsetagen ist noch immer eine ganz andere. Zwar erlebten wir in der Fashion-Welt in den vergangenen Jahren mit Begeisterung, dass wichtige Posten an der kreativen Spitze – mit Chemena Kamali bei Chloé, Sarah Burton bei Givenchy oder Meryll Rogge bei Marni – weiblicher besetzt werden, doch genau diese Euphorie unterstreicht eben auch, wie außergewöhnlich Frauen in den Chefetagen nach wie vor sind.

Mireia Llusia-Lindh bricht mit diesem Zustand nicht nur als Gründerin, sondern auch durch ihre Firmenphilosophie: Ein Großteil ihres Teams ist weiblich (alle Bewerber:innen wurden nach dem Leistungsprinzip gemeinsam von einer Frau und einem Mann ausgewählt). Sie selbst ist eine Frau, die ihr Business aufgebaut und erfolgreich gemacht hat. Herausforderungen und Stolpersteine auf dem Weg? Die gab es beim Aufbau ihres Labels genug, wie sie mir berichtet:

"Mein Weg in das Unternehmertum hat mich bewusster für die geschlechtsspezifische Ungleichheit gemacht als jede andere Phase meiner bisherigen Karriere", erzählt Mireia Llusia-Lindh im Gespräch. 

"Erst als ich anfing, DeMellier aufzubauen, wurde mir klar, wie ungleich die Rahmenbedingungen sein können."

Das böse Erwachen: Beim großen Geld regieren die Männer

Das böse Erwachen wartete dort, wo die Weichen für echten Erfolg gestellt werden: beim Geld. Mireia nimmt mich mit in die Finanzwelt und schildert mir die bittere Realität, der sich Unternehmerinnen stellen müssen:

"Die größte Herausforderung war der Zugang zu Kapital. Nur 2 % der Finanzierungsmittel von Venture-Capital- und frühen Private-Equity-Fonds gehen an von Frauen gegründete Unternehmen. Das liegt daran, dass Männer die Mehrheit der Sitze in den Investment-Gremien innehaben und es nur wenige Frauen gibt, ihre Investitionsentscheidungen infolgedessen oft voreingenommen sind, wenn es um Produkte von Frauen geht. Ich hatte das Glück, zu diesem kleinen Prozentsatz zu gehören, aber das muss sich ändern, da es von Natur aus diskriminierend ist. Darüber hinaus fand ich es sehr überraschend, dass eine Branche für Frauen, wie die Damenmode, an der Spitze immer noch weitgehend von Männern geführt wird, die Entscheidungen treffen, ohne dass weibliche Stimmen mit am Tisch sitzen."

Dieses Paradoxon erlebe ich selbst oft genug: Eine Industrie, die von weiblichen Konsumentinnen lebt, wird im Hintergrund von Männern gelenkt. Schaut man sich die großen Luxuskonzerne an, sind Frauen auf den Posten der CEOs oder in den Chefetagen der Megabrands nach wie vor eine absolute Seltenheit – und das, obwohl der Großteil der Mode-Absolvent(innen) weiblich ist. Die kreative und wirtschaftliche Macht wird beim großen Geld noch immer stark männlich verteilt.

Für ihr eigenes Label hat die Gründerin daraus eine klare Konsequenz gezogen: 

"Ich wollte, dass das Unternehmen als echte Leistungsgesellschaft funktioniert, dass die Stimmen von Frauen in Entscheidungsprozessen Gewicht haben, dass aber jeder – ob Mann oder Frau – ausschließlich nach seinen Fähigkeiten bewertet wird, unabhängig von Geschlecht, ethnischer Herkunft und dem Hintergrund. Ich bin sehr stolz darauf, ein Unternehmen mit Mitarbeitern aller ethnischen Gruppen und Hintergründe aufgebaut zu haben und dass sich gezeigt hat, dass ein werteorientiertes Unternehmen auch wirtschaftlich erfolgreich sein kann."

Kind oder Karriere: Muss ich mich entscheiden?

Doch selbst wenn wir im Job auf den Tisch hauen: Die größte Baustelle wartet oft zu Hause. Das mitunter emotionalste Streitthema unserer Generation bleibt die vermeintliche Balance zwischen einer steilen Karriere und der Mutterschaft. Die unsichtbare Last, auch bekannt als Mental Load, wiegt oft schwerer als jeder noch so stressige Arbeitstag in der Redaktion. Wo fangen wir da an? Die mentale To-do-Liste im Kopf hört niemals auf – vom Geschenk für den Kindergeburtstag über das Jonglieren von Arztterminen bis zum Einkaufszettel.

