Psychologie: Plötzlich landeten Nacktbilder von ihr im Internet – ein Opfer packt aus

Psychologie: Plötzlich landeten Nacktbilder von ihr im Internet – ein Opfer packt aus

Tausende Frauen werden in diesem Moment im Internet bloßgestellt. Porno-Plattformen wie PornHub und xHamster lassen es zu. Wie machtlos man als Opfer ist, hat auch Anna (30) erfahren. Sie fordert: Polizei und Staatsanwaltschaft müssen diese Form von Missbrauch endlich ernst nehmen.

Text von Maren Pletziger

© iStock/ PeopleImages
"Vielen Betroffenen fällt es schwer, sich anderen Menschen anzuvertrauen"

"Revenge Porn" heißt übersetzt so viel wie "Racheporno". Ein problematischer Begriff, da das Wort "Rache" darauf hindeutet, dass die Betroffene in irgendeiner Art und Weise selbst Schuld sei. Doch Revenge Porn ist ein Verbrechen – und Anna ist ein Opfer. "Zwei Jahre ist das jetzt her", erinnert sich die 30-Jährige an den Tag, an dem sie die traumatische Nachricht erhielt. "Mich hat ein alter Schulfreund auf Facebook angeschrieben, mit der Bitte, ihn unbedingt sofort zurückzurufen. So habe ich davon erfahren, dass online Nacktbilder von mir kursieren. Ich konnte das anfangs gar nicht glauben. Ich hatte Panik, weil ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht einschätzen konnte, welche Auswirkungen das auf mein künftiges Leben hat. Ich wusste nicht: Werden die Bilder jemals gelöscht oder bleiben die für immer im Netz? Wer hat das alles schon gesehen? Im ersten Moment war das ein Gefühl von komplettem Kontrollverlust."

Natürlich stellte sich Anna außerdem die Frage: Wer tut mir das an? Und warum? "Ex-Partner kann ich ausschließen", so Anna. Sie erklärt: "Nach aktuellem Stand der Ermittlungen ist die Person, die das hochgeladen hat, Mitglied eines sogenannten Exposer–Netzwerks. Das ist ein Zusammenschluss von Frauenhassern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Frauen bloßzustellen. Eines dieser Mitglieder hat sich offensichtlich auf illegale Weise Zugriff zu meinem Computer beziehungsweise zu meinen Daten, verschafft. Es hätte also auch jede andere Frau treffen können..." Eine Erkenntnis, die gleichermaßen erschreckend wie entlastend ist.

Wie viele Frauen schon Opfer dieser Form des sexuellen Missbrauchs geworden sind, ist unbekannt. Die Zahl der angezeigten Fälle sagt nicht viel aus, da die Dunkelziffer extrem hoch sein dürfte. Die Opfer fürchten sich vor Slutshaming und Sätzen wie: "Selbst schuld, wenn du Nacktbilder von dir machen lässt!" Wie schambehaftet das Thema ist, hat Anna erfahren, als sie sich mit anderen Opfern zusammenschließen wollte. "Als meine Bilder damals online gestellt worden sind, wurden vom selben Account, also vom selben Täter, noch weitere Galerien mit Fotos von 14 anderen Frauen hochgeladen. Ich habe versucht, die Frauen zu kontaktieren, in der Hoffnung, dass wir uns vielleicht zusammentun könnten. Eine sagte, dass es sich nicht um sie handeln würde, andere Frauen haben meine Anfrage leider ignoriert... Mir hat das noch mal vor Augen geführt, wie schwer es vielen Betroffenen fällt, sich damit auseinanderzusetzen und sich anderen Menschen anzuvertrauen."

Anna selbst wollte nicht verdrängen oder sich gar abinden. Sie ging in die Offensive. "Ich verfalle in solchen Situation eher in Aktionismus", erklärt sie. Die junge Frau musste jedoch erkennen, "dass die Polizei von ihren Prozessen her viel zu langsam ist. Es hat relativ lange gedauert – Tage, Wochen –, bis die Beamten wirklich verstanden haben, dass es sich um ein Gewaltverbrechen handelt." Für Anna schwer zu ertragen, denn sie wurde ja weiterhin öffentlich bloßgestellt. "Man muss wissen: Die Bilder waren mit meinem vollständigen Namen und mit einem Screenshot von meinem Facebook-Proil zu sehen, weswegen ich auf Facebook auch super viele Nachrichten bekommen habe. Dickpics und so." Wie nebenbei sagt sie: "Das war dann der nächste Übergriff." Beim Webseitenbetreiber hat Anna die Löschung der Bilder beantragt. Doch der Albtraum ist damit nicht vorbei. Zweimal sind die gelöschten Bilder wieder im Netz aufgetaucht, jedes Mal hat Anna wieder Anzeige erstattet. Ihr Fall wurde nach einigen Monaten eingestellt – mit der Begründung, dass er nicht im öffentlichen Interesse liege.

Ihre frustrierenden Erfahrungen mit der Polizei und dem Justizsystem führten zum "AnnaNackt"- Projekt, einer Website, die konkrete, praktische Hilfe für Betroffene bietet. "Ofiziell gelauncht haben wir ein Jahr, nachdem ich von meinen Nacktbildern erfahren habe. Wir sind eine Gruppe von betroffenen Frauen, die sich gegenseitig helfen. Wir haben ein Netzwerk von Anwältinnen, auf das wir verweisen können, und arbeiten mit 'HateAid' zusammen, einer Beratungsstelle für digitale Gewalt. Wir wollen Opfern, die mit uns in Kontakt treten, das Gefühl geben: Ihr seid damit nicht allein." 

Infos und Hilfe für Betroffene gibt es bei annanackt.com

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