Zugegebenermaßen ist es ein Thema, das auch mich persönlich beschäftigt. Wenn ich auf all die Aufgaben blicke, die mit dem Muttersein einhergehen, ertappe ich mich immer wieder bei dem Gedanken: Kann ich das überhaupt schaffen? Ich liebe meinen Beruf, es ist mein absoluter Traumjob, den ich für nichts in der Welt aufgeben will. Gleichzeitig würde ich aber auch für mein Kind da sein und ihm meine volle Aufmerksamkeit schenken wollen. Aber lässt sich das vereinbaren? Oder gilt in unserer Gesellschaft am Ende doch immer noch die bittere Formel: Kinderwunsch statt Karriere?

Antworten von erfolgreichen Frauen wie Mireia sind in dieser Debatte goldwert. Auf meine Frage, wie sie als dreifache Mutter diesen Spagat meistert, legt ihre Antwort den Finger direkt in die Wunde:

"Für mich war die größte Erkenntnis, dass man, um Karriere und Mutterschaft unter einen Hut zu bringen, zuerst die ungerechte Aufteilung der Aufgaben angehen muss, die oft in einem Haushalt stattfindet."

Sie wird konkreter: "Selbst in entwickelten Ländern wie Großbritannien leisten Frauen auch heute noch 70 % mehr unbezahlte Arbeit (vom Kochen über die Organisation von Spielverabredungen für Kinder bis hin zu allem, was dazwischen liegt) als Männer." 

Ihre Bilanz bringt das Problem auf den Punkt:

"Machen wir uns nichts vor: Mit dieser Struktur werden wir niemals Gleichberechtigung erreichen, der Tag hat dafür einfach nicht genug Stunden."

Mental Load: Warum der Partner, der im Haushalt hilft, nicht reicht

Mireia hat diese Überlastung am eigenen Leib erfahren. Doch statt zu verzweifeln, fand sie eine geniale Lösung: Als ihr klar wurde, dass die Verantwortung zu Hause neben dem Aufbau ihres Unternehmens schlicht nicht mehr tragbar war, zog sie die Reißleine und setzte mit ihrem Partner auf eine radikale 50:50-Aufteilung.

"Ich habe buchstäblich eine Excel-Tabelle mit allen Aufgaben und der Zeit, die wir dafür aufwenden, geschrieben und sie zu gleichen Teilen auf uns beide aufgeteilt."

Ein Excel-Sheet als Beziehungs- und Karriere-Retter sowie Emanzipations-Turbo? Was im ersten Moment unromantisch klingt, ist bei genauerem Hinsehen genial. Denn beim Aufteilen ging es der Gründerin keineswegs darum, ihrem Mann ständig To-do-Listen zu diktieren. Vielmehr ging die gesamte Verantwortung für seine Aufgabenbereiche von der Planung bis zur Ausführung auf ihn über, was auch die mentale Last endlich gleichmäßig verteilte. 

"Das hatte eine transformative Wirkung auf mein Leben: Ich konnte mehr Zeit in das Wachstum meines Unternehmens stecken, das sich dadurch beschleunigte, ich konnte mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen, und es hat meinem Wohlbefinden extrem geholfen."

Genau das ist der Knackpunkt. Es geht nicht darum, dass der Partner "im Haushalt hilft". Es geht darum, dass er die mentale Verantwortung übernimmt. Welchen Rat sie anderen Frauen gibt, die vor derselben Herausforderung stehen? Ihr Appell an uns alle ist glasklar:

"Stellt sicher, dass euer Partner 50 % aller unbezahlten Aufgaben übernimmt, damit ihr genauso viel Zeit habt, in eure Karriere, eure Kinder und euch selbst zu investieren, wie Männer es tun. Ohne Gleichberechtigung zu Hause werden wir niemals Gleichberechtigung in der Gesellschaft erreichen, und der Wandel muss von uns selbst ausgehen."

Das Vorurteil der "schlechten Mutter" – und die Realität

Dass dieser Wandel zu Hause nicht nur Entlastung bringt, sondern die nächste Generation prägt, zeigt sich schwarz auf weiß. Eine Harvard-Studie belegt, dass Töchter von berufstätigen Müttern später im Job oft erfolgreicher sind – eben weil sie von klein auf ein starkes Vorbild hatten. Eigentlich eine wunderbare Nachricht, und doch ertappe ich mich bei dem Gedanken, wie tief der gegenteilige Glaubenssatz in uns verankert ist. Noch immer gibt es so viele Frauen – mich eingeschlossen –, die verinnerlicht haben, man müsse sich irgendwann zwischen Ambition und Familie entscheiden.

Es ist dieses eine, extrem hartnäckige gesellschaftliche Vorurteil, das Frauen permanent ein schlechtes Gewissen einredet: Der Glaube, dass eine erfolgreiche Karriere und eine gute Mutterrolle sich gegenseitig ausschließen. An dieser Stelle des Gesprächs wird Mireia ganz deutlich:

"Ich möchte auf den unglaublich frauenfeindlichen Glauben eingehen, den Teile der Gesellschaft haben, dass berufstätige Mütter keine guten Mütter sein können. Glücklicherweise sind einige der wunderbarsten Mütter, die ich kenne, nicht nur berufstätig, sondern machen Karriere. Es ist sehr wichtig, hier zu differenzieren."

Sie erzählt mir von erfolgreichen Frauen in ihrer eigenen Familie – von der Schwiegermutter bis zu ihren Schwägerinnen, die als CFO, Wirtschaftsanwältin oder Professorin für Menschenrechte absolute Spitzenpositionen besetzen und gleichzeitig liebevolle Mütter sind. Besonders berührt hat mich jedoch, was ihre eigenen Töchter im Teenageralter dazu sagen:

"Als meine Töchter kürzlich gefragt wurden, wie es ist, eine Mutter zu haben, die Karriere macht, sagten sie, dass sie sich sehr geliebt und unterstützt fühlen und dass sie große Träume für sich selbst haben, weil sie gesehen haben, dass es möglich ist, beides miteinander zu vereinbaren. Ich habe das Gefühl, sie von ganzem Herzen zu lieben und ihnen zu zeigen, dass sie ihr volles Potenzial ausschöpfen können, ist das beste Vermächtnis, das ich ihnen hinterlassen kann."

Vom Küchentisch in die Politik: Wie echter Wandel aussieht

Am Ende unseres Gesprächs blicken wir nach vorne. Es ist offensichtlich: Wir können die Welt nicht allein mit Excel-Tabellen am Küchentisch verändern. Es braucht das große Ganze. Auf meine Frage, was sich in der Arbeitswelt ändern muss, damit Führungspositionen für Mütter und Frauen endlich zur absoluten Selbstverständlichkeit werden, skizziert Mireia einen klaren Zwei-Stufen-Plan. Erstens brauche es einen Wandel auf politischer Ebene:

"Wir brauchen Regierungen, die von Anfang an faire Bedingungen schaffen, durch geschlechtsneutrale Elternzeitregelungen (wie in Schweden, wo der bezahlte Urlaub verfällt, wenn der Vater keinen Teil der Elternzeit nimmt, was Paare wirklich dazu animiert, sie 50:50 aufzuteilen), sowie durch die Bereitstellung kostenloser Kinderbetreuung während der Arbeitszeit. Dies sind keine Sonderleistungen, sondern Grundvoraussetzungen für Gleichberechtigung."

Zweitens müsse sich die private Aufteilung verändern: 

"Wir müssen die Aufteilung der Hausarbeit verändern, damit Frauen genauso viel Zeit haben wie Männer, um in ihre Karriere zu investieren und dieselben Führungspositionen zu erreichen."

Und wie würde unser aller Alltag aussehen, wenn diese beiden Ebenen endlich perfekt ineinandergreifen? Mireias Vision für die Zukunft ist ein Zustand, den ich mir für uns alle wünsche: Männer, so Mireia, würden dann genauso viel Elternzeit wie Frauen in Anspruch nehmen und ganz automatisch dieselben Kompromisse eingehen wie Frauen. Sie müssten manchmal Meetings wegen kranker Kinder absagen, Geschäftsreisen verschieben und könnten abends nicht mehr so viele Überstunden machen, weil der Haushalt wartet. Im Gegenzug wird endlich die Zeit der Frauen frei, um in ihre Karriere zu investieren, was zu echter Chancengleichheit führt.

You can't have it all – oder doch?

Kann man also doch alles haben? Eine Karriere, die einen erfüllt, und ein Kind – oder sogar mehrere? Das Gespräch mit Mireia gibt mir jedenfalls Mut. Frauen mit großen Ambitionen müssen sich nicht länger zwischen ihren Träumen zerreißen. Ja, man kann beides haben – den absoluten Traumjob und die erfüllte Mutterschaft. Klar ist aber auch: Das ist nichts, was wir Frauen allein und schweigend meistern können. Es ist eine Frage von klarer Kommunikation und echter Partnerschaft auf Augenhöhe.

Damit niemand von uns seine Träume aufgeben muss, braucht es den Mut, zu Hause den Mund aufzumachen, Erwartungen klar auszusprechen und sich einen Partner auszuwählen, der die Last nicht nur "mitträgt", sondern die Hälfte der Verantwortung übernimmt. Die erfolgreichen Frauen unserer Generation zeigen mir, dass dieser Weg offensteht. Es muss sich noch vieles verändern – in den Köpfen, in der Politik und in der Wirtschaft –, aber der erste Schritt beginnt bei uns selbst. Genau an dem Tisch, an dem wir gemeinsam mit unserem Partner die Zukunft planen